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Wirtschaft Karriere
11/29/2020

Corona-Frust unter Ein-Personen-Unternehmen

Der Lockdown trifft Österreichs Kleinstunternehmen hart. Über Probleme mit Corona-Hilfen und warum keiner ans Aufgeben denkt

von Ornella Wächter

Als das Corona-Virus im vergangenen März die Wirtschaft lahmlegte, hatte Ursula Mörtl einen prallen Terminkalender mit Messeterminen, Kundentreffen und Vorträgen. Es lief gut für die selbstständige Raum-Balance-Architektin. Doch seither habe sie kaum mehr Aufträge, erzählt die Solo-Unternehmerin im Zoom-Gespräch.

Für ihre Arbeit – sie gestaltet Räume zum Wohnen und Arbeiten nach Feng Shui in Unternehmen, Geschäften, Lokalen und Privathäusern – sei der persönliche Kontakt zu Kunden und Räumen sehr wichtig. In Zeiten des Abstandhaltens und des mittlerweile zweiten Lockdowns eine große Hürde. „Kunden ausschließlich über Social Media zu erreichen ist nicht einfach, man braucht dafür auch eine gute Reichweite.“

Große Unsicherheit

Für die Grafikerin Lisa Weber war der erste Lockdown schlimmer als der zweite. „Ich habe einen großen Kunden verloren, außerdem war die Unsicherheit unter Selbstständigen sehr groß, finanzielle Hilfen waren noch sehr vage formuliert.“

Sie wisse jetzt, dass es immer irgendwie weiter gehe, wenn man dranbleibe, so Weber. „Aber die Monate April und Mai brauche ich nicht noch einmal – sie waren beängstigend.“

Krise im zweiten Jahr

Die Selbstständigkeit des Golftrainers Johannes Steiner wurde mit Corona bereits im zweiten Jahr einer Feuerprobe unterzogen. Aufgrund des Betretungsverbots von Sportstätten trainiert der ehemalige Profi-Golfer seine Schüler nun über den Bildschirm.

„Ich arbeite aber weniger als sonst, so ein Training nehmen nur sehr ambitionierte Spieler in Anspruch.“ Für die ersten beiden Monate im Lockdown habe er jeweils 1.000 Euro aus dem Härtefallfonds bekommen, so Steiner. „Aber wenn ich höhere Fixkosten hätte, wäre es zu wenig.“

Kaum Zeit für Erholung

Die drei Erzählungen sind exemplarisch für die insgesamt 318.793 Ein-Personen-Unternehmer und Selbstständigen (Stand Dezember 2019) in Österreich. Von einem Tag auf den anderen brach ihr Einkommen weg, Aufträge wurden storniert und Projekte verschoben.

Dienstleistungen virtuell anzubieten, fängt manche Selbstständige nur zum Teil ab, manche gar nicht, viele bangen um ihre Existenz. Denn auch wenn es im Mai zu Lockerungen kam, Geschäfte und Restaurants wieder öffnen durften – der Zeitraum zwischen dem ersten und zweiten Lockdown war zu kurz für eine Erholung.

Corona-Hilfsmaßnahmen

Um einer drohenden Pleitewelle entgegenzusteuern, wurde von der Regierung ein Hilfsnetz aus Förderungen und Zuschüssen geschaffen. Nach Kritik an Lücken im Rettungsschirm zu Beginn, wurde der Kreis der Bezieher ausgeweitet und die Hilfen von einer Milliarde Euro auf zwei Milliarden aufgestockt. Bisher konnten die Hilfsmaßnahmen die Zahl der Insolvenzen noch deutlich nach unten drücken.

Keine Pleitewelle

Auch der Kreditschutzverband von 1870 verzeichnet auf Nachfrage keine Insolvenzsteigerungen. Zwischen 16. März und 4. November 2020 wurden insgesamt 188 EPU-Insolvenzen eröffnet, 2019 waren es im selben Zeitraum 590 EPU und damit um 68 Prozent weniger, durchschnittlich gab es in diesem Zeitraum in ganz Österreich rund 50 Prozent weniger Pleiten.

