Zustelldienste und Onlinehändler zählen zu den Gewinnern der Corona-Pandemie

© REUTERS/Lucas Jackson

Wirtschaft Karriere
04/25/2020

Die Aktien-Gewinner der Corona-Krise

Einige Aktien setzten inmitten des historischen Absturzes zu Höhenflügen an. Diese Branchen zählen zu den Gewinnern.

von Hermann Sileitsch-Parzer, Anita Staudacher

So rasch, so tief: Einen vergleichbaren Absturz der Börsenkurse hatte die Welt bisher nicht gesehen. Und dennoch gibt es inmitten des Gemetzels Wertpapiere, die zu völlig unerwarteten Höhenflügen ansetzen. Wer jetzt einen Kaufdrang verspürt, der sei aber gewarnt: Es ist alles andere als fix, dass dieselben Papiere die Gewinner der nächsten drei Monate sind. So sprunghaft wie das Coronavirus entwickelt sich auch das Börsegeschehen.

Im Rückblick ist man aber immer schlauer. Hätte jemand Anfang 2020 eine Vorahnung gehabt und Aktien eines davor weithin unbekannten Molekulardiagnose-Unternehmens aus Utah (USA) erworben, er hätte reich werden können. Testkits für das SARS-CoV-2-Virus von Co-Diagnostics Inc. finden jetzt weltweit reißenden Absatz. Es lägen Aufträge aus 50 Ländern vor, sagte Chef Dwight Egan jüngst. Tendenz steigend: Mit den Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen wird der Bedarf an Tests steigen.

Wertsprung

Die Börsenperformance des Unternehmens sucht ihresgleichen. Die Aktie hat binnen drei Monaten – ungefähr dem Zeitraum, seit die Corona-Pandemie außerhalb Chinas zum Thema wurde – um mehr als 1.000 Prozent zugelegt. Noch im Jänner grundelte der Titel knapp über einem Dollar dahin, in den vergangenen Wochen sprang er bis auf zeitweise 20 Dollar. Und das in einem katastrophalen Börsenumfeld. Von den rund 2.700 Firmen im US-Technologieindex Nasdaq Composite schafften im selben Zeitraum nur 357 Werte ein Plus, 2.320 Papiere lagen im Minus (Stand 20. April). Achtung: Viele der kleineren Werte sind „Zockerpapiere“, deren Kurse extrem stark schwanken.

Medizintechnik, Biotechnologie, Pharma

Nicht alles ist rational erklärbar. Liberty Tripadvisor Holdings musste kürzlich sogar klarstellen, man können sich die exorbitanten Ausschläge selbst nicht erklären. Warum sollte just die Reiseplattform zu den Gewinnern der Corona-Reisebeschränkungen zählen? Logisch ist hingegen, dass jetzt Medizintechnik, Biotechnologie und Pharma gefragt sind wie nie, darunter Namen im breiteren und „seriöseren“ S&P500-Index wie Regeneron (+47 Prozent seit Mitte Jänner), Gilead (+33 Prozent) oder die Biotech-Firmen Incyte Corp (+24 Prozent ) und Biogen Inc. (+20 Prozent). Buchstäblich hoch im Kurs stehen aber auch Desinfektionsmittel von Clorox.

Infrastruktur, Lebensmittelhändler, Zusteller

Vom Homeoffice-Boom können sich wiederum auch jene ein Stück abschneiden (siehe Abschnitt "Digitaler Arbeitsplatz"), die Infrastruktur bereitstellen, etwa Immobilien für Großrechenzentren wie Digital Realty Trust (+20 Prozent) und Equinix (+18 Prozent) oder Mobilfunkmasten wie SBA Communications (+25 Prozent).

Im altehrwürdigen US-Index Dow Jones Industrial sind Gewinner rarer gestreut: Hier ragen nur die Supermarktkette Walmart und IT-Riese Microsoft wesentlich heraus. In Europa erlebt Ambu A/S, ein dänischer Anbieter klinischer Einweg-Beatmungsbeutel und Bronchoskope, eine ungeahnte Nachfrage. Ähnlich ergeht es – in ganz anderen Feldern – dem Online-Casino Evolution Gaming oder Zusteller HelloFresh mit Kursgewinnen zwischen 38 und 86 Prozent.

