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Wirtschaft Karriere
01/04/2020

Diese vier Talente werden 2020 für Veränderung sorgen

Vier Top-Talente, unter 35, erfolgreich, aufstrebend. Ob man über sie sprechen wird? Wir glauben schon.

von Sandra Baierl, Ornella Wächter

Was junge Menschen anstoßen und vorantreiben können hat im vergangenen Jahr die junge schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg gezeigt. Ja, man kann dieser Person durchaus kritisch gegenüber stehen, kann die Marketing-Maschine dahinter ablehnen, sie als fremdgesteuert bewerten, ihre kämpferische Art übertrieben finden.

Aber eines muss man Thunberg lassen: sie hat es wie keine andere geschafft, die Menschen zum Umdenken zu bringen, hat eine Veränderung in Weltpolitik und Weltwirtschaft erwirkt. Durch sie schlagen Industriekonzerne einen neuen Kurs ein, schwenkt die Politik auf grün, fahren die Menschen mehr Bahn.

Greta Thunberg hat den Klimawandel omnipräsent gemacht, das bewegt sogar den US-Präsidenten. Die schwedische Schülerin ist gerade 17 geworden und hat viel erreicht. Die neue österreichische Bundesregierung wird eine der jüngsten in der Geschichte Österreichs sein. Und auch sonst sorgen junge Talente in ihren 20ern und 30ern immer öfter für Aufsehen.

Den Überfliegern, den jungen Talenten unter 35, wird diese Titelgeschichte gewidmet. Der KURIER hat vier Persönlichkeiten ausfindig gemacht, die 2020 für Aufsehen sorgen werden:

Wunder-Student und Klima-Experte

Eric Steinberger, 21, begann schon mit 15 das erste Studium – heute kämpft er fürs Klima

Eric Steinberger gehört einer Generation an, die sich besonders intensiv mit dem Klimawandel auseinandersetzt. In  der ganzen Welt machen sich junge Menschen auf, um mit verschiedenen Formen von Aktivismus dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, gründen nachhaltige Start-ups, schließen sich Protestbewegungen an.

Der 21-jährige Wiener setzt auf den Bildungsweg. Seine Mission: Wissenschaftlich fundierte Informationen zum Klimawandel für den Otto-Normal-Verbraucher anzubieten. Vor vier Monaten gründeten Steinberger und 17 weitere Forscher,  Enwickler und Übersetzer aus aller Welt das Projekt „Climate Science“.

Bloggen über Klimawandel

Sie verfassen Artikel im Blogpost-Stil über klimarelevante Themen, die  kostenfrei auf Instagram veröffentlicht werden: sie schreiben über Umweltschäden, die durch Plastik verursacht werden, über den Einsatz von Atomkraft, Solarenergie oder wie viel Emissionen durch Ernährung freigesetzt werden.

„Wir bleiben dabei einfach und verständlich, gleichzeitig zitieren wir wissenschaftliche Quellen. Wir wollen damit die Informationen für jeden zugänglich machen.“ Bereits 60.000 Menschen folgen ihrem Account. Nun tüfteln die Forscher an einer App, die im Sommer 2020 auch an Schulen eingesetzt werden soll, um  Kurse rund um den Klimawandel  auch in die Klassenzimmer zu bringen.  

Erstes Studium mit 15

Dass Eric Steinberger generell eine Schwäche für komplexe Probleme hat und keinen Aufwand scheut, nach Lösungen zu suchen, kann man seiner Biografie entnehmen. „Ich hatte  schon immer einen enormen Wissensdurst“, erzählt Steinberger.  Schon mit 15 Jahren studierte er mithilfe von Online-Kursen Mathematik und Physik am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Mit 18 war er als Forschungsassistent an der Uni Luxemburg tätig, von dort kam er an die TU Wien, wo er u. a. in den Bereichen Blockchain und Robotics forschte – die Grundlage bildete seine HTL-Diplomarbeit. 

Jetzt, mit 21 Jahren, studiert er an der University of Cambridge Computer Science und will mit seinem Wissen einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten. Neben Studium und App-Launch, hält Steinberger auf internationalen Konferenzen Vorträge über Künstlich Intelligente Algorithmen und arbeitet bei Facebook AI Research. „Momentan ist es wirklich sehr intensiv. Meine Woche hat mindestens 80 Arbeitsstunden“, sagt Eric Steinberger und fügt  hinzu: „Eigentlich bin ich ein normaler Student – minus der Parties, die sind einfach nicht mein Ding.“ 

Chefin in einem globalen Beraterkonzern

Top-Managerin Olivia Stiedl, 34, ist gerne „die Bestimmerin“

Sie ist seit Kurzem 34 Jahre alt und weit gekommen. Im 53. Stock im DC Tower auf der Wiener Donauplatte führt Olivia Stiedl, seit dem Sommer Partnerin und Geschäftsführerin von PWC Österreich, ein 110-Personen-Team, mit dem sie einen Umsatz von 11 Millionen Euro (2018) erwirtschaftet. PWC ist eines der größten Beratungsunternehmen der Welt.

