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Wunschdenken?
05/27/2013

Auf der Suche nach dem Sinn von Arbeit

Sie wollen Spaß, Sinn im Job – und Freizeit. Faul sind die unter 30-Jährigen deshalb aber noch nicht.

von Nicole Thurn

Wie sie sich ihren künftigen Chef wünscht? „Ich will selber die Chefin sein“, sagt Tamara Sijakci selbstbewusst. Die 19-jährige Biologiestudentin will Genetikerin werden, hat ziemlich klare Vorstellungen – und wundert sich selbst darüber. Die Interview-Anfrage hatte sie zuerst versucht mit einem „ich weiß doch gar nicht, was ich will“ abzuwehren.

Fragt man Studierende nach ihrem Traumjob, sind die Antworten ähnlich. Sie wollen Sinn und Spaß an der Arbeit. Laut aktueller Umfrage des deutschen trendence Instituts unter 5800 österreichischen Technik- und Wirtschaftsstudierenden sind ihnen interessante Aufgaben am wichtigsten, gefolgt von persönlicher Entwicklung, Anerkennung, netten Kollegen, Aufstiegsmöglichkeiten, Weiterbildung und Work-Life-Balance. Ein hohes Einstiegseinkommen, Status und Prestige sind für die Jungen hingegen irrelevant. Beim Gehalt haben auch die Befragten noch keine konkreten Vorstellungen (siehe Interviews rechts). Laut trendence rechnen die Wirtschaftsstudenten im Schnitt mit einem Einstiegsjahresgehalt von 32.300 Euro Euro brutto, die Techniker mit 34.200 Euro.

Neue Werte

Die Werteverschiebung unter den Generationen erreicht auch die Führungsebenen, wie das aktuelle Managermonitoring von Deloitte zeigt: Für jede zweite Führungskraft unter 35 Jahren sind herausfordernde Aufgaben wichtiger denn je – bei den Managern im Alter von 50 plus sind es nur 34 Prozent. Noch eklatanter ist der Unterschied in der Frage der Lebensgestaltung: Für 97 Prozent der Jungmanager ist Work-Life-Balance wichtiger denn je. Bei den älteren sind es 72 Prozent.

„Das heißt aber nicht, dass die Jungen auf der faulen Haut liegen wollen“ , sagt Tina Deutsch. Der Wunsch nach mehr Freizeit habe mit dem Streben nach Sinn zu tun. „Die Jungen wollen sehr wohl etwas leisten“, sagt Deutsch. „Doch ihre Leistungsbereitschaft ist in einer breiteren Dimension zu sehen – auch außerhalb des Jobs, für die Gesellschaft.“

Freizeit ist ihnen auch nicht um jeden Preis wichtig: Macht der Job Spaß, darf er auch zeitintensiv sein. Politologiestudent Johannes Gasser will einen herausfordernden Job „als Politikberater oder so ähnlich“, der ihm zeitlich einiges abverlangen darf. „Nach der Arbeit auf spannende Abendveranstaltungen gehen wäre für mich kein Problem“, sagt der 22-Jährige. Andererseits spielen auch praktische Überlegungen für mehr Work-Life-Balance eine Rolle: Lehramtsstudentin Barbara Köhl kommt die teilweise freie Zeiteinteilung als künftige Lehrerin gelegen: „Gerade wenn man als Frau eine Familie plant, ist das wichtig.“

Tatsache ist: Die Firmen müssten einiges an ihren Strategien ändern, um junge Mitarbeiter zu rekrutieren und sie zu halten, sagt Expertin Deutsch. „Es reicht nicht, ein Bonusmodell für alle anzubieten. Die Unternehmen brauchen zielgruppenorientiertes HR-Management.“

Die Jungen müssten mit konkreten Programmen angesprochen werden, – „flexibles Arbeiten, Spaß am Job: Das muss konkret und glaubhaft vermittelt werden, mit Testimonials“, sagt Deutsch. Auch die gebotenen Karriereperspektiven der Unternehmen gingen meist völlig an der jungen Zielgruppe vorbei. Eine vage Beförderung in fünf Jahren in Aussicht zu stellen, reiche nicht. „Die Generation Y ist gewöhnt, sich in der schnelllebigen Welt ständig weiterzuentwickeln.“ Schon nach ein bis zwei Jahren müsse es ein konkretes Angebot geben – „sonst hat man die Jungen verloren“. Konventionelle Karriereschritte wie Beförderung oder Gehaltserhöhung müssten gar nicht sein, meint Deutsch: „Die Karriereleiter nach oben ist nicht mehr relevant – es ist vielmehr ein Spinnennetz an horizontalen Karrieremöglichkeiten.“ Ein neues Projekt, der Wechsel in eine andere Abteilung würden genug Herausforderung bieten, meint die Expertin. „Dann bleiben die Jungen im Unternehmen.“

24, studiert Architektur an der TU Wien

Welchen Beruf wünschst du dir?

