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17.09.2017

Konrad Paul Liessmann: Was gebildete Menschen wirklich ausmacht

Der Philosoph über Kompetenzen, Wissen und die Bedeutung des Gymnasiums - und warum über Bildung nicht geredet wird.

Seit Jahren jagt eine Bildungsreform die andere. Auch weil die Verantwortlichen hoffen, dass Bildung die Lösung aller ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Probleme ist, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann in seinem neuesten Buch schreibt (re.). Ein Gespräch über Schule, gebildete Menschen und den Sinn und Unsinn von Reformen.

KURIER: Sprechen wir über Bildung und beginnen mit ganz Elementarem: Wozu geht man eigentlich in die Schule?

Konrad Paul Liessmann: Die Antwort ist auch ganz elementar: Um etwas zu lernen. Zuerst sollen in der Schule jene Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprechen, Denken erworben und geübt werden, die es dann erlauben, "etwas" zu lernen, also grundlegende Kenntnisse über die Welt, die Natur, die Gesellschaft, die Kulturen, die Geschichte und nicht zuletzt über sich selbst zu erwerben. Und schließlich soll dieses Lernen dazu befähigen, selbstständig weiter zu lernen und sich zu bilden.

Bildung als Provokation – so der Titel Ihres Buchs: Was macht einen gebildeten Menschen aus?

Bildung fragt danach, inwiefern Menschen durch das Wissen, durch die Kenntnisse, die sie erwerben, durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie trainieren, in ihrer Persönlichkeit geformt und geprägt werden. Rein formale Kompetenzen haben deshalb mit Bildung wenig zu tun. Gebildet ist nicht derjenige, der eine Lesekompetenz aufweist, sondern derjenige, der ganz bestimmte Bücher gelesen hat und durch sie geprägt wurde. Gebildet ist auch nicht derjenige, der eine unspezifische Sozialkompetenz aufweist, sondern derjenige, der weiß, welches Verhalten in welchen Situationen angemessen ist. Der Gebildete ist übrigens kein wandelndes Lexikon, sondern es geht ihm um Grundlegendes, prinzipielles Wissen, um den Versuch, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, und nicht zuletzt um das Wissen darum, was man nicht weiß. Bildung hat für mich – vielleicht bin ich da altmodisch – viel mit Mündigkeit, Freiheit, Urteilskraft, Belesenheit, Geschichtsbewusstsein, sprachlicher Sorgfalt und Genauigkeit, moralischer Sensibilität und ästhetischem Geschmack zu tun.

Über die AHS wird viel geredet, doch was diese vermitteln soll, ist kein Thema. Brauchen wir das Gymnasium noch?

Nun, orientiert man sich an der Nachfrage, ist das Gymnasium nach wie vor sehr begehrt und erfolgreich. Als Allgemeinbildende Höhere Schule hatte und hat es den Anspruch, nicht berufsspezifisch auszubilden, sondern jene Voraussetzungen zu vermitteln, die es jungen Menschen erlaubt, sich in der Welt zu orientieren und ohne Probleme beliebige tertiäre Bildungsangebote, Universitäten oder Fachhochschulen, zu nutzen. Aus diesem Anspruch ergeben sich auch die zentralen Inhalte, zu denen Fremdsprachen, alte Sprachen, grundlegende mathematisch-naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Inhalte sowie die musischen Fächer gehören. Auch wenn die Kompetenzorientierung der neuen Lehrpläne diesen Ansprüchen gegenüber nicht förderlich ist, glaube ich, dass die Gymnasien über weite Strecken diese Anforderungen noch erfüllen können.

Welche Punkte kommen Ihrer Meinung nach in der Debatte über Bildung viel zu kurz?

Es wird unter dem Titel "Bildung" ja gerade nicht über Bildung geredet. Es geht bei den Debatten um Organisations- und Verwaltungsfragen, oder um die vollkommen überbewerteten Kompetenzen, um Test und Rankings oder um die Voraussetzungen für Bildung, die oft nicht mehr gewährleistet werden kennen – Stichwort: Analphabetismus. Ginge es um Bildung, hätten wir Debatten über Inhalte, über ästhetische Kanons, über die Frage nach der Bedeutung der Literatur für den Sprachunterricht, über die Inhalte des Geschichtsunterrichts, über die Bedeutung naturwissenschaftlichen Denkens für unsere Zeit, über die Bedeutung von Mathematik und Statistik für ökonomische und gesellschaftspolitische Diskurse, über das stets gespannte Verhältnis von Ethik und Religion, über einen kritischen Umgang mit der Digitalisierung. Stattdessen feiern wir die abstruse Idee, Volksschulen mit Tablets auszustatten.

