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Interview
04/24/2021

Burnout: Warum zu viel Arbeit nicht die Ursache ist und wie man vorbeugt

Zu viel Arbeit endet früher oder später im Burnout – so wird es oft angenommen. Stimmt nicht, sagt Expertin Tanja Reiter. Im Interview erklärt sie die wirkliche Ursache und wie wir vorbeugen können.

von Theresa Kopper

KURIER: Arbeitszeiten, äußere Umstände, hohes Pensum – bis jetzt wurde vielfach angenommen, dass das die ausschlaggebenden Gründe für ein Burnout sind. Sie haben herausgefunden, dass es oft an etwas anderem liegt. Woran denn? 

Tanja Reiter: Wir alle kennen die Geschichten von Menschen, die Tag und Nacht arbeiten und mit der Zeit ausbrennen. In der allgemeinen Wahrnehmung schwingt beim Thema Burnout immer ein „Zuviel“ mit.  In meiner Studie kam ich aber auf ein ganz anderes Ergebnis. 

Das ist überraschend – war es das auch für Sie?

Total. Ich habe natürlich die unterschiedlichsten Faktoren geprüft: Wie alt ist jemand? Wie sind Bildungsstatus und Familienstand? Gibt es Kinder oder pflegebedürftige Angehörige? Und natürlich auch Arbeitszeiten, Betriebsklima und das Arbeitspensum? Nichts davon schien aber einen signifikanten Einfluss zu haben, bis auf den Faktor der eigenen Person und ob man dieser treu ist. Damit hätte ich nicht gerechnet. 

Was ist es denn nun wirklich die Ursache für ein Burnout?

Es liegt vor allem daran, ob man sich selbst treu ist. Das ist nach meinen Untersuchungen entscheidender als das Arbeitspensum allein.

Auch die Persönlichkeit spielt keine Rolle?

Eine Persönlichkeit, die sehr auf die Wirkung nach Außen fokussiert ist und stark nach Anerkennung strebt, sich aber gleichzeitig schwer tut, den hohen Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden, ist bestimmt nicht hilfreich. 

Sie haben  auch Interviews mit Betroffenen geführt. Welche Aussagen sind bei Ihnen besonders hängen geblieben? 

Was mich wirklich erstaunt hat, ist, wie ähnlich die Aussagen aller Teilnehmer in Bezug auf die Ursache für ihr Burnout waren. Die meisten gaben an, eine Maske aufgehabt und eine Show abgezogen zu haben.  Das Bild, das sie nach außen abgaben, stimmte nicht mit ihrem tiefsten Inneren überein. Das führte letztendlich dazu, dass sie ausbrannten. 

Im Umkehrschluss würde das aber auch bedeuten, dass jemand, der seine Arbeit leidenschaftlich gerne macht, nicht gefährdet ist.

Das stimmt so natürlich nicht. Das Arbeitspensum und entsprechende Ruhephasen spielen mit Sicherheit eine Rolle. Gerade in der aktuellen Krise, in der Eltern sehr oft Beruf und die schulische Ausbildung der Kinder unter einen Hut bringen müssen, kommt Erholung oft zu kurz. Hier sehe ich eine enorme Gefahr. Aber es ist eben nicht der einzige Grund.

Was bedeutet ’sich selbst treu sein’  konkret?

Es geht einerseits darum, sich immer wieder mit sich und seinen Wertvorstellungen auseinanderzusetzen und für diese Werte im Alltag auch einzustehen. Das kann am Anfang schwerfallen, Selbsttreue ist aber so etwas wie ein trainierbarer Muskel. Je öfter ich es mache, desto leichter fällt es mir auch. 
Andererseits muss ich mich auch selbst ernst nehmen und immer wieder fragen: Passt der Job noch zu mir? Will ich das Projekt wirklich machen? Und stimmen die Umstände mit meinen eigenen Bedürfnissen überein? Und dann gilt es, die Konsequenzen zu ziehen. Solche Fragen aber einfach zu übergehen, kann gefährlich sein. 

Sind das auch ihre Tipps, um einem Burnout gezielt vorzubeugen?

Auf jeden Fall. Spannend  dabei ist  auch, dass sich die eigenen Wertvorstellungen im Laufe des Lebens verändern. Als Single hat man natürlich andere Bedürfnisse als in einer Partnerschaft oder als Familie. Hier aufmerksam zu sein und auf Veränderungen zu reagieren – damit ist schon viel gewonnen.   

Zur Person:

Tanja Reiter ist Unternehmensberaterin und Business Coach, die sich mit ihrem Unternehmen
back2business auf Auszeitmanagement und Wiedereinstieg spezialisiert hat. Die zitierte Studie hat sie im Rahmen ihrer Dissertation an der Sigmund Freud Universität Wien durchgeführt. An der Befragung nahmen Angestellte und Führungskräfte österreichischer Großkonzerne in unterschiedlichen Branchen teil. 

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