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Wirtschaft Karriere
07/16/2022

4-Tage-Woche und der Hund darf mit: Darum haben diese Firmen kein Personalproblem

Firmen klagen über Personalnot. Was braucht es, um Mitarbeiter zu finden und an sich zu binden? Wir haben in drei Unternehmen nachgefragt, wieso sie keinen Bewerber-Mangel haben – und was sie anders machen.

von Angelika Gross

Eine 4-Tage-Woche, flexible Arbeitszeiten, Hunde willkommen und „jede Menge Girl-Power!“: So der ungefähre Wortlaut der Stellenausschreibung einer Werbeagentur in Wien. Für die Bewerbung sollte man zwar seinen Lebenslauf mitschicken, allerdings ohne Angabe von Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort und ohne Foto. „Diversity, Inklusion und all diese Dinge, wir nehmen das sehr ernst und deswegen muss man diese Infos auch nicht mitschicken. Wir wollten den Menschen dahinter kennenlernen und die Leidenschaft an der Arbeit spüren. Wie jemand aussieht, das ist uns nicht wichtig“, erklärt Michaela Arturo-Heumann, Miteigentümerin der Werbeagentur „gamz n’ roses“ in Wien.

Bewerbung einmal anders

Ein Modell, das in den USA bereits Standard ist, ergänzt Eigentümerin Gamze Ertug: „Ich kenne das von mir selbst. Ich bin früher oft allein wegen meines Namens nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen worden.“ Die 35-Jährige hat 2019 gemeinsam mit der 25-jährigen Rosa Mätzler und der 51-jährigen Michaela Arturo-Heumann ihre eigene Agentur gegründet. Drei Generationen, die die Arbeitswelt auf den Kopf stellen möchten: „Wir haben alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich kannte noch 60-Stunden All-in-Verträge, die nicht lustig waren. Gamze hat aufgrund ihres Migrationshintergrundes oft Probleme gehabt, und Rosa wurde wegen ihrer Jugend nicht ernst genommen. Das wollen wir alles nicht mehr. Bei uns muss man so etwas nicht erleben“, versichert Arturo-Heumann.

Unternehmenskultur 

Dass die drei Frauen mit ihrem Konzept einen Nerv getroffen haben, bestätigt die Fülle an Bewerbungen. Um die 55 seien es bereits in den ersten Tagen gewesen, erzählt Ertug, „das ist für eine so kleine, junge Agentur sehr viel. Und davon waren mehr als die Hälfte wirklich super.“

Natürlich könnte man jetzt von einem Glückstreffer ausgehen. Aktuelle Zahlen einer Umfrage der Plattform hokify zeichnen jedoch ein klares Bild: Demnach würden 85 Prozent der Befragten eine Bewerbung nicht abschicken, wenn die Unternehmenskultur nicht zum eigenen Wertekanon passt.

Den Job besser verkaufen

Doch genau daran scheitere es schon oft, wissen die beiden Unternehmerinnen: „Es muss sich an den Strategien des Jobverkaufens etwas ändern. Man muss authentisch kommunizieren – bei den Jobanzeigen passiert das aber nicht.“ Mit Glaubwürdigkeit konnte die Werbeagentur offensichtlich punkten, aber auch inhaltlich mit dem Angebot einer 4-Tage-Woche und flexiblen Arbeitszeiten haben sie genau ins Schwarze getroffen: „Flexibilität ist das Thema Nummer eins. Niemand möchte mehr an einen festen Ort gebunden sein. Die Leute wollen ihre Aufgaben in ihrem Tempo und am Ort ihrer Wahl erledigen“, ist Ertug überzeugt, „wie man das macht, ist egal. Und wenn man nach zwei Tagen bereits mit seinem Wochenpensum fertig ist und schwimmen gehen möchte, dann wünsche ich eine schöne Zeit beim Baden.“

Flexibel und Ortsunabhängig

Das bestätigt auch eine aktuelle Studie des Karriere-Netzwerks LinkedIn: Beschäftigte, die zeitlich flexibel und ortsunabhängig arbeiten können, sind 2,6-mal zufriedener und 2,1-mal eher bereit, ihren Arbeitgeber weiterzuempfehlen.