Wiener Gewinner

Und wie sieht es in Wien aus? Auf Sicht von drei Monaten weist der ATX Prime Index ein sattes Minus von 34 Prozent auf. Alle Titel verzeichnen Kursverluste. Alle? Nein, einer stemmt sich gegen den Trend: Die Semperit AG rettet dank ihrer (wegen schwacher Performance) in normalen Zeiten ungeliebten Medizin-Handschuhe ein zartes Plus von 1,4 Prozent über die Linie. Auch die Post wird ihrem konservativ-krisenfesten Image einigermaßen gerecht und kann – wie der Baukonzern Porr – den Verlust mit rund drei Prozent eingrenzen. Der Fairness halber sei angemerkt: Damit steht Wien nicht alleine da. Im DAX30-Index in Frankfurt (-23 Prozent) gibt es durch die Bank nur Verlierer.

Digitaler Arbeitsplatz

Digitale Produkte und Dienstleistungen rund ums  Homeoffice sind coronabedingt gefragt wie nie. Experten sind überzeugt davon, dass Web-Videokonferenzen und Tools zur Teamarbeit auch nach der Krise als Alternativen zu Dienstreisen häufiger genutzt werden. An der Börse profitieren davon vor allem etablierte Software-Spezialisten wie Microsoft mit seiner Teamarbeits-Software „Teams“, deren Nutzerzahl seit Ausbruch der Pandemie um 40 Prozent zulegte. 

Mit der Videotelefonie-Tochter Skype  hat Microsoft ein zweites Homeoffice-Ass im Ärmel. Der zuletzt etwas schwächelnde Dienst läuft dank Coronakrise zu neuer Hochform auf. Als Profiteure vom Homeoffice gelten auch der Netzwerkspezialist Citrix oder Grafikpionier Nvidia, deren Aktienkurse laut Analysten noch viel Potenzial haben.

Aufsteiger: Slack und Zoom

Als Aufsteiger des Jahres gelten schon jetzt die beiden Chat-Software-Anbieter Zoom und Slack. Der 2013 vom Kanadier Stewart Butterfield gegründete, vor allem bei Start-ups beliebte  Chat-Dienst Slack ging erst im Vorjahr an die Börse. Seither grundelt der Aktienkurs  weit unter seinem Ausgabekurs. Erst seit Corona die Nutzerzahlen  auf mehr als zehn Millionen in die Höhe trieb, bewegt sich auch der  Kurs - nach oben  wie nach unten. Anleger haben zwar hohe Erwartungen, die Geschäftszahlen dämpfen diese aber wieder.

Beim Rivalen Zoom schossen  die Nutzerzahlen von 10 Millionen im Dezember auf zuletzt 300 Millionen nach oben. Der Grund: Der Videochat-Dienst, eigentlich für den Einsatz im Unternehmen gedacht, wird jetzt sowohl im Homeoffice als auch für private Videochats, von Studenten und Schülern im Fernunterricht und selbst für Gottesdienste oder Online-Dates verwendet.

Der Zoom-Kurs hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Die Aktie gilt für einige Analysten schon als zu hoch bewertet, zumal Zoom mit Datenschutz-Problemen konfrontiert ist und auch die Zahl der Mitbewerber größer wird. Der deutsche Konkurrent TeamViewer oder US-Newcomer LogMeln (GotomyPC) gelten aus Sicht vieler Analysten noch als unterbewertet.

Pharma- und Biotech-Aktien im Corona-Aufwind

In der Pharmawelt dreht sich derzeit alles um zwei Fragen: Wer bringt das erste Mittel gegen das Coronavirus auf den Markt? Und wann? Mit einem Impfstoff sei wohl frühestens Ende 2021 zu rechnen, dämpfte diese Woche Roche-Chef Severin Schwan die Erwartungen. Roche selbst ist kein Impfstoff-Entwickler, hat aber einen Corona-Schnelltest  auf dem Markt. Schon weiter ist man bei der Behandlung von Covid-19-Patienten, wo schon mehrere Medikamente getestet werden. Der Entwicklungsfortschritt einzelner Kandidaten lässt sich auch an der Börse ablesen, Rückschläge inklusive.

