Kevin Spacey geht als Frank Underwood in „House of Cards“ über Leichen, mittwochs auf ORF1.

© Orf / sony pictures

Wirtschaft Karriere
05/23/2016

Die Macht der Macht

Sie macht oft böse, noch öfter frei und fast immer süchtig: Einblicke in die Mechanismen der Macht.

von Nicole Thurn

"Nur mit Geld kann man sich für das, was an Einsatz hier verlangt wird, nicht motivieren. Das ist kein Animo. Ein Animo ist, die Möglichkeit, etwas gestalten, bewegen zu können. Das macht die Faszination aus", sagte Christian Kern als CEO der ÖBB im Interview auf der Plattform Whatchado.

Das Gesagte trifft wohl auch auf seinen neuen Job als Bundeskanzler zu. In seiner Antrittsrede kritisierte Kern das "Schauspiel der Machtversessenheit" in der Bundesregierung. Mit diesen Zitaten beschreibt er die zwei Motive für Macht. Nämlich einerseits das Gestalten. Und andererseits den reinen Selbstzweck.

Menschlich

Dabei ist das Streben nach Macht zutiefst menschlich. Es war unabdingbar für die menschliche Evolution, den Fortschritt. Es ist in unseren Genen grundgelegt und wird durch soziales Lernen verstärkt. Schon als Kleinkinder wollen wir unseren Willen durchsetzen und das Sagen haben. Psychoanalytiker Alfred Adler schrieb 1927 in seinem Werk "Menschenkenntnis", dass ein in der Kindheit entwickelter Minderwertigkeitskomplex mit dem Streben nach Macht überkompensiert wird. Macht erhöht uns, stellt uns über alle anderen. Ein wesentlicher Antrieb zur Macht liegt im Drang zur Selbstverwirklichung, zeigen aktuelle Verhaltensstudien. Annika Scholl vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen forscht seit Jahren dazu. "Menschen wollen Macht, weil sie Freiräume nutzen und ihre Ideen und Ziele umsetzen wollen."

Fragt man Top-Manager, nennen sie ebendiese Motive. Auch Valerie Höllinger, Chefin des Bildungsinstituts bfi Wien, bestätigt das. Doch wer erst mal vom süßen Nektar der Macht genascht hat, will meist noch mehr davon. Höllingers Name ist bei der Nachbesetzung des ÖBB-CEO-Postens gefallen. Die Managerin, zufrieden im Job, würde eine Offerte wie diese nicht ausschlagen: "Ich gebe zu, ich strebe ein breiteres Spektrum an Macht, einen größeren Hebel der Macht an. Wenn man im Fußball alles erreicht hat, will man Cricket spielen. Dahinter steht der Wunsch, mich selbst weiterzuentwickeln."

An sich nichts Verwerfliches. Dennoch hat Macht landläufig einen negativen Beigeschmack, nämlich, weil man sie schnell mit Missbrauch assoziiert. Machtanalytikerin Christine Bauer-Jelinek unterscheidet neben Machtmenschen (siehe Interview), die für ihre Ziele à la Frank Underwood in der US-Serie "House of Cards" über Leichen gehen, die Machtgestalter: jene, die reflektieren, denen es um die Sache geht. Bauer-Jelinek meint: "Machtmenschen kommen nur zu mir, wenn sie auf dem Sprung vom mittleren ins Topmanagement sind. Und dann zehn Jahre später wieder, wenn sie eine psychische Krise haben." In der Regel, weil ihnen Macht entzogen wurde. Ein Machtmensch könne mit Bewusstseinsbildung aber durchaus zum Machtgestalter werden.

Aus menschlich wird sadistisch

Psychologen gehen davon aus, dass ausgeprägte Machtmenschen eine narzisstische Störung aufweisen. Narzissten kämen im Top-Management dreieinhalb mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung, wie die US-Forscher Robert Hare und Paul Babiak herausgefunden haben wollen. Dass Macht böse machen kann, beweist auch das Stanford-Prison-Experiment im Jahr 1971. Damals unterteilte Psychologieprofessor Philip Zimbardo seine Studierenden in zwei Gruppen: Den Wärtern verlieh er absolute Macht, die Gefangenen wurden zu Nummern degradiert. Nach zwei Tagen schlugen die Wärter einen Aufstand der Gefangenen brutal nieder. Am sechsten Tag musste das Experiment abgebrochen werden. Zuvor freundliche Menschen waren zu Sadisten geworden. Der vormals nette Kollege mutiert zum herrischen Chef – das Experiment beschreibt somit dieses "Paradoxon der Macht".

Für Annika Scholl würde die Forschung eher bestätigen, was schon Abraham Lincoln erkannte: "Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht." Macht verstärkt, was schon vorhanden war. Ein sozialer Mensch wird die Macht nutzen, um etwas für andere zu bewirken, ein eigennütziger Mensch zu seinem Vorteil. Der Freiraum der Macht beflügelt also, kann aber auch korrumpieren. Auch die Unternehmenskultur spiele eine große Rolle, ob man als Manager eher egoistisch oder verantwortungsvoll agiere, sagt Scholl. Macht verändere das Verhalten jedenfalls generell: "Man handelt zielorientierter, zögert bei Entscheidungen weniger. Mächtige machen sich weniger Sorgen über das, was andere denken."

Und was sagen die Mächtigen?

Interview

KURIER: Warum will der eine Macht, der andere nicht?
Christine Bauer-Jelinek:
Ich unterscheide zwischen Machtmenschen, Machtgestaltern und Machtasketen, die Macht meiden. Machtmenschen streben nach der Macht selbst, die Macht ist das Ziel. Sie stellen sich keine moralischen Fragen, denken nicht auf der Metaebene, sondern an ihren nächsten Schachzug. Anzustreben ist die Rolle des Machtgestalters, der reflektiert und seine Macht einsetzt, um zu gestalten.

Die meisten behaupten doch von sich, gestalten zu wollen.
Ja, Manager sagen das oft, Politiker wollen neuerdings gar Österreich dienen. Das sind oft Schutzbehauptungen. Bei vielen erkennt man erst nach Jahren, dass sie in Wahrheit nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Machtmenschen geht es um den Kick, es in die nächsthöhere Position zu schaffen, zu gewinnen.

Inwiefern?
Oft denkt man, diese Menschen sind gescheitert. In Wirklichkeit haben sie den nächsten Karriereschritt längst geplant. Darum kriegen Top-Manager, die Schaden in Unternehmen verursacht haben, trotzdem die nächste hohe Position.

Was treibt solche Menschen an?
Macht ist wie eine Droge, macht süchtig – ähnlich der Spielsucht. Anstatt die letzte Abfindung zu nehmen und nie mehr arbeiten zu müssen, will man den nächsten Kick, die nächste Position. Das Spiel wird dann immer riskanter.

Macht Macht böse?
Ich glaube nicht, dass Macht den Charakter verdirbt, sondern ihn erst sichtbar macht. Die Verführung ist sehr groß, man muss sehr gefestigt sein und ein Umfeld haben, das einen korrigiert, einem Widerspruch gibt.

Haben Machtmenschen keine Angst?
Sie haben eine sehr gute Fassade. Sie haben die antreibende Angst eines Skispringers. In Phasen, wo die Macht zu kippen droht, wo sie in Krisen schlittern, steigt dann eine existenzielle Angst hoch. Dann greifen sie zu Alkohol, Medikamenten oder Drogen – oder sie beginnen, zu reflektieren.

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