Diskussion: Durchschnitt bremst Talent

„Die Schulpolitik macht die Talente unserer Kinder kaputt“, meint Markus Hengstschläger. Stimmt das überhaupt? Das sagen Bildungsexperten.

Die Gesellschaft produziert Alleskönner, guten Durchschnitt eben. „Doch das reicht nicht, um für die Zukunft gerüstet zu sein“, meint der Genetiker Markus Hengstschläger. „Weil wir nicht wissen, welche Herausforderungen wir einmal meistern müssen, sollten wir jetzt alle Talente fördern – und jeder Mensch hat welche. Jedes Talent ist dabei gleich viel wert“, schreibt der Top-Wissenschaftler im neuen Buch „Die Durchschnittsfalle.“

Hat er mit seinen Thesen recht? Motivieren wir Kinder zu wenig, Spitzenleistungen hervorzubringen? In der Öffentlichkeit werden Hengstschlägers Thesen derzeit heftig diskutiert. Was meinen Bildungsexperten? Der KURIER lud Hengstschläger, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Bildungsforscherin Christiane Spiel und die langjährige AHS-Direktorin Heidi Schrodt zum Gespräch.

KURIER: Herr Minister, machen die Schulen Kinder zu Durchschnittskindern?

Karlheinz Töchterle: In vielem schreibt mir Markus Hengstschläger aus der Seele: Das Bildungssystem sollte mehr auf die Stärken abstellen. Doch ich habe schon auch grundlegende Einwände zu seinem Buch.

Welche da wären?

Töchterle: Erstens: Seine Ausgangsthese, dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, greift mir etwas zu kurz. Wir lernen aus der Vergangenheit. Als alpiner Mensch weiß ich zum Beispiel: Ich baue kein Haus in einen Lawinenstrich. Zweitens: Der Fokus liegt zu stark auf den Stärken des Kindes. Das widerspricht aber unserer abendländischen Bildungstradition: Seit der Antike wird die Allgemeinbildung gefordert. Wir können nicht nur Stärken stärken, wir müssen auch Schwächen verbessern. Drittens: Der Einzelne, das Individuum steht zu sehr im Mittelpunkt; das Kollektiv hingegen zu wenig. Dabei bietet es Verlässlichkeit und Sicherheit – das sind hohe soziale Werte. Wir sollten keine Erziehung fordern, in der es nur „Stars“ gibt. Es gibt auch Rollen, wo das Herausragende nicht wichtig ist.

Markus Hengstschläger: Da muss man das Buch etwas genauer lesen. Es sagt klar, dass es sich eben nur mit der Problematik der unvorhersehbaren Aspekte der Zukunft beschäftigt (vorhersehbare Dinge sind ja ohnedies zu bewältigen), dass wir uns auch mit unseren Schwächen beschäftigen müssen – aber eben nur bis zu einem ganz bestimmten Ausmaß und nicht mehr, und dass jeder Mensch individuell, besonders und daher ein Star ist. Talente können und sollen nicht gewertet werden, jedes Individuum ist elitär. Mit Rollen, wo das Herausragende nicht wichtig ist, kann ich allerdings gar nichts anfangen.

Frau Schrodt, Sie sind aus der Praxis. Stimmt, was Markus Hengstschläger schreibt?

Heidi Schrodt: Ich muss das leider bestätigen. Wir sind gut darin, ein gutes durchschnittliches Niveau hervorzubringen. Das ist z. B. in den USA anders. Dort gibt es diese breite Mitte nicht. In Österreich werden sehr gescheite Kinder und schwach Begabte dagegen nicht so gefördert, wie sie es brauchen. Da sind wir schwach. Wer bleibt bei uns denn zurück? Wir legen Wert darauf, dass sich Schüler gut ausdrücken können. Die Geisteswissenschaften sind uns wichtiger als die Naturwissenschaften. Was gar nicht zählt – das habe ich in dem Buch wiedergefunden – ist Kreativität. Künstlertypen fallen oft als Störer auf. Auch ein guter Sportler wird in der Schule nicht wirklich geschätzt. Da heißt es: Der ist eh in einem Verein. Das ist es dann. Was meist keine Rolle spielt, ist soziale Kompetenz. Das ist kein Wert, der im Zeugnis aufscheint.

Wie helfe ich Kindern, ihre Begabungen zu entdecken?

Christiane Spiel: Es gab in Schweden ein spannendes Projekt: Eine Schule schnitt im nationalen Vergleich sehr schlecht ab. Da kam ein Filmregisseur auf die Idee, besonders gute Lehrer zu suchen und sie zu überzeugen, an dieser Schule zu unterrichten. Schon nach sechs Monaten stellte sich der Erfolg ein: Bei nationalen Tests waren die Schülerinnen und Schüler im guten Durchschnitt, in ein paar Fächern sogar unter den Besten. Die Fernsehserie darüber wurde ein Riesenerfolg.

Was machten die Lehrer?

