Die Konjunktur heilt nicht alles

AMS-Qulifizierungsprojekt
Foto: KURIER/Gilbert Novy Petra Draxl, AMS-Wien-Chefin: Langzeitarbeitslose haben jetzt eine Chance  weniger“ 

Spürbare Erholung auf dem österreichischen Arbeitsmarkt, nur Wien hinkt mit 14,1 Prozent Arbeitslosenquote hinterher. Warum das so ist, erklärt AMS-Wien-Chefin Petra Draxl. Sie bedauert auch das Einstellen der Aktion 20.000.

KURIER: Auf dem Arbeitsmarkt tut sich viel: die Arbeitslosigkeit sinkt seit Monaten, es gibt mehr offene Stellen. Gilt das auch für Wien?

Petra Draxl: Ja, das gilt auch für Wien. Für 2018 liegt die Prognose für das Wirtschaftswachstum bei zumindest 2,4 Prozent. Wir sehen in allen Bereichen ein Wachstum – zum Glück mit einem relativ schnellen Effekt für den Arbeitsmarkt. Wien hatte 2017 ein Plus von 13,5 Prozent bei den offenen Stellen, auch für 2018 ist die Prognose eine gute.

Wien ist als Bundesland ein Sonderfall, das Sorgenkind Österreichs mit 14,1 Prozent Arbeitslosigkeit. Warum hinkt Wien den anderen Bundesländern so stark hinterher?

Insgesamt 163.052 Personen sind in Wien ohne Arbeit. Unser Thema ist, dass das Arbeitskräftepotenzial weiter wächst. Wir also viel Zuzug haben, es drängen immer noch viele Menschen etwa aus den Nachbarstaaten auf den Wiener Arbeitsmarkt. Da folgt Wien einem globalen Trend: Menschen wollen vermehrt in den Städten leben und arbeiten. Wien ist noch dazu eine junge Stadt, auch das heißt: hohes Arbeitskräftepotenzial.

Die Hälfte der beim AMS Wien Gemeldeten sind Migranten. Warum kommen sie so schwer unter? Was fehlt ihnen? Gibt es zu viele Vorurteile?

Das ist eine Frage der Qualifikationen und Ausbildung. Bei Migranten umso mehr, weil sie nicht auf dem Bildungsstand sind, den der Arbeitsmarkt verlangt. Und dann kommen die Vorurteile dazu: dass Firmen lieber den Franz als den Ali einstellen. Dieser Vorurteile kann man nur mit guter Qualifikation wettmachen.

Eine weitere Gruppe, der es nicht so gut geht sind die Älteren. Ihre Arbeitslosenzahl geht nur ganz leicht zurück. In einem Interview im Sommer haben Sie gesagt die "Aktion 20.000" wird voll ab Jänner greifen. Nun hat man sie eingestellt. Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie?

Die große Frage ist: Hilft diesen Menschen die gute Konjunkturlage und die Eingliederungshilfen, die wir haben? Das lässt sich jetzt noch nicht abschätzen. Für ältere Langzeitarbeitslose fällt mit der "Aktion 20.000" jetzt eine Chance weg. Das waren Leute, die drei, vier Jahre arbeitslos waren und die man so wieder in den Arbeitsmarkt geführt hat.

Sie hätten die Aktion also nicht ausgesetzt?

Ich gehöre auch zu denjenigen, die sagt, die Aktion war sehr groß bemessen. Unsere Schätzung war immer, dass wir zwischen 8000 und 10.000 solcher Jobs brauchen, nicht 20.000. Mit dem Aussetzen der Aktion ist der Einschnitt natürlich groß. Die Ministerin hat aber auch dezidiert gesagt, sie will jetzt aussetzen, evaluieren und dann entscheiden, ob und wie das weitergeht.

Kann die gute Konjunktur das auffangen?

Die gute Konjunktur hatten wir auch schon im vergangenen Jahr. Und man hat gesehen, dass sie das nicht ausgleichen konnte. Da sind die Vorurteile den Älteren gegenüber einfach zu massiv. Wenn das Arbeitskräftepotenzial sinkt, könnte es für Langzeitarbeitslose besser werden.

Wie viele Aktion-20.000-Fälle gibt es in Wien?

Wir haben 215 Personen vermittelt, 1087 sind in der Warteschleife. Da müssen wir jetzt schauen, ob wir die noch unterkriegen. Insgesamt reden wir also von 1300 Menschen mit bzw. ohne Job. Das ist nicht nichts.

Bei den Jungen sieht man eine klare Trendwende. Warum? Wirkt hier die Ausbildungspflicht bis 18?

Ja, das sind die ersten Ansätze. Und ich glaube, es kommt ein demografischer Effekt hinzu, schwächere Geburtenjahrgänge, vor allem in den Bundesländern. Außerdem hat man für die Jungen in den vergangenen Jahren besonder viel gemacht. Minister Hundstorfer ist das zuzuschreiben, das sind seine Lorbeeren.

Viele Asylberechtigte suchen den Weg nach Wien. Ist das ein Problem?

Wir haben momentan 18.278 Asylberechtigte im AMS Wien gemeldet, österreichweit insgesamt 30.866. Pro Monat kommen ca. 350 dazu. Ihre Verweildauer im AMS ist lang, perspektivisch dauert Integration drei bis fünf Jahre. Zum Vergleich: die durchschnittliche Meldedauer im AMS Wien ist 197 Tage.

(kurier) Erstellt am
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