Wirtschaft | Karriere
02.09.2017

Chefbüro: Nicht mehr Statussymbol

Viele Manager verzichten zunehmend auf die Machtdemonstration in Form des repräsentativen Einzelbüros. Denn hierarchische Strukturen weichen der Teamarbeit, der Chef wird zum Coach.

Wie sehen moderne Chefbüros heute aus? Sitzen Führungskräfte so wie früher, in holzgetäfelten Räumen oder in einem Eck im Großraumbüro, inmitten der Kollegen und Mitarbeiter?

Einzelbüros sind in den Chefetagen immer noch weit verbreitet – 60 bis 70 Prozent der Chefs weltweit arbeiten so. Die meisten traditionellen Chefbüros verfügen über einen Schreibtisch mit Chefsessel, großflächige Bilder an der Wand und ein Besprechungs-Eck für Gespräche mit Mitarbeitern und Kollegen. Vor dem Büro sitzt die Assistentin, sie überwacht, dass niemand unangemeldet ins Chefbüro gelangt. Den Status als Führungskraft definieren heute aber nur noch 20 Prozent der Chefs und Chefinnen über ihr Büro, so das Ergebnis des Hernstein Management Reports.

Das Aussehen der Büros ändert sich. Das hat auch mit dem Kostendruck der Firmen zu tun: Dunkle Vollholzmöbel, wuchtige Sessel und gepolsterte Türen sind in vielen Branchen Auslaufmodelle. "Das Chefbüro wird kleiner und offener", betont Stephan Derr, Vorstand des weltweit tätigen Büroausstatters Steelcase. "Statt Echtholz und Ledercouch gibt es mehr Glas, das suggeriert Offenheit und Transparenz." Gleichzeitig werden die Hierarchien in Büros zunehmend abgebaut. Die Mitarbeiter sind keine Befehlsempfänger sondern Teil des Teams. Kunstwerke, die das traditionelle Chefbüro zieren, werden öffentlich zugänglich, indem sie das Besprechungszimmer verschönern. "Es wäre eine Diskrepanz, wenn sie nur dem Chef zur Inspiration dienen", sagt Derr.

Worauf es ankommt

Wie das Chefbüro konkret aussieht, hängt von vielen Faktoren ab: Einerseits von der Branche. "Wenn ein Anwalt im Großraumbüro mit seinen Kollegen sitzt, dann habe ich als Klient den Eindruck, hier gibt es keine Vertraulichkeit", sagt Derr. In dieser Branche ist die geschlossene Tür ein Muss. Anders ist das bei modernen Firmen wie Google. "Wenn der Chef dort hinter einer verschlossenen Tür sitzt, ist das schlecht", so der Steelcase-Vorstand. Schlecht für das Image.

Andererseits hängt es von der Unternehmenskultur ab, wie das Chefbüro aussieht. "Für den Patriarch in Familienunternehmen wäre es vielleicht sogar ein Risiko, auf sein repräsentatives Chefbüro zu verzichten", sagt Derr. Aber in den meisten Unternehmen ist ein abgeschlossener Raum allein ohnehin zu wenig, um den Status als Führungsposition nach außen sichtbar zu machen.

Welcher Eindruck?