„Ich habe immer gerne Verantwortung übernommen. Es fällt mir leicht und ich habe keine Angst davor“, sagt sie. Zweifel, ob sie Herausforderungen bewältigt, sind ihr fremd. Hat sie sich dazu entschlossen, eine neue Aufgabe zu übernehmen, dann „stresst mich das nicht“, betont sie. Auch beim jüngsten großen Karrieresprung ging es für Stiedl nicht um das Ob.
Dass sie den Job übernimmt, war klar.

Eine Chefin, die loslassen kann

„Es war hauptsächlich eine Frage der Familienorganisation. Mein Mann und ich haben genau überlegt, wie wir das möglichst gut machen können“, sagt sie. Das Paar hat zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren. „Der Vorgesetzte soll nicht der Flaschenhals sein“, betont die Managerin. Zwar ist PWC hierarchisch organisiert, doch die Mitarbeiter haben viel Entscheidungskompetenz. „Man muss als Führungskraft auch loslassen und Aufgaben abgeben, um sich auf die Kernaufgaben konzentrieren zu können“, sagt sie.

Gerne erinnert sich die Top-Managerin an ihre erste echte Führungserfahrung und zugleich Lektion in Sachen Leadership. Damals setzte sie in ihrem Miniteam auf Monitoring des Arbeitsfortschritts. „Eines Tages kamen meine zwei Mitarbeiter zu mir und meinten: „Du must uns nicht täglich kontrollieren. Wir wissen, was wir tun, und wenn wir dich brauchen, melden wir uns.“

Keine einsame Entscheiderin

Bei Entscheidungen, die sie selbst zu treffen hat, zählt die Qualität der Entscheidungsgrundlage: „Ich habe nicht den Anspruch, allwissend zu sein. Die Frage ist vielmehr, auf welcher Basis ich meine Entscheidungen treffe“, betont Stiedl. Je nach Fragestellung tauscht sie sich mit anderen Führungskräften, Mentoren oder auch jungen Mitarbeitern aus.

Für eine Karriere in einem internationalen Unternehmen ist Durchhaltevermögen unverzichtbar. Der Antrieb zur Karriere kam aus ihr selbst. Schon am Spielplatz gab sie gerne die Bestimmerin – „damals wusste ich natürlich noch nicht, was ich heute über Leadership weiß“, sagt sie scherzhaft. Offene und wertschätzende Kommunikation ist ihr wichtig, doch auch zu kämpfen ist ihr nicht fremd. Auf die Frage, ob sie noch weiter nach oben will, antwortet Stiedl: „Ich habe noch ein langes Arbeitsleben vor mir und kann noch viele Führungsaufgaben übernehmen.“

Der Weltmeister will bei den EuroSkills in Graz noch einmal Sieger sein

Maler Sebastian Gruber, 22, trainiert hart für sein großes Ziel 2020: Europameister bei den EuroSkills in Graz zu werden

Das Jahr 2017 wird Sebastian Gruber für immer in Erinnerung bleiben. Die Vorbereitungen auf die Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi prägten den Tagesrhythmus des  jungen Malers über acht Monate hinweg. Anfangs wurden die einzelnen Wettbewerbsmodule   zwei bis drei Stunden nach der Arbeit durchgespielt, kurz vor Beginn der WorldSkills trainierte Gruber jeden Tag von 7 bis 21 Uhr. Auch am Wochenende.

In Abu Dhabi schließlich stand der damals 19-jährige Maler aus Kindberg auf dem Siegertreppchen ganz oben – als „Best of Nation“ mit einer Goldmedaille um den Hals. Er habe „irgendwie ziemlich viel richtig gemacht“, meinte er später in einem Youtube-Video.

Die Zeit nach den Skills war für den jungen Weltmeister nicht ruhiger. Die Berufsweltmeisterschaften sorgten für einigen Medienrummel. „Ich wurde oft interviewt,  zu Diskussionen geladen und habe Vorträge in Berufsschulen gehalten“, erzählt Gruber. „Für meine Persönlichkeitsentwicklung war dieser Wettbewerb sehr wichtig. Seitdem trete ich viel selbstbewusster auf und ich habe gelernt, vor großen Menschenmengen zu reden.“

Wie der Vater, so der Sohn

Sebastian Grubers Liebe zum Malerhandwerk machte sich früh bemerkbar. Bereits als Vierjähriger wusste der Steirer, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten und Malermeister werden möchte. In seinem Steckbrief der SkillsAustria schreibt der heute 22-Jährige, wie er es bereits als kleines Kind liebte, seinen Vater auf Baustellen begleiten zu können und ihm beim Malen zuzusehen.

Da lag die Entscheidung nah, dass Gruber nach der Hauptschule eine vierjährige Ausbildung bei der  Fachschule für Malerei an der HTL Baden absolvierte. Seit 2013 perfektioniert Gruber seine berufliche Praxis im elterlichen Malerbetrieb, den er, wenn die Zeit reif ist, auch übernehmen wird.  

