u den eigenen Schwächen zu stehen, macht authentisch – zu viel Direktheit kann aber kontraproduktiv sein.

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Leadership
12/23/2014

Der Chef, eine echte Zumutung

Authentisch führen liegt im Trend – das kann aber auch die Karriere vermasseln.

von Nicole Thurn

Gibt man die Schlagworte "authentisch führen" bei Google ein, erhält man 851.000 Ergebnisse. Coaches bieten dazu Beratung und Seminare an, Experten geben Interviews und schreiben Bücher zu dem Thema. Der authentische Manager ist echt, angreifbar, mit Handschlagqualität. Glaubwürdig in seinen Entscheidungen, klar in der Sache und vertrauensvoll. Die natürliche Autorität des Chefs sorge dafür, dass die Mitarbeiter ihm folgen. "Followship" nennt das der Fachmund. So einen Chef wünscht sich jeder, keine Frage.

Gerade die jüngeren Mitarbeiter wollen solche Vorgesetzte, sagt Managementcoach Peter Tavolato. "Authentisch zu führen ist die einzige Möglichkeit, als Führungskraft wirksam zu sein", meint er. Oft würden Fachkräfte im Chefsessel landen, dort würde ihnen mitunter dazu geraten, sich zu verbiegen. Aber: "Haben Führungskräfte in Wahrheit ein anderes Bild von Wertschätzung oder Zusammenarbeit, als sie nach außen hin vertreten, dann bemerken das die Mitarbeiter." Mit fatalen Folgen: Die Führungskraft verliere ihre Glaubwürdigkeit, die Mitarbeiter verlieren ihre Motivation. "Und am Ende verlassen die Mitarbeiter nie das Unternehmen, sondern die Führungskraft", sagt Tavolato.

Offen gescheitert

Geht es nach Stefan Wachtel, Autor des Buchs "Sei nicht authentisch!", sollten Führungskräfte lieber nicht zu sehr sie selbst sein (siehe rechts). Authentizität sei eine Falle, erklärt er. Nämlich dann, wenn man allzu offenherzig Schwächen oder Gefühle zeige. "Niemand von uns sollte sich den anderen jederzeit pur zumuten", schreibt er. Immer ungeschönt zu sagen, was man denke, könne die eigene Karriere ganz schnell vermasseln.

Schwächen und Gefühle zu zeigen, sei heute für Führungskräfte unverzichtbar, um das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen, entgegnet Tavolato. Das bedeute schließlich aber nicht, dass die Führungskräfte ihre Gefühle an den Mitarbeitern rauslassen sollen. "Authentisch zu sein, heißt, sich über die eigenen Gefühle bewusst zu sein und sie regulieren zu können", erklärt er.

So sehen das auch die Sozialpsychologen Brian Goldman und Michael Kernis. Sie beschreiben vier Kriterien der Authentizität: 1. Bewusstheit über die eigenen Werte, Stärken und Schwächen. 2. Übereinstimmung des eigenen Verhaltens mit den eigenen Werten und Bedürfnissen. 3. Kritikfähigkeit. 4. Offenheit und Wahrhaftigkeit gegenüber nahestehenden Menschen.

Merkels tote Pfanne

Stefan Wachtel setzt dem entgegen: Am erfolgreichsten ist, wer es schafft, authentisch zu wirken, gleichzeitig aber möglichst wenig von sich preis zu geben. Angela Merkel beherrsche es perfekt, authentisch zu wirken – und gleichzeitig nur wenig von sich preis zu geben. Deadpan – die tote Pfanne – nennt man das im Schauspielfach.

Das Pokerface, sagt Peter Tavolato, sei zwar in der Politik durchaus sinnvoll. Doch im Management habe es nichts mehr verloren: "Der eiskalte Chef, von dem man nie weiß, wie es ihm geht – damit hat man früher Macht und Stärke assoziiert, doch diese Zeit ist vorbei." Heute sei es ratsam, Schwächen zu zeigen und Fehlentscheidungen zuzugeben.

Allerdings: Das "Authentischsein" wird zweifellos auch gern als Ausrede verwendet. Nämlich dann, wenn Veränderungen anstehen oder Kritik am eigenen Verhalten im Raum steht: Dann heißt es schnell: "Ich bin nun einmal so." Und das nicht nur vonseiten der Führungskräfte, sondern auch der Mitarbeiter. So zu bleiben wie man ist, bedeutet dann maximalen Stillstand, was die Persönlichkeitsentwicklung betrifft.

Muss man sich als Führungskraft dennoch verbiegen und die eigenen Überzeugungen hintanstellen, läuft das für Peter Tavolato auf zwei Fragen hinaus: "Ist man tatsächlich im richtigen Unternehmen? Oder ist man überhaupt als Führungskraft richtig?" Denn: Letztlich wird das Authentisch-Sein doch nur für unfähige Führungskräfte zum Problem.

Wann Ehrlichkeit der Karriere schadet

Vier Tipps aus Stefan Wachtels aktuellem Buch „Sei nicht authentisch!“ (Plassen Verlag).


1. Beherrschen Sie die Bühne – oder tun Sie als ob

Die eigene Wirkung entscheidet. An der Selbstinszenierung muss man arbeiten, um professionell zu wirken: Wie tritt man auf, mit welcher Gestik, welchem Blick, welchen Worten? Bei ganz authentischer Angst vor öffentlichen Auftritten hilft es wenig, das vor Publikum zuzugeben. Wachtels Rat: Halten Sie nicht eine Rede. Spielen Sie jemanden, der eine Rede hält. Die innere Distanz wirke Wunder.


2. Seien Sie nicht spontan

„Das Authentisch-Spontane ist gefährlich. Es mangelt an kritischem Verstand“, warnt der Autor. Mit einem gut vorbereiteten Plan wirke man aktiver und dem Anschein nach spontaner.


3. Behalten Sie Ihr Inneres für sich

Wenn Manager über sich selbst plaudern – Hund, Familie, oder was sie sich so im Flieger überlegt haben – wirkt das schnell selbstbezogen. Die Mitarbeiter wollen Ihren Plan wissen. Vermitteln Sie den Eindruck, Antworten zu haben, auch wenn es nicht so ist.


4. Ignorieren Sie Misserfolge

Wenn ein Misserfolg Sie lähmt, ignorieren Sie ihn einfach, rät Wachtel. Nur so kommt man wieder ins Tun.

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