Arbeiterkinder: Initiative für bessere Chancen

Ein neues Programm will Arbeiterkinder zum Studieren ermutigen – weil die Bildungsanforderungen ständig steigen.

Es wird Zeit, dass die soziale Schicht kein Hindernis mehr für Bildung ist. Bisher wurde viel gejammert, nur getan wurde wenig.“ Bernhard Bergler möchte das ändern. Der Student der Politikwissenschaft ist für das neu gestartete Projekt Arbeiter-kind.at ehrenamtlich in Wiener Schulen als Mentor unterwegs, um Schüler aus Nichtakademiker-Familien zum Studieren zu motivieren. Die Mentoren, meist Studierende, halten in den Oberstufen Vorträge und erklären Hauptschülern, wie die Uni funktioniert. „Wichtig ist die Ermutigung, dass ein Studium schaffbar ist“, meint Bergler. In Deutschland wurde das Projekt bereits im Jahr 2008 von Katja Urbatsch (siehe Interview unten) initiiert. Mit Erfolg: 4000 Mentoren engagieren sich in 80 Ortsgruppen – wie München, Hamburg oder Bremen. „Arbeiterkinder haben eine höhere Abbrecherquote, weil sie bei Hürden gleich das ganze Studium infrage stellen“, meint Bergler. „Das Umfeld ist eher hemmend, ein Arbeiterkind muss sich immer rechtfertigen.“

Nichts ändert sich Bergler, selbst ein Arbeiterkind, hat die sozialen Hürden überwunden. Dass Bildung sozial vererbt wird, monieren Experten seit Jahren. In Relation zur Bevölkerung studieren drei Mal so viele inländische Akademikerkinder als Arbeiterkinder an einer Uni – bei den Fachhochschulen sind es doppelt so viele. Daran habe sich in den vergangenen 15 Jahren kaum etwas geändert, sagt Martin Unger vom Institut für Höhere Studien: „Egal, ob es Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen gegeben hat. Schon unser Schulsystem sorgt dafür, dass Kinder vom Studieren abgeschreckt werden.“ Projekte wie Arbeiter-kind.at seien tolle Initiativen, „aber auch nur Kosmetik im Vergleich dazu, wie das Bildungssystem selektiert“.

Soziale Selektion

Geht es nach dem Buch „Keine Chance für Lisa Simpson“, hat ein in der Kleinstadt lebendes Arbeiterkind selbst nach der Matura nur eine Chance von 6 bis 8 Prozent, einen Uni-Abschluss zu erreichen. Die soziale Selektion beginne nicht nach der Matura, nicht nach der vierten Klasse Hauptschule, sagt dessen Herausgeber, Bildungssoziologe Ingolf Erler. Sondern „schon vor dem Kindergarten: Allein wo die Eltern wohnen, entscheidet, wo ihr Kind in den Kindergarten, in die Schule geht“, sagt Erler.

Je weniger Eltern verdienen, desto eher kommen ihre Kinder in die Hauptschule und danach in eine Lehre oder Fachschule, zeigt die Studie zu „Bildungswegsentscheidungen“ des Österreichischen Instituts für Bildungsforschung (ÖIBF). Demnach will die Mehrheit der Eltern für ihre Kinder den Abschluss, den sie selber haben – oder eine Stufe höher ( siehe Grafik ). Nur 8,4 Prozent der Pflichschulabsolventen befürworten, dass ihre Kinder studieren, bei jenen mit Lehrabschluss sind es 11,3 Prozent. Dahinter steckt die Rational-Choice-Theorie, wie Soziologen die Entscheidungstendenz der Eltern bezeichnen: „Arbeiter vermuten ein höheres Risiko, dass das Kind mit dem Studium scheitert“, sagt Norbert Lachmayr vom ÖIBF. Sie hätten kaum Erfahrungen mit der Universität, Studieren sei eine Geldfrage und ein Studium für ihren Status noch nicht so relevant. „Eltern mit Uni-Abschluss achten hingegen unbewusst stärker darauf, dass ihre Kids auf die Uni gehen, um den Familienstatus zu halten.“ Und Erler ergänzt: „Arbeiter sehen in einer Lehre gute Jobchancen – haben sie es doch auch selbst so geschafft.“

Höhere Bildung wichtig

Dabei wird höhere Bildung für sozial schwache Schichten immer wichtiger. Immer mehr Jobs würden immer höhere Bildung erfordern, sagt Erler: „Dass Bildung zum sozialen Aufstieg führt, ist ein Mythos. Man braucht sie, um einen Abstieg zu verhindern.“

Doch was ist die Lösung, um gleiche Chancen für alle zu bieten – damit Arbeiterkinder studieren und Akademikerkinder auch eine Lehre machen? Eine gute Gesamtschule, die die individuellen Stärken der Kinder fördert, meint Martin Unger. Das Bildungssystem müsse sozial durchlässiger werden, die Universitäten müssten sich auch für Leute ohne Matura öffnen, sagt wiederum Erler: „Die Universität inszeniert sich noch immer als Eliteeinrichtung. Studiengebühren würden da nur weiter abschrecken.“ Und wie sagte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Befürworter der Studiengebühren, im Sommer noch? „Ich bin selbst ein Arbeiterkind und gewiss der Letzte, der einen jungen Menschen am Studium hindern will.“

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( Kurier ) Erstellt am 07.12.2011