Gilead, Regeneron Pharmaceuticals, Abbvie

Als vielversprechende Aktien in Bezug auf Covid-19 gelten aus der Sicht vieler Analysten derzeit die drei US-Pharmafirmen Gilead, Regeneron Pharmaceuticals, und Abbvie. Gilead ist mit dem Ebola-Mittel Remdesivir der Konkurrenz um eine Nasenlänger voraus. Es laufen bereits Zulassungsstudien. Erst in der Vorwoche sorgten positive Meldungen über vielversprechende Tests in Chicago für einen weiteren Kurshöhenflug. 

Gilead prüft bereits eine Massenproduktion von Remdesivir. Doch Experten raten  zur Vorsicht, zu schnell lösen sich Hoffnungen oft in Luft auf. Der Gilead-Kurs legte zuletzt eine Achterbahn-Fahrt zwischen 60 und 80 Dollar hin. Schon länger an der Börse gefragt ist Regeneron. Der gehypte US-Pharmakonzern, der mit Sanofi zusammenarbeitet,  will aus zwei verschiedenen Antikörpern einen Wirkstoffcocktail gegen das Coronavirus entwickeln und schon bald  mit klinischen Studien beginnen.

Auch ohne Corona ist Regeneron mit gut 30 Produkten in der Pipeline gut unterwegs. Abbvie wiederum hat bereits sein HIV-Medikament chinesischen Wissenschaftern für Studien mit Patienten zur Verfügung gestellt. Bei den Impfstoff-Entwicklern mischt mit BioNTech auch eine deutsche  Biotechfirma mit. Die Genehmigung für Tests mit  Patienten wurde diese Woche erteilt, der Aktienkurs hob um mehr als 20 Prozent ab. Im Wettlauf der Virenjäger mischen  auch   Big Pharmas wie Novartis, Johnson&Johnson, GlaxoSmithKline, Takeda Pharma mit. Wer das Rennen macht, ist offen.

Online-Shops, Zusteller und Streaming

Geschlossene Geschäfte und Restaurants, Ausgangsbeschränkungen, Arbeit von zu Hause aus:  Da schlägt die Stunde der „Zu-Hause-bleib-Aktien“. Einer der Hauptprofiteure in der Corona-Krise ist der weltgrößte Online-Händler Amazon. Wegen des riesigen Ansturms müssen Kunden derzeit zwar länger auf ihr Packerl warten und der Konzern steht wegen unzureichendem Mitarbeiterschutz und Kündigungen in der Kritik, doch an der Börse geht es   bergauf. Mitte April erreichte der Kurs der Amazon-Aktie ein neues Rekordhoch. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um ein Viertel gestiegen. Analysten sehen den US-Giganten auch längerfristig gut aufgestellt.

HelloFresh, Delivery Hero, Takeaway

Solange Restaurants geschlossen bleiben oder nur eingeschränkt öffnen dürfen, sind  Essens-Lieferdienste wie HelloFresh, Delivery Hero oder die niederländische Lieferando-Mutter Takeaway gefragt wie nie. Die Lieferdienste-Branche steckt jedoch mitten in der Konsolidierung. Die Übernahmewelle ist nicht vorbei, Prognosen über die Nach-Corona-Zeit sind schwierig. Die Papiere des Berliner Kochboxversenders HelloFresh kletterten im April erstmals über die 30-Euro-Marke. Vor einem Jahr war der Titel noch für unter 10 Euro zu haben. Fraglich, ob die Kochboxen auch nach der Krise noch ein Hit sind.

Netflix, Amazon Prime, Disney+

Vom Kino zu Hause profitieren derzeit die Streaming-Angebote von Netflix, Disney+ und Amazon Prime. Netflix – mit knapp 183 Millionen zahlenden Kunden die Nummer 1 in dem Bereich -– verbuchte im ersten Quartal 2020 den bisher größten Kundenandrang und übertraf sogar Analysten-Erwartungen. Der Umsatz stieg  im Jahresvergleich um rund 28 Prozent auf 5,8 Mrd. Dollar, der Gewinn hat sich mehr als verdoppelt.

Netflix, noch immer hoch verschuldet, warnte aber selbst seine Investoren vor Euphorie. Der Boom sei wohl nur vorübergehend, mit dem Ende der Pandemie dürfte auch das Wachstum wieder abflauen und die Abozahlen sinken. Zudem ging zuletzt mit dem Disney-Konzern ein mächtiger Mitbewerber an den Start. Die meisten Analysten halten die Netflix-Aktie schon für  relativ hoch bewertet, ein Großteil des  jüngsten Anstiegs war schon eingepreist.

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