Die Arbeitsmedizinerin Christa Sedlatschek ist seit 2011 Direktorin der EU-OSHA.

© Kurier/Juerg Christandl

Gesundheit
01/22/2015

Die Anti-Stress-Frau

Die Direktorin der Europa-Agentur für Arbeitsschutz will stressbedingte Ausfälle reduzieren.

von Andrea Hlinka

Es ist eine Österreicherin, die versucht faire Arbeitsbedingungen EU-weit zu verankern und das Bewusstsein für die Bedeutung von Gesundheit am Arbeitsplatz zu schärfen: Christa Sedlatschek. Seit 2011 ist sie Direktorin der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA). 2014 wurde unter ihrer Führung die EU-Kampagne "Gesunde Arbeitsplätze – den Stress managen" gestartet. Doch Studien zeigen, dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz noch immer enorm hoch sind. Wann wird sich das ändern? Christa Sedlatschek ist optimistisch.

KURIER: Sind Sie gestresst?

Christa Sedlatschek: Ich habe Wege gefunden, die mir beim Stressabbau helfen.

Welche sind das?

Sport ist für mich ganz wichtig. Delegieren ist sehr hilfreich – Aufgaben, nicht die Verantwortung. Und wichtig sind gute Mitarbeiter. Um Stress bei der Arbeit für alle zu reduzieren, sollte man mit der Belegschaft Kontakt halten – reden, reden, reden.

Wo liegt die Verantwortung eines gesunden Arbeitslebens? Bei jedem Mitarbeiter selbst oder beim Chef?

Primär ist die Führungskraft in der Pflicht. Gesundheit am Arbeitsplatz ist eine Managementaufgabe. Wenn der Wille des Managements nicht vorhanden ist, ist es schwierig, im Unternehmen etwas zu bewegen. Bei unserer ESENER-Befragungen zeigte sich, dass 80 Prozent der Manager bewusst ist, dass psychosoziale Risiken bei der Arbeit ein Problem darstellen, aber nur 30 Prozent der Unternehmen machen etwas. Hier sehen wir, dass das Wissen vorhanden ist, aber keine Umsetzung von Maßnahmen erfolgt.

Die Eigenverantwortung sehe ich als gesellschaftliches Problem: Viele Unternehmer machen die Erfahrung bereits bei Jugendlichen, dass das Bewusstsein und die Verantwortung für die eigene Gesundheit fehlen – es wurde ihnen nicht beigebracht.

Es gibt Gesetze zur Stressvermeidung und die EU-Kampagne für "Gesunde Arbeitsplätze" – und trotzdem zeigen Studien, dass immer mehr Menschen arbeitsplatzbedingt erkranken. Da wird in Unternehmen nicht genug getan.

Die Arbeitswelt hat sich verändert: Früher waren körperliche Schwerarbeit das vorherrschende Gesundheitsrisiko und Arbeitsunfälle waren das größte Problem. Heute sinkt die Zahl der Arbeitsunfälle in Europa stetig. Aber es gibt neue Risiken wie Zeitdruck, Flexibilisierung, Multitasking, Informationsüberflutung. Sie führen heute dazu, dass Stress eine der häufigsten Ursachen für Krankenstände und Frühpensionierungen sind. Aber das Management von Stress hinkt hinten nach. Für Führungskräfte besteht Handlungsbedarf, um mit diesen Risiken umgehen zu können. Daran werden wir noch arbeiten müssen.

Wie lange wird das brauchen?

Ich bin optimistisch, dass es besser wird. Wir werden auch mit der derzeitigen Kampagne nicht alle Unternehmen erreichen, aber die Tendenz ist steigend. Natürlich hinken auch immer einige Mitgliedsstaaten hinterher. Aber wir sehen, dass 28 EU-Mitgliedsländer bei der Kampagne mittun und das ist ein sehr positives Signal.

Stressfaktor Nummer eins in Europa ist die Unsicherheit am Arbeitsplatz. In welchen Ländern ist sie besonders stark ausgeprägt?

Zypern, Griechenland, Portugal, Spanien. Wenn Sie vor zehn Jahren gefragt hätten, ob in diesen Ländern die Menschen unter Stress leiden, wären die Zahlen der Gestressten eher niedrig. Heute sehen wir gerade in den von der Krise stark belasteten Ländern, dass der ökonomische Druck Auswirkungen hat: In Unternehmen wird gespart und damit wird auch in geringerem Umfang in den Arbeitsschutz investiert. Im Grunde schneidet sich jeder Unternehmer mit schlechten Arbeitsbedingungen ins eigene Fleisch. Denn wenn ein Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum ausfällt, kostet das Geld. Demgegenüber steht die Forderung, länger zu arbeiten. Das wird aber nur dann umsetzbar sein, wenn die Mitarbeiter auch lange arbeitsfähig bleiben.

Tun sich kleine und mittlere Unternehmen oder Großbetriebe (KMU) leichter, Gesundheit am Arbeitsplatz zu garantieren und Stress zu managen?

Ganz klar die Großen – sie haben die Strukturen, um Arbeitsplatzrisiken zu managen. KMU sind mehr unter Druck. Zudem ist in diesen Unternehmen das Bewusstsein für Sicherheit und Gesundheit oft nicht vorhanden. Unsere Erfahrung zeigt, dass oft die Meinung vertreten wird, sie hätten keine derartigen Probleme. Doch auch im Friseurladen kommt Druck und hohe Arbeitsbelastung auf.

Christa Sedlatschek

Die Kärntnerin Christa Sedlatschek studierte Medizin an der Uni Wien, ist Fachärztin für Arbeitsmedizin. Nach ihrem Studium war sie in der österr. Arbeitsinspektion tätig und wechselte 1993 ins Arbeits- und Sozialministerium. 1998 ging sie zur EU-OSHA, 2003 nach Berlin, um in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin tätig zu sein. 2011 wurde sie zur Direktorin der EU-OSHA in Bilbao ernannt.

Belastungstest
Infos über Belastungen am Arbeitsplatz unter: www.arbeitsinspektion.gv.at und
www.healthyworkplaces.eu

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