Jeder Chef muss sich heute fragen, welchen Eindruck sein Büro auf die Mitarbeiter macht. Was vermittle ich den heute 20- bis 30-Jährigen? Wie attraktiv bin ich als Arbeitgeber? "Wenn man den Mitarbeitern zutraut, in offenen Strukturen zu arbeiten, dann sollte der Chef das auch vorleben", sagt Derr. Einen radikalen Schritt hat Vodafone Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter gesetzt. Er selbst hat gar kein Büro mehr, sondern sitzt im Großraum bei seinen Vorstands-Kollegen. "Mein Büro, das ist mein iPhone und mein Notebook. Ich habe keinen einzigen Aktenordner." Für vertrauliche Gespräche zieht sich Ametsreiter in ein Extrazimmer zurück. Auch T-Mobile-CEO Andreas Bierwirth hat sein Einzelbüro aufgegeben. Er teilt sich das Büro mit den drei anderen Geschäftsführern. "Durch die Zusammenlegung der vier Vorstandsbüros in ein einziges können wir schneller Entscheidungen treffen, für die wir früher eigene Abstimmungsmeetings benötigt haben. Auch lassen sich kritische Diskussionen schneller lösen als in großen Meetings. Für unsere Mitarbeiter sind wir leichter zugänglich", so Bierwirth. Robin Rumler, Geschäftsführer des Pharmakonzerns Pfizer Österreich, hat zwar noch ein Einzelbüro, es spiegelt aber seinen Managementstil als Chef auf Augenhöhe wider. "Wir haben eine offene Bürolandschaft, die Tür zu meinem Büro ist transparent und die meiste Zeit offen", betont Rumler. Büronomaden, die dank Technik überall arbeiten, sind heute noch in der Unterzahl. Wissenschaftler sagen jedoch voraus, dass es das (Chef)-Büro, wie wir es kennen, in Zukunft nicht mehr geben wird.

Offene Türen: nicht immer sinnvoll

Doch was bedeutet das für den Sicherheits-Aspekt? Viele Chefetagen sind abgeschottet – Fremde sollen keinen Zutritt haben, dafür sorgen diverse Zutrittssysteme. Meist gibt es eine Schleuse beim Haupteingang im Erdgeschoß und mit einer Zutrittskarte kommen die Mitarbeiter in die einzelnen Bereiche. "Auch wenn es das Einzelbüro nicht mehr in dieser Form gibt, braucht jede Führungskraft zumindest einen versperrbaren Bereich für wichtige Unterlagen und einen Rückzugsort für vertrauliche Gespräche", sagt Markus Wiesner, Geschäftsführer des österreichischen Büromöbelherstellers Wiesner-Hager:. Doch ein bestimmter Sicherheitsstandard kann in Büros auch hierarchiefrei etabliert werden. Stephan Derr, Büroexperte von Steelcase: "Denn es hat Symbolkraft, ob ich als Führungskraft abgeschottet bin oder für Mitarbeiter jederzeit erreichbar."

Büros von Politikern sind meist sehr groß und repräsentativ, dem Amt geschuldet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Schreibtisch in ihrem Büro im Bundeskanzleramt in Berlin. Im Hintergrund: ein Gemälde, das Konrad Hermann Adenauer zeigt, den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Merkels Büro ist riesig, 140 Quadratmeter groß, verfügt über eine Sitzgruppe und einen großen Fernseher.
Das Oval Office des Weißen Hauses in Washington D.C. ist Amts- und offizieller Regierungssitz des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der jetzige Präsident, Donald Trump, hat die Einrichtung seiner Lieblingsfarbe angepasst: die schweren Vorhänge vor den Fenstern und die beiden Sofas sind nun in Gold gehalten.
Im Kanzleramt am Ballhausplatz 2 befindet sich das Büro des österreichischen Bundeskanzlers Christian Kern. So, wie jeder Kanzler, konnte er sich das Zimmer, in dem er arbeiten will, aussuchen. Er entschied sich wie seine Vorgänger Schüssel, Gusenbauer und Faymann für das Metternich-Zimmer.

Wie sich die Office-Landschaft von den Anfängen bis heute entwickelt hat

Die ersten Büros – Räume die ausschließlich für Schreibtischarbeit gedacht waren – kamen um 1800 für Beamte oder Handwerker auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren nur drei Prozent aller Beschäftigten als Büroangestellte tätig, heute arbeitet jeder Zweite am Schreibtisch. Die Office-Landschaft war zunächst großzügig, dann wurde der Platz immer knapper. Ende der 1980er Jahre arbeiten die ersten Mitarbeiter mit Computern, das Großraumbüro hält Einzug. Heute geht der Trend eher Richtung Smart Office: Terminkalender, Raumbuchungssystem, alles wird digital vernetzt. Die Führungskraft wird vom fachlich inhaltlichen Tonangeber zum Coach.