Mein Ziel ist es, irgendwann selbstständig als Architekt arbeiten zu können. Es ist aber mit hohen Kosten verbunden, selbstständig zu sein.

Wie soll das Arbeitsklima sein?

Kollegial und freundschaftlich. Ich würde mich mit Partnern in einer Bürogemeinschaft zusammenschließen.

Was ist dir bei der Arbeitszeit, beim Arbeitsort wichtig?

In einer Ateliergemeinschaft wird es keine fixen Arbeitszeiten geben. Das Büro wird 24 Stunden geöffnet haben. Da werde ich auch mal länger sitzen müssen. Aber ich wünsche mir auch gar keine geregelten Arbeitszeiten: Mein Wunsch ist, dass die Grenze zwischen Beruf und privat verschwindet. Du hast am Sonntagvormittag eine Idee und schlägst das Skizzenbuch auf. Das ist doch auch das Spannende, nicht an einen Arbeitsplatz gebunden zu sein.

Was muss dein Traumjob jedenfalls bieten?

Ich brauche Freiraum für Inspiration, möchte ein Denkmal setzen, meine Linie reinbringen. Ich möchte es mir irgendwann leisten können, mich selbst zu verwirklichen.

Wie viel willst du verdienen?

Ich will überleben. Es ist ein harter Kampf. Aber ich will auf keinen Fall überlegen, ob ich es mir leisten kann, essen zu gehen. Ich brauche keine teuren Autos, ich will das machen, was mir Spaß macht.

23, studiert Betriebswirtschaft an der WU Wien

Welchen Beruf wünschst du dir?

Ich kann die Richtung noch nicht sagen – ob ich ins Marketing will oder im Finance-Bereich. Ich könnte mir aber gut vorstellen, die ersten Jahre im Ausland zu arbeiten. Oder einen Beruf zu haben, wo ich herumkomme.

Wie soll das Arbeits­klima sein?

Ich möchte einen respektvollen Umgang miteinander, eine gute Zusammenarbeit mit Chef und Kollegen.

Was ist dir bei der Arbeitszeit, beim Arbeitsort wichtig?

Nine to five hat man nirgendwo mehr, denke ich. Ich möchte eher früher mit der Arbeit beginnen und um sechs, sieben heimgehen. Ich habe aber auch kein Problem, am Wochenende zu arbeiten.

Was muss dein Traumjob jedenfalls bieten?

Sehr wichtig finde ich Aufstiegsmöglichkeiten. Als Studienabgänger wird man ja nicht in einer hohen Position einsteigen. Es sollte möglich sein, step by step nach oben zu kommen. Es muss ja nicht gleich der Vorstand sein. Wichtig ist auch, dass der Job Spaß macht, dass man sich einbringen kann. Dass man gut ist in dem, was man macht.

Wie viel willst du verdienen?

Das ist für mich eher nebensächlich. Aber es sollte für ein gutes Leben reichen. Ich will finanziell unabhängig sein.

20, studiert Marktkommunikation an der Werbeakademie der FH Wien der Wirtschaftskammer

Welchen Job wünschst du dir?

Mein Traum ist es, einmal Inhaber einer großen internationalen Werbeagentur zu sein. Ansonsten möchte ich jedenfalls im Bereich Medien oder Werbung arbeiten. In einer PR-Agentur oder bei einem Fernsehsender.

Wie soll das Arbeitsklima sein?

Es soll kreativ sein, kommunikativ. Es kann auch ruhig anspruchsvoll sein. Mit den Kollegen oder Mitarbeitern möchte ich ein freundschaftliches Verhältnis haben. Strenge Hierarchien mag ich nicht.

Was ist dir bei der Arbeitszeit und beim Arbeitsort wichtig?

Ich möchte auf jeden Fall flexible Arbeitszeiten. Ich möchte nicht im Büro festsitzen, sondern meine Aufträge auch außerhalb erledigen können – Reisen ins Ausland wären super, um meine internationalen Kontakte zu pflegen.

Was muss dein Traumjob jedenfalls bieten?

Er muss mir was bieten können, ich muss Spaß an der Sache haben. Ohne Spaß kann ich das nicht lange durchziehen. Das Wichtigste ist, dass ich mich mit dem Job identifizieren kann, mich selbst verwirklichen kann. Kreativität und Kommunikation in der Arbeit sind mir auf jeden Fall auch wichtig.

Wie viel willst du verdienen?

Das kann ich noch nicht sagen. Aber ich möchte gut leben können.

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