© KURIER/Brigitta Luchscheider

Wirtschaft
05/13/2012

Jedes dritte Haus ist ein Schwarzbau

Die Existenz der Problematik wird beharrlich geleugnet. Nur die Spitze des Eisberges landet vor dem Höchstgericht.

Zwei Scharen Ziegel machen wir noch drauf. Dann kannst den Dachboden auch ausbauen“, ruft der Maurer dem Bauherrn zu. Zwei Stunden später ist der nächste „ Schwarzbau“ fertig. In diesem Fall ist das Gebäude im Landschaftsschutzgebiet um 60 cm höher geworden, als es im Baubescheid steht. Wenn der Nachbar nicht gerade Anzeige erstattet, dann hat der Schwarzbau auch gute Chancen stehen zu bleiben – nachmessen kommt ohnehin niemand.

Abertausende solcher Schwarzbauten gibt es in Österreich. Wie viele der knapp 2,1 Millionen Gebäude in Österreich genau nicht gesetzeskonform gebaut sind, ist ein gut gehütetes Geheimnis, das niemand kennt und von dem Ämter, Behörden und die Politik auch gar nichts wissen wollen. Wenn nicht – wie zuletzt – ein Schwarzbau eines Prominenten am Wörthersee in die Schlagzeilen gerät. Statt einer Umgestaltung wurde aus dem Gut Walterskirchen im Naturschutzgebiet ein Neubau.

Weder das Statistische Zentralamt noch die Länder haben jemals die Schwarzbauten in den 2357 Gemeinden und Städten zählen lassen. Nach Zahlen gefragt, winkt ein Landesbaudirektor nach dem anderen ab. „Wo alles schwarz ist, gibt es kein Licht“, sagt ein Normungsexperte von der Gesellschaft für Baurecht und Bauwirtschaft. Die Spitze des Eisberges landet jährlich vor dem Verwaltungsgerichtshof. Immerhin 400 bis 500 strittige Fälle. „Der klassische Schwarzbau ist aber eher die Ausnahme“, sagt Gerichtssprecher Heinz Kail.

Baurechts-Wissenschaftler Arthur Kanonier von der TU Wien kann sich an internationale Kongresse erinnern, wo das Thema aus österreichischer Sicht regelrecht weggeleugnet wurde. Vor einer großen Amnestie in den 90er-Jahren seien es Tausende Bauten gewesen. Die empirische Zählung scheiterte aber. Kanonier: „Das hat niemand beauftragt.“

Günther Nussbaum-Sekora, Obmann des Bauherrnhilfe-Vereins, nimmt sich in der Baubranche schon längst kein Blatt mehr vor den Mund. „Es wird sicher ein Drittel der Gebäude sein. In Kleingartensiedlungen wahrscheinlich jedes Haus“, sagt der Experte und schränkt ein: „Aber oft sind das nur Kleinigkeiten“. Darunter wird verstanden, wenn die Fenster anders oder größer eingebaut sind oder sich die Eingangstüre nicht links sondern rechts befindet.

Nachforschung

Die Länder als Aufsichtsbehörden putzen sich generell ab, weil der Bürgermeister Baubehörde erster Instanz ist und der Gemeinderat Baubehörde zweiter Instanz. „Die Begeisterung der Gemeinden, da nachzuforschen, ist endenwollend“, sagt Gerald Kienastberger, Leiter der Baurechtsabteilung der nö. Landesregierung.

Auch in Wien schaut man nicht genau hin, wenn es ums Umbauen oder Sanieren alter Häuser geht. „In viele Bereiche sieht man gar nicht hinein“, sagt ein Baupolizist.

Von Schwarzbauten kann auch Baudirektorin Brigitte Jilka keine Zahlen nennen. Wenngleich man mit Ersatzvornahmen aufwarten kann. 500- bis 600-mal jährlich schreitet die Baubehörde bei „Gefahr in Verzug“ ein und lässt rückbauen. Der Großteil davon betrifft aber bröckelnde Fassaden oder Mauern. Auch darüber spricht man nicht gerne: Über die Vielzahl von offenen Bauaufträgen bzw. unerledigten Endfertigstellungs-Anzeigen. Auch davon soll es laut einem Insider noch Tausende unerledigte Bauakten geben. Genau genommen wäre jedes Haus ohne Rauchmelder bereits illegal. Denn diese Verordnung gilt seit 2008.

Graz: Bauamt wurde illegal errichtet

War das peinlich: Ausgerechnet das Bauamtsgebäude in Graz stellte sich nach Fertigstellung 1997 als Schwarzbau heraus. Gestolpert waren die Planer über die strenge steirische Dichteverordnung. Die Baubewilligung war zwar erteilt, doch Anrainer hatten den Verwaltungsgerichtshof bemüht – und ein Senat fand das Haar in der Suppe. „Schilda“ in Graz, lauteten die hämischen Schlagzeilen.

Mehrere Etagen des zehnstöckigen Amtsgebäudes abtragen zu müssen: Das war die Frage, als schließlich 2002 der vom Höchstgericht verordnete Abrissbescheid in die Amtsstuben flatterte. Den Ausweg fanden die Stadtverantwortlichen in Gutachten. Experten berechneten die Verringerung der Dichtewerte und der Bausubstanz. Einige Geschäfte zogen ab – und für die Beamten kehrte an ihren Schreibtischen wieder Ruhe ein.

Niederösterreich: Ende für Sommerparadies

Seit den 70ern genießen Robert Gerster und 20 weitere Sommerfrischler die Ruhe in Kottingbrunn (NÖ). Die Wiener Pächter errichteten ansehnliche Hütten am Teich und investierten Beträge jenseits der 20.000 Euro. Freilich: Sie wussten nie, illegal gebaut zu haben