Sie sagen, dass Bildung nicht unbedingt zu mehr ökonomischer und politischer Teilhabe führt. Welche Konsequenzen soll man aus dieser Erkenntnis ziehen?

Wir wollen uns zwar nicht mehr mit inhaltlichen Bildungsansprüchen auseinandersetzen, glauben aber, dass Bildung alle Probleme lösen kann – die der sozialen Gerechtigkeit ebenso wie die der ökonomischen Benachteiligung. Die Zeiten, in denen ein tertiärer Abschluss einen sicheren Arbeitsplatz und ein hohes Einkommen garantiert, gehen allerdings dem Ende zu. Angesichts der inflationären Zunahme von Abschlüssen aller Art droht ein akademisches Prekariat. Das ist keine Argument gegen eine gute Bildung, denn diese erlaubt natürlich auch, auf schwierige und unsichere Entwicklungen flexibel und angemessen zu reagieren. Aber man sollte mit Versprechungen vorsichtig sein und der formalen Bildung nicht Dinge zutrauen, die sie nicht einlösen kann. Wer an Bildungssysteme überzogene, utopische und oft auch widersprüchliche Forderungen stellt, produziert jene Enttäuschungen, die dann wieder als Bildungskrise in Erscheinung treten.

Autonomie und Individualisierung sind die Schlagworte der Reformer. Bringen Sie unser Schulsystem wirklich weiter?

Bildung ging es immer um die Bildung des Einzelnen, hin zu Mündigkeit und Selbstbestimmtheit. Gerade das ist mit diesen Schlagworten allerdings nicht gemeint. Hier geht es um Fragen der Schulverwaltung, Einsparungspotenziale und eine Neuorganisation von Lernprozessen, die die soziale Kluft zwischen denjenigen, die aufgrund ihrer Herkunft und Begabung selbstständig lernen können, und denjenigen, die aus unterschiedlichen Gründen diese Disziplin nicht aufbringen, verstärken wird. Dass wir Bildung als gemeinsamen und sozialen Prozess des Lernens und Lehrens versucht haben zu organisieren, hatte ja gute Gründe. Denn es geht dabei auch darum, dass der Einzelne sein Verhältnis zur Welt, und das heißt zu den anderen Menschen, gestalten kann. Mit dem Tablet alleingelassen wird daraus nichts werden.

Kann Demokratie funktionieren, wenn sich die Gesellschaft zunehmend separiert? Braucht es ein gemeinsames Mindestmaß an Verstehen gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Zusammenhänge?

Vorerst bedeutet dies, trendigen Schlagworten wie Individualisierung mit Vorsicht zu begegnen. Natürlich funktioniert eine Demokratie besser, wenn es eine gemeinsame Basis bei Grundkenntnissen, bei der Beherrschung der Kulturtechniken und beim Verstehen wesentlicher Zusammenhänge gibt. Schule wurde ja auch deshalb kollektiv organisiert, um solche Verbindlichkeiten und Standards transparent zu machen und zu vermitteln. Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass eine bestimmte Bildung eine unbedingte Voraussetzung für die Teilnahme an demokratischen Prozessen ist. Der große Vorteil der Demokratie besteht darin, jedem erwachsenen Bürger bedingungslos das Wahlrecht zuzusprechen. Genau das schützt vor einem Zerfall der Gesellschaft, denn es erlaubt die politische Willensbildung unterschiedlicher Menschen und sozialer Gruppen.

Zur Person Konrad Paul Liessmann (geboren 1953 in Villach) studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie und wurde 1995 an der Uni Wien zum außer- ordentlichen Professor ernannt.

Neues Buch:Bildung als Provokation“, Zsolnay Verlag, erscheint am 26. September, 240 Seiten, 22,70 Euro.