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Wirtschaft Karriere
11/08/2020

84-jährige Unternehmerin: „Ich bleibe, solange ich kann“

Seit 58 Jahren führt Maria Witek ihre Parfümerie in Wien. Warum sie noch längst nicht an den Ruhestand denkt.

von Ornella Wächter

Die Parfümerie in der Köllnerhofgasse 2 wirkt inmitten der schicken Designtempel der Wiener Innenstadt klein und unscheinbar. Doch sobald man eintritt, duftet es herrlich nach italienischer Seife, die Worte „Grüß Gott liebe Dame, wie kann ich Ihnen helfen?“ klingen warm, man hört echtes Interesse. Dass man Witeks Laden selten unter einer Stunde wieder verlässt, hat nichts mit besonders gestalteten Verkaufsflächen zu tun, die auf eine längere Verweildauer abzielen, um Kunden zum Kauf zu animieren.

Sie versucht auch nicht, den modernen Verkaufsgesetzen gerecht zu werden, wie es die umliegenden Handelsketten der Innenstadt tun. Es finden sich keine Produkt-Arrangements, die „inspirierende Themenwelten“ nach Lehrbuch schaffen sollen. „Ich verkaufe nicht auf Druck“, sagt die 84-jährige Geschäftsfrau schlicht. „Meine Stammkundinnen schätzen die persönliche Beratung.“ Dass sie damit richtig liegt, beweist sie seit 58 Jahren.

Treue Stammkunden

Witek ist lang genug Unternehmerin, um zu wissen, dass es fast an ein Wunder grenzt, dass sie sich mit ihrem kleinen Laden bis heute halten kann. Viele hätten längst aufgegeben, erzählt sie, auch hier in der Gegend seien viele von den großen Ketten in die Knie gezwungen worden. Das habe der Vielfalt der Wiener Innenstadt wehgetan. „Sie ist zusammengeschrumpft.“

Zum Glück könne sie auf einen treuen Stammkundenkreis zählen, so Witek und zeigt auf ihre Waren in den Regalen. „Ich habe Luxusseifen zu vernünftigen Preisen, ich führe eine Marke, Marbert, die fast nirgends mehr zu bekommen ist, ich habe Düfte ohne Chemie – und außerdem eine gute Menschenkenntnis“, sagt Witek.

„Ich weiß einfach, worauf ich achten muss, wenn es um Düfte geht.“ Augen- und Haarfarbe des Kunden oder der Kundin, das Alter, das Sprechen, die Fingerbewegungen, alles beziehe sie in ihrer Beratung mit ein. „Und meistens liege ich richtig.“

Kein Webshop, keine eMail-Adresse

Trotzdem. Irgendwann wird auch sie ihren Laden ohne Nachfolge schließen müssen. Seit vielen Jahren arbeitet sie ohne jegliche Hilfe, ihre Angestellte habe sie nicht mehr bezahlen können, Lehrlinge bilde sie schon länger nicht mehr aus. Witek besitzt weder Webshop, noch Homepage, noch eMail-Adresse – trotzdem weiß sie genau, dass manche Kunden nur in ihren Laden kommen und Produkte testen, um sie dann später günstig über Amazon zu kaufen.

„Das ist ärgerlich. Die Kleinen gehen ein, weil der Große immer größer wird.“ Doch sie gibt nicht auf. Den angeblichen Vorzügen des gesichtslosen Konkurrenten Amazon kontert Witek mit umso mehr Herz und Persönlichkeit. „Sie ist eine Unternehmerin der alten Schule, sie ist liebenswürdig, begrüßt ihre Kunden beim Namen und merkt sich alle ihre Vorlieben“, erzählt Anita Bock von der Wirtschaftskammer Wien.

Auch in der Handelskammer kennt und schätzt man Witek, obwohl sie bereits vor zehn Jahren ihr Amt im Gremium der Parfümeriewaren niedergelegt hat. In den 58 Jahren hat sie sich einen Namen gemacht. „Alleine ihre gewählte Sprache ist diese herrliche alte Kaufmannssprache, die man heute fast nirgends mehr hört“, so Bock.

Maria Witek, 1936 in Wien geboren, wollte eigentlich Ärztin werden. Doch aufgrund einer schweren Erkrankung in ihrer Kindheit hätten ihre Eltern zu große Bedenken gehabt, erzählt sie. Also habe sie die Ausbildung zur Großhandelskauffrau gemacht. Das Interesse, Menschen zu helfen, ließ sie nicht los und sie absolvierte die Ausbildung zur medizinischen Kosmetikerin.

„1962 habe ich dann die Parfümerie in der Köllnerhofgasse übernommen und seitdem stehe ich da.“ Vier Tage Urlaub im Jahr gönnt sich Witek, die sie in der Schweiz verbringt. Einzig 2020, dem Corona-Jahr, habe sie ihr verlängertes Wochenende in Österreich verbracht.

An Ruhestand denkt sie bis heute nicht, keine Finanzkrise, keine Pandemie, selbst der kürzlich überstandene Schlaganfall halten Witek davon ab, hinter der Theke zu stehen und Kunden zu beraten. So auch jetzt. „Für Sie hätte ich etwas Unaufdringliches mit Wiesenblumen und Gräsern– denn Sie mögen’s nicht süß, gell?“

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