Vier Tage und nicht mehr

Auch beim Online-Supermarkt gurkerl.at hat man auf die neuen Ansprüche der Arbeitnehmer bereits reagiert. CEO Maurice Beurskens erklärt: „Es wird immer von einer Work-Life-Balance gesprochen, tatsächlich geht es aber um das Integrieren einer solchen Balance. Die junge Generation sagt ganz klar, dass sie vier Tage arbeiten möchte und nicht mehr. Als Unternehmen muss man sich darauf einstellen und schauen, wie flexibel man sein kann.“

Das junge Unternehmen, das vergangene Woche sein zweijähriges Bestehen feierte, setzte von Anfang an auf ein mitarbeiterfreundliches Klima. „Bei vielen Unternehmen sind die Fahrer externe Mitarbeiter. Bei uns sind sie angestellt und verdienen auch gut – zwischen 2.200 und 2.500 Euro. Hinzu kommt, dass wir eine 4-Tage-Woche haben, das kommt sowohl bei den jungen als auch bei den älteren Mitarbeitern gut an.“

Die Fünf-Tage-Woche hat ausgedient

Immer mehr Unternehmen verabschieden sich von der klassischen Fünf-Tage-Woche. Martina Leitner, Vice President of Human Ressources beim Hightech-Unternehmen Frequentis, ist überzeugt davon, dass man Mitarbeitenden heutzutage mehr bieten muss als nur die gängigen Standards: „Der Markt ist kompetitiv. Die Trends, die jetzt am Arbeitsmarkt spürbar sind, gehen auch an uns nicht vorbei – und natürlich machen wir uns darüber Gedanken.“ Flexibilität besteht bei dem Informationstechnologie Unternehmen daher nicht nur auf dem Papier. „Wir haben eine flexible Homeoffice-Vereinbarung. Bis zu drei Tage die Woche können unsere Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Wann sie das möchten, können sie selbst entscheiden.“ Um den Mitarbeitenden den Weg in die Arbeit so einfach und nachhaltig wie möglich zu gestalten, bietet die Firma auch gratis Öffi-Tickets für die Wiener Linien sowie ein Klimaticket an.

Klar positionieren

Mit solchen Benefits könne man als Unternehmen zwar hervorstechen, im Endeffekt kommt es für Leitner aber darauf an, „sich als Unternehmen klar zu positionieren. Wofür steht ein Unternehmen ein? Und das dann auch wirklich umzusetzen. Es nur zu sagen, reicht nicht aus. Junge Bewerberinnen und Bewerber verlangen Klarheit und Transparenz.“ Auch die LinkedIn-Studie kommt zu diesem Ergebnis: Demnach verzeichnen Beiträge, in denen die Unternehmenskultur erwähnt wird, einen Anstieg des Engagements von plus 67 Prozent. Von den rund 55 Bewerberinnen bei der Werbeagentur „gamz n„ roses“ haben es statt ursprünglich einer gesuchten Mitarbeiterin, zwei geschafft: „Wir sind flexibel und den Drive und Spirit wollten wir nutzen“, erklärt die Gründerin Gamze Ertug. Und was ist mit den restlichen 53 Bewerbern passiert? „Ich habe jedem einzelnen Bewerber und jeder einzelnen Bewerberin in einem Satz Feedback gegeben, warum es nicht funktioniert hat. Das macht viel aus. Das vermittelt, dass man sich wirklich interessiert“, so Ertug.

Zeitnahe Rückmeldung

Auch davon können sich einige Unternehmen eine Scheibe abschneiden, denn laut der hokify Umfrage „Future of Work“ erwarten sich 60 Prozent der Jobsuchenden binnen drei Tagen eine Rückmeldung auf ihre Bewerbung. Zeitnahes Feedback und eine direkte Ansprechperson sind also von besonderer Bedeutung.

Wer heute als Unternehmen punkten will, wird mit „Bereitschaft zur Überbezahlung“ allein nicht weit kommen. Ein attraktives Gesamtpaket, das vom authentischen Außenauftritt über eine ehrliche Stellenausschreibung bis hin zur tatsächlichen Unternehmenskultur reicht, ist unverzichtbar. Unternehmen, die das verpassen, verpassen letztendlich die besten Kandidaten.

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