Hoher Druck, hohe Erwartungen

2020 könnte für Sebastian Gruber ähnlich turbulent wie 2017 in Abu Dhabi verlaufen, denn er wird erneut bei den Skills  teilnehmen:  bei den Europameisterschaften im September in Graz. „Es ist wie ein Fieber. Wenn man einmal dabei war, kann man nicht mehr damit aufhören“, sagt er.

Doch auf seinen Schultern lastet viel Druck. Er muss hohen Erwartungen gerecht werden, dem ist er sich bewusst. Als ehemaliger Weltmeister zählt Gruber automatisch zum Favoritenkreis in Europa. Dass die Maler seit Jahren zu den besten Teilnehmern der Skills-Wettbewerbe gehören, macht die Sache nicht einfacher.

Bewertet wird nach Fehlern

„Der Druck in meiner Kategorie ist sehr hoch, die Juroren bewerten bei uns wirklich streng. Damit muss man auch umgehen können. Bei den Skills wird deine Arbeit nicht gelobt – sie wird auf Fehler untersucht.“ Die handwerklichen Fähigkeiten und das mentale Rüstzeug für die stressigen Bedingungen muss Sebastian Gruber nun wieder auffrischen.

Ab Februar beginnt er mit den Vorbereitungen, manches wird in Erinnerung gerufen, anderes muss er sich wieder hart erarbeiten. Aber der junge Maler ist schon voller Vorfreude: „Ich habe vor Kurzem das Werkzeug von einem WorldSkills-Teilnehmer in die Hand genommen und meine Finger haben sofort angefangen zu kribbeln!“    

Die Gründerin revolutioniert mit ihrem Start-up das Fotobuch

Bianca Busetti, 29, wollte immer „etwas Eigenes“ machen – heute hat ihr Unternehmen 24 Mitarbeiter und Kunden in hundert Ländern der Welt

„Wir wollen der aufsteigende Stern des persönlichen Fotomarkts sein“, sagt Bianca Busetti, Co-Gründerin des Wiener Start-ups journi – eine App, die Fotobücher automatisiert. Die Lust auf Entrepreneurship wurde ihr zwar nicht in die Wiege gelegt, doch früh entzündet. Als Schülerin der Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) in Ferlach sprang der Funken über, „etwas Eigenes“ aufbauen zu wollen.

Ihre beiden Mitgründer, Christian Papauschek und Andreas Röttl, lernte sie 2013 in einem digitalen Klassenraum kennen. Die drei belegten einen Onlinekurs der Stanford Universität in Entrepreneurship und sind seither ein Team. Nur ein Jahr später kündigten sie ihre Jobs, sicherten sich ein erstes Investment und legten los.

Schwierige Investorensuche

Einen Sommer lang arbeiteten sie intensiv in San Francisco an der Produktentwicklung. Doch als sie nach Österreich zurückkehrten, um eine weitere Finanzierung auf die Beine zu stellen und das Business richtig hochzuziehen, blitzten sie ab. „Die Investoren waren noch nicht überzeugt“, erinnert sich Busetti. Ihr und auch ihren Co-Gründer blieb nichts anderes übrig, als sich wieder Jobs zu suchen und in der Freizeit an der eigenen App zu tüfteln. „Mein Motto: Von nichts kommt nichts, und man braucht schon Biss“, sagt Busetti.

Die Start-up-Welt wirkt cool, doch hinter der Fassade gibt es vor allem viel Arbeit. „Wir achten aufeinander. Es ist uns wichtig, Urlaub zu nehmen und wir tun das auch“, sagt Busetti. Das Dranbleiben ging auf. Nachdem die App binnen eines Jahres von 10.000 Nutzern auf 100.000 zulegte, war die Basis für den Erfolg gelegt. Dazwischen gab es freilich auch Rückschläge, doch das harte Zwischenjahr in der frühen Gründungsgeschichte hat zusammengeschweißt.

Wichtigeste Energiequelle: ein gutes Umfeld

„Das Allerwichtigste ist das Team“, sagt Busetti. Aus der Ursprungsidee des Reisetagebuchs hat dieses Team schließlich das erfolgreiche journi-Geschäftsmodell des Fotobuchs auf Knopfdruck entwickelt. Die Energie, die Gründer benötigen, bezieht Busetti aus sich und dem richtigen Umfeld. „Ich wollte immer viel erreichen und etwas aufbauen“, sagt sie.

Seit ihrer Schulzeit fand sie sich immer wieder unter inspirierenden Menschen: In der Designklasse der HTL Ferlach, an der Angewandten in Wien, wo sie Industriedesign im Umfeld hochtalentierter und ehrgeiziger Kollegen studierte, und später mit ihrem Team im Wiener Co-Working-Space Sektor 5.

„Dort waren extrem motivierte Leute“, erinnert sich Busetti. Anders als bei vielen Start-ups ist der Exit, also der lukrative Verkauf des Unternehmens, laut Busetti „nicht das, worauf wir hinarbeiten“. Priorität haben internationales Wachstum und die laufende Optimierung des Produkts. journi hat mittlerweile 24 Mitarbeiter und Kunden in rund 100 Ländern.