Arbeitszeit: 30 Stunden sind zeitgemäß

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Foto: Deutsch Gerhard Soziologe Jörg Flecker ist für eine Reduzierung der Vollzeit und für eine höhere Besteuerung der Überstunden

Mehr Chancengleichheit, weniger Arbeitslose: Soziologe Jörg Flecker hält viel von weniger Arbeit.

KURIER: Herr Professor Flecker, würden Sie gern weniger arbeiten?

Jörg Flecker: Ja, ich könnte mir vorstellen, Arbeitszeit zu reduzieren, damit andere eine Chance auf bezahlte Arbeit haben.

Sie haben kürzlich die 30-Stunden-Woche gefordert. Was würde sie bringen?

Einen weiteren Schritt in Richtung Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen. Bald die Hälfte der Frauen arbeitet in Teilzeit. Sie wären besser abgesichert. 30 Stunden müssten aber als Vollzeit zählen, das Einkommen natürlich beibehalten werden. Dadurch könnte bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter aufgeteilt werden. Wegen der steigenden Arbeitslosigkeit ist es auch notwendig, Arbeit auf mehrere Menschen zu verteilen. Die Arbeitszeitverkürzung würde auch Entlastung bringen, Zeit für lebenslanges Lernen, für Freiwilligenarbeit.

Wie soll sich das ausgehen?

Die Produktivität der Arbeit ist stark gestiegen, Computereinsatz und Automation werden intensiver. Für unseren Lebensstandard ist bei weitem nicht mehr so viel Arbeit nötig wie vor 50 Jahren. Die Frage ist, stecken wir die ersparte Zeit in Freizeit oder Arbeitslosigkeit.

Die 35-Stunden-Woche in Frankreich funktioniert laut Experten schlecht. Die Einstellungsschwelle ist höher, Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit sind gesunken.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Frankreichs haben wenig mit der Arbeitszeitverkürzung zu tun. In Frankreich hat sie einiges gebracht, sie wurde nur anfangs mit der Arbeitszeitflexibilisierung und der Aufhebung der Überstundengrenzen verwässert. Aber wenn sie im Alleingang durchgeführt wird, schadet eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Sie müsste schon auf europäischer Ebene akkordiert sein.

Das ist doch nicht realistisch.

Viele EU-Länder kämpfen mit Arbeitslosigkeit, da stellt sich schon die Frage über eine radikale Umverteilung der Arbeit.

Die Österreicher arbeiten aktuell weit mehr – sie leisten 300 Millionen Überstunden pro Jahr.

Die Überstunden werden oft als Einkommensanteil gesehen. Die Bereitschaft, hier etwas zu tun, ist daher nicht sehr groß, weder bei den Unternehmen noch bei den Gewerkschaften. Man könnte jedenfalls die Überstunden über die Besteuerung verteuern, damit Betriebe die Arbeit auf mehr Mitarbeiter verteilen.

Sozial- und Wirtschaftsminister verhandeln über den 12-Stunden-Tag. Ist diese Flexibilisierung nötig?

Ich glaube, dass die Arbeitszeit in Österreich jetzt schon flexibel ist. Es gibt die Möglichkeit, vier Tage in der Woche zu arbeiten und den fünften frei zu haben. Problematisch ist die generelle Ausweitung der täglichen Höchstarbeit, weil die Beschäftigten weniger Schutz haben – auch vor sich selbst. Gerade die Jungen haben kein Problem, lange zu arbeiten.

Der deutsche Porsche-Konzern führt derzeit die Wahlarbeitszeit ein, mit der Angestellte ihre Arbeitszeit reduzieren können. Ein sinnvolles Modell für Österreich?

Die Arbeitszeit individuell zu verkürzen ist in Bereichen vorteilhaft, wo sich Leute das leisten können. In Österreich wird das mit dem Solidaritätsprämienmodell staatlich gefördert – wenn im Betrieb Mitarbeiter ihre Arbeitszeit verkürzen und dadurch eine arbeitslose Person eingestellt wird. Das wird, denke ich, noch zu wenig genutzt.

Mit dem Arbeitszeitkonto können die Mitarbeiter bei Porsche angesparte Arbeitsstunden in bezahlter Auszeit abbauen. Was halten Sie davon?

Das Arbeitszeitkonto ist eine zweischneidige Maßnahme: In Deutschland hat es in der Wirtschaftskrise positiv gegen Kündigungen gewirkt – sogar besser als die Kurzarbeit. Die Frage ist aber, wann der Arbeitnehmer die bezahlte Freizeit tatsächlich konsumieren darf und wie sicher dieses Arbeitszeitguthaben überhaupt ist – wenn beispielsweise die Firma insolvent geht.

Der Arbeitsforscher

Werdegang

Jörg Flecker studierte Handelswissenschaften an der WU Wien und promovierte 1989 zum Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Von 1991 bis 2013 war er wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien. 2003 habilitierte er an der Universität Wien in Wirtschaftssoziologie.

Seit März 2013 lehrt und forscht der Professor für Allgemeine Soziologie am Institut für Soziologie an der Uni Wien zu Organisationssoziologie, zur Fragmentierung von Arbeit und zu Beschäftigungssystemen im internationalen Vergleich.

(kurier / Nicole Thurn) Erstellt am
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