Spiel: Sie haben die Schüler gefragt: Wo seid ihr gut? Auch wenn es „nur“ im Computerspielen ist: „Seht, um darin toll zu sein, müsst ihr üben, euch konzentrieren und nicht ablenken lassen.“ So stärkten die Lehrer das Selbstvertrauen der Kinder. Und sie zeigten ihnen, wie sie die Lernstrategien, die sie beim PC-Spiel angewandt hatten, auch in andere Felder übertragen können. Natürlich war das ein besonderes Projekt. Es ist jedoch die Aufgabe der Schule, Begabungen jedes einzelnen Kindes zu erkennen und zu fördern und Schwächen auszugleichen. Leider wird viel zu viel auf Fehler geachtet; das entmutigt. Wir müssten vielmehr an den inneren Antrieb der Kinder, etwas zu lernen, anknüpfen und ihn fördern.

Hengstschläger: Die Motivation kann nur aus dem Menschen selbst herauskommen – und nicht von außen. Ich will aber keine Lehrer- sondern eine Gesellschaftsdiskusssion anregen. Alle – Lehrer, Freunde, Eltern, Politiker – sind schuld daran, dass der Durchschnitt vorherrscht.

„Jeder ist Elite“ sagt Hengstschläger im Gespräch mit Christiane Spiel
© Bild: Kurier

Minister Töchterle betont den Wert der Allgemeinbildung. Da müssen wir aber doch an Schwächen arbeiten.

Hengstschläger: Bei manchen Schwächen gibt es keinen Kompromiss, da brauchen wir Mindeststandards. Aber: Nur bis zu einem Minimum. Jetzt ist es so, dass ich rund um die Uhr lerne, was ich nicht kann. Für meine starken Fächer bleibt keine Zeit. Wir brauchen aber mehr als den Durchschnitt, um zu Innovationen, zu Neuem zu kommen.

Spiel: Wir brauchen nicht nur innovative Menschen. Auch Routine-Aufgaben sind wichtig.

Hengstschläger: Da bin ich Ihrer Meinung. Allerdings: Auch dafür braucht es Talente. Und die sind genau so wertzuschätzen wie die eines Opernsängers.

Spiel: Menschen haben nicht nur verschiedene Talente. Auch das Niveau ihrer Begabungen ist sehr unterschiedlich. Wenn sie zwei „linke Hände“ haben, werden sie vermutlich nie ein guter Holzschnitzer werden. Da können Sie noch so lange üben. Und noch etwas. Wenn man sagt: Jeder muss sein besonderes Talent finden, ist das für viele eine Bedrohung. Wir müssen auch wertschätzen, wenn jemand seine Aufgabe einfach gut macht, ohne dass es etwas ganz „Besonderes“ ist.

Was mach’ ich mit einem Kind, das sprachlich begabt ist, aber in Physik scheitert?

Schrodt: Diese Fälle gibt es. Aber oft mangelt es nicht an der Begabung: Der Unterricht ist hier halt grottenschlecht. Die Freude an den Naturwissenschaften geht oft schon in der Volksschule verloren. Dass jemand die Matura wegen eines Fachs nicht schafft, kommt ganz selten vor. Mich ärgert: Wenn ich in einem Fach durchfliege, muss ich das ganze Jahr wiederholen. Damit muss Schluss sein. Das gibt es in vielen Ländern nicht. Dort wird sogar mehr überprüft als bei uns.

Hengstschläger: Ich habe nicht von der Matura gesprochen, sondern von anderen Talenten: Handwerk, Sport, Kreativität oder Empathie.

Spiel: Dass wir manche Talente höher werten als andere, seh’ ich auch. So wird die gute Berufsbildung, die wir haben, und was die Absolventen können, viel zu wenig geschätzt.

Töchterle: Stimmt: Unser duales Ausbildungssystem ist eine Stärke.

Hengstschläger: Und was machen wir? Wir schauen nur auf die Akademikerquote. Dabei ist jeder, der etwas gut kann, Elite. Das gilt für den Handwerker genauso wie für den Uni-Professor.

Töchterle: Gut, Sie wollen die Stärken fördern. Aber das gefährdet ein wenig die Vielfalt der Bildung. In der „Uni-brennt“-Bewegung habe ich bemerkt, dass die Studenten eine tiefe Sehnsucht nach breiter Bildung haben, die sie sich an der Uni holen wollen. Da liegen sie meiner Meinung nach falsch. Die muss man sich vor allem vorher holen. Die Uni ist Ort der Spezialbildung. Deswegen sage ich: Die Breite und Vielfalt ist wichtig. Die Einfalt, die Verengung zur frühen Spezialisierung ist auch gefährlich.

Hengstschläger: Ich bin nicht für frühe Spezialisierung. Da bin ich bei Ihnen: Es braucht ein Mindestmaß an Niveau. Sein Talent kann man ja ein Leben lang entdecken.

Spiel: Die Schule sollte es schaffen, dass jeder die Motivation hat, lebenslang zu lernen. Und sie muss Kindern auch vermitteln, wie man lernt. Wir müssen alle Lehrkräfte befähigen, das vermitteln zu können. Dass dies geht, haben wir bereits in einem Trainingsprogramm mit Lehrpersonen untersucht.

Erfahrene Pädagogen: Schrodt (li.) leitete eine Schule, Minister Töchterle war Rektor der Uni Innsbruck
© Bild: Kurier

Wie schaffe ich es, Talente zu finden und sie zu fördern?

Schrodt: Wir wissen, was zu tun ist: Kein Frontalunterricht, stattdessen offenes Lernen, jahrgangsübergreifende Klassen, Arbeiten in Projekten. Der Vorteil: Ein Kind, das sehr schnell ist, ist beim Lesen schon zwei Jahre voraus, langweilt sich nicht. In vielen Volksschulen funktioniert das. Die sind besonders innovativ.

Töchterle: Wenn Kinder nicht lesen und schreiben können, ist in der Volksschule aber auch nicht alles in Ordnung.

Gerade in einer Mehrstufenklasse muss ein Lehrer sein Handwerk beherrschen. Aber das beherrscht offensichtlich nicht jeder.

Hengstschläger: Die Frage ist: Welche Möglichkeiten hat ein Lehrer überhaupt?. Eltern wollen vom Lehrer keine ehrliche Antwort. Sie wollen nicht hören: Ihr Kind ist nicht begabt. Da gab es in den letzten Jahren viele Bücher: Talent braucht es nicht. Jeder kann durch Üben, Üben, Üben alles erreichen. Ohne Üben geht nichts, ja. Aber mit Üben allein geht auch nicht alles.

Schrodt: Volksschullehrer stehen unter massivem Druck der Eltern, die fordern: „Mein Kind soll nur Einser bekommen.“ Dem halten viele nicht stand.

Hengstschläger: Wenn Eltern ins Mitteilungsheft schauen, steht da leider nie: Das hat Ihr Kind gut gemacht, sondern nur, was nicht passt.

Schrodt: Ein guter Lehrer kann auch in unserem System Positives bewirken. Wir sind aber bis jetzt nicht ausgebildet dafür, Kinder zu motivieren. Das muss in die neue Lehrerausbildung.

Spiel: Wir müssen den Beruf des Lehrers und des Wissenschaftlers als Profession sehen. Es ist nicht nur eine reine Begabung. Bisher haben wir das in der Ausbildung zu wenig berücksichtigt. Der Lehrerberuf muss als Handwerk gesehen werden, das man erlernen kann; wichtig ist die Wissenschaftsbasierung.

Töchterle: Bei uns wird die Begabung gegenüber der Technik überbetont. Der Lehrberuf ist viel Fertigkeit, also die Kunst: „wie mach’ ich’s“. Das muss professionalisiert werden. Auch ein scheinbar nicht zum Lehrer Geborener kann ein guter Lehrer werden.

Schrodt: Nach 40 Jahren Schule kann ich das bestätigen.

Wie mache ich jungen Menschen Mut, sich auf die Stärken zu besinnen?

Töchterle: Für die Universität gesprochen: Gerade da ist es wichtig, den Leuten klar zu machen, wofür sie begabt sind und wofür weniger. Deshalb bin ich für breite Studieninformation und Zugangsregelungen. Es braucht nicht immer eine Ausleseprüfung zu sein. Es ist schon einmal wichtig, die jungen Menschen zu beraten: Überleg’ dir, wo bist du besonders begabt? Investiere deine Kraft in Dinge, in denen du gut bist.

Zur Person: Die Experten im Kurzporträt

Wie machen wir unsere Kinder fit für die Zukunft? Darüber diskutierten (v.li.) Heidi Schrodt, Karlheinz Töchterle, Markus Hengstschläger und Christiane Spiel im KURIER. Moderation Ute Brühl (Mitte)
© Bild: Gnedt

Heidi Schrodt Die Germanistin war viele Jahre Direktorin der AHS Rahlgasse, einer Reformschule in Wien. Sie führte z. B. die modulare Oberstufe ein. Jetzt ist Schrodt Vorsitzende der Plattform „Bildung grenzenlos“, die sich für umfassende Reformen im Bildungssystem einsetzt.

Karlheinz Töchterle Der Germanist und Altphilologe ist seit April 2011 parteifreier Wissenschaftsminister auf dem Ticket der ÖVP. 1997 wurde er Ordinarius für klassische Philologie an der Uni Innsbruck, deren Rektor er 2007 wurde: „Junge Menschen müssen sich klar werden, wo sie begabt sind. Deshalb ist Studieninformation so wichtig.“

Markus Hengstschläger Er war mit 24 Jahren Doktor der Genetik; mit 35 Jahren wurde er Uniprofessor für Medizinische Genetik in Wien. In seinem Buch „Die Durchschnittsfalle“ setzt er sich mit Genen, Talenten und Chancen auseinander. Er sagt: „Jeder hat Talent und ist Elite.“

Christiane Spiel Seit März 2000 Professorin an der Uni Wien. Dort leitet sie den Fachbereich Bildungspsychologie und Evaluation. Die Forschungsprojekte liegen in den Bereichen Optimierung der Schule als Bildungssystem, Bildungs- und Berufskarrieren. „Wir müssen alle Lehrkräfte befähigen, Kinder vermitteln zu können, wie man lernt.“

( Kurier ) Erstellt am 25.01.2012