Eine Insolvenz müsse aber nicht für ein unternehmerisches Aus stehen, so Karl-Heinz Götze Leiter Insolvenz bei KSV1870. „In Österreich münden rund 30 Prozent in einer positiven Sanierung. Vorausgesetzt, man meldet sie rechtzeitig an.“

Im Schnitt 1.200 Euro

Eines der Hilfsinstrumente ist der Härtefallfonds. Dieser decke nicht die Unternehmenskosten ab, sondern die Lebenskosten und sei somit eine Personenförderung, erklärt eine Mitarbeiterin der WKO dem KURIER. Anders als unselbstständig Beschäftigte beziehen Solo-Unternehmer kein Arbeitslosengeld, der Härtefallfonds ersetzt so zum Teil ihr Einkommen.

Aus Zahlen der Wirtschaftskammer geht hervor, dass seit 16. März rund 204.000 Personen im Zuge des Härtefallfonds gefördert wurden, rund 730,3 Millionen Euro wurden bisher ausgezahlt. Kleinstunternehmen bekamen im Schnitt 1.200 Euro.

Kaum Stundungen

Laut einer Umfrage der KMU Forschung Austria haben 57 Prozent der Unternehmen staatliche Unterstützungen in Anspruch genommen – beinahe alle den Härtefallfonds, deutlich weniger beantragt wurden Abgaben- und Steuerstundungen (36 Prozent), Ratenzahlung bzw. Stundung von Sozialversicherungsbeiträgen (35 Prozent) und Fixkostenzuschüsse (29 Prozent).

Letztere sollen Umsatzausfälle abfangen – wenn beispielsweise 60 Prozent vom Umsatz ausfallen, so werden auch 60 Prozent der Fixkosten ersetzt. Der Umsatzausfall muss mindestens 30 Prozent betragen. „Ich bearbeite den Antrag für den Fixkostenzuschuss nur mit einer Bekannten, sie ist Buchhalterin“, sagt die selbstständige Psychologin Christina Beran. „Das ist ein Bürokratie-Dschungel, da arbeite ich lieber mit einer Expertin zusammen.“

60 Prozent aller Unternehmen sind EPU

EPU sind eine tragende Säule in Österreichs Wirtschaft. Rund 60 Prozent aller Unternehmen sind Ein-Personen-Unternehmen. Doch die EPU-Welt sei vielfältig und manche Maßnahmen würden diesem bunten Strauß an Unternehmertätigkeiten nicht gerecht werden, kritisiert Sonja Lauterbach, selbst Unternehmerin.

Zum Beispiel gebe es die sogenannten hybriden EPU, die zum Teil selbstständig arbeiten, sowie in einer Anstellung. „Manche haben durch die Krise unternehmerische Probleme und haben ihren Teilzeitjob verloren. Da sie aber AMS-Geld beziehen, bekommen sie keine Unterstützung vom Härtefallfond, es ist ein Ausschlusskriterium.“

Ungenaue Kriterien

Lauterbach gründete im Frühjahr eine Facebook-Gruppe für betroffene EPU und Selbstständige, wo Mitglieder aktuelle Informationen rund um die Corona-Hilfsmaßnahmen erhalten, sowie Tipps im Umgang mit den Anträgen. Der Frust unter EPU sei groß, sagt sie.

„Da die Kriterien für Hilfen oft ungenau definiert waren. Es gab zwar Nachbesserungen, aber sie haben Chaos intensiviert.“ Zweitens sei es ein Problem, dass beim Fixkostenzuschuss I drei Bezugsmonate fehlen würden. „Der Zuschuss deckt nur drei Monate im Zeitraum Mitte März bis Mitte September. In den restlichen drei Monate türmt sich der Schaden.“

Kein regelmäßiges Einkommen

Grafikerin Weber nennt ein zweites Problem: Wer projektbezogen arbeitet, hat kein regelmäßiges Einkommen. „Es gibt Monate mit 500 Euro Umsatz, im Folgemonat sind es 15.000 Euro. Manche Kunden überweisen Honorare erst nach vier bis sechs Wochen, das verschiebt alles und man fällt mit dem Umsatzersatz aus dem Vergleichszeitraum heraus. Ich kenne keinen Einzelunternehmer, der aufgegeben hat. Die meisten brennen für das, was sie tun.“

Auch die Raum-Balance-Architektin Mörtl bleibt trotz des Auf und Abs der Gefühle in der Grundstimmung positiv: „In der Krise sind viele solidarische Projekte entstanden, unter den EPU gibt einen spürbaren Zusammenhalt.“

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