Auszeit: "Niemand kommt unverändert wieder"

Jeder träumt von einer Auszeit. Aber nur wenige trauen sich - wie Carsten Alex. Nur Mut, sie bringt weiter.

Eine Auszeit ist ein Statement. Ein Ja zur Horizonterweiterung. Und ein Nein zu einem geradlinigen Karriereweg. Wer eine Auszeit nimmt, überprüft gewissermaßen seine Position, reflektiert, erlebt, kehrt zurück. Kehrt zurück in den im Grunde geliebten Job oder macht nach der Rückkehr Tabula rasa, alles neu.

Der Berliner Carsten Alex kennt beides: Er hatte einen Management-Posten in der Daimler AG, dachte, am Ziel seiner beruflichen Träume angelangt zu sein. „Dann habe ich den angestrebten Geschäftsführerposten nicht bekommen und die Scheidung stand vor der Tür. Es war an der Zeit, die Zukunft neu zu bewerten“, sagt er. Er kündigte den Job, die Wohnung, verkaufte Besitz, lagerte Liebgewonnenes ein und ging für 20 Monate auf Weltreise. „Es war keine Flucht, sondern ein Abstand-Nehmen“, sagt Alex.

Irgendwann wachte er auf und entschied sich, zurückzukehren. Auch zurück in seinen alten Job in der Daimler AG. „Ich hatte einen Dienstwagen und all diese Insignien. Nach drei Jahren habe ich wieder gekündigt und habe mir erneut eine Auszeit genommen“, erzählt er. Er änderte sein Leben – schrieb mehrere Bücher, etwa „Auszeit als Chance: Mit Sabbatical der Karriere auf die Sprünge helfen“ und machte sich selbstständig. Heute hilft er Unternehmen dabei, ihre Mitarbeiter gesund und motiviert zu halten – Auszeiten gehörten dazu.

Er hat damit nicht unrecht. Mitarbeiter, die in Kambodscha tagelang auf einen Bus gewartet haben, monatelang aus einem Rucksack leben können und Wochen auf gutes Wetter warten, um den Fitz Roy zu erklettern, bringt ein aufbrausender, schwitzender Kunde sicher nicht so schnell aus der Ruhe. Erfahrung hilft am Ende, Umsatz, Gewinn und Börsenwert des Unternehmens zu steigern.

Klingt durchaus logisch. Aber: „Den Unternehmen fehlt für die Zeit ein Mitarbeiter und wenn es auch ohne ihn geht, dann ist fraglich, ob er gerechtfertigt ist“, sagt Roswitha Hill, Chefin von Personalberater Hill Woltron in Wien. „Ich habe leider noch nie gehört, dass Auszeiten gerne gesehen werden“, erzählt sie.

Der Arbeitnehmer weiß das: (Selbst-)Zweifel und Bedenken dieser Art halten viele Auszeit-Anwärter von einer mehrmonatigen Job-Abstinenz ab. Aufstehen, wann man will und im eigenen Rhythmus leben, wird oft als Faulheit, Unentschlossenheit, ja geradezu lächerlich abgetan. Die Lösung? Drauf pfeifen. In die eigenen Fähigkeiten vertrauen, sich nicht einreden lassen, dass nur Schwächlinge und Burnout-Kandidaten eine Auszeit in Anspruch nehmen – und das Weg-vom-Job-Sein gut planen.

Planung

Auszeit wovon und Auszeit wofür? Was will ich nicht mehr haben und was will ich stattdessen haben?“, formuliert es Auszeit-Coach Christa Langheiter. „Jeder sollte zu Beginn ergründen, woher der Wunsch kommt und was das Ziel sein soll. Dann muss man prüfen, was die geeignete Form der Auszeit ist“, rät Carsten Alex.

Eines ist klar: Je länger die Auszeit dauert, desto schwieriger ist es, sich zu Hause wieder einzufinden. „Niemand kommt von einer Auszeit unverändert wieder. Man kommt zurück mit vielen Erfahrungen – und zwar in ein Umfeld, das sich nur wenig verändert hat“, sagt Alex.

Auch klar: Weg sein hat Konsequenzen. Mitunter negative – wie Job-, Prestige- und Einkommensverlust. Gründe dafür, warum für Führungskräfte Auszeiten kein Thema sind, wie eine Befragung des Hernstein Instituts im vergangenen Sommer bestätigt hat. Zwei Drittel der befragten Führungskräfte winkten ab, Schweizer können sich eine Auszeit noch eher vorstellen als Österreicher und Deutsche. „Viele definieren sich stark über den Beruf. Und wenn die Arbeit wegfällt, können sie nichts herzeigen“, sagt Christa Langheiter. Klassische Identitätskrise eben. Dann heißt es Position prüfen und sich neu definieren.

Auszeit: Urlaub oder Weiterbildung?

Sabbatical Stammt aus den USA, wo Uni-Professoren ein Jahr für Forschungszwecke freinehmen konnten. Eine Variante ist: Der Arbeitnehmer verzichtet auf einen Teil seines Gehalts, um dafür in der Auszeit diesen Teil des Gehalts bezahlt zu bekommen. Im öffentlichen Dienst gibt es solche Modelle. Beispiel: Die ersten zwei Jahre arbeitet man Vollzeit bei zwei Dritteln des Gehalts, das dritte Jahr nimmt man die Auszeit – und bekommt die zwei Drittel des Gehalts weiterbezahlt.

Bildungskarenz Anspruch auf Weiterbildungsgeld hat, wer mindestens seit sechs Monaten beschäftigt ist und eine Weiterbildungsmaßnahme von mind. 20 Wochenstunden nachweisen kann. Die Bildungskarenz kann innerhalb von vier Jahren von mindestens zwei Monaten bis zu maximal einem Jahr vereinbart werden. Während der Bildungskarenz erhält man maximal für ein Jahr, Weiterbildungsgeld in der Höhe des Arbeitslosengeldes, mind. aber 14,53 Euro pro Tag.

( Kurier ) Erstellt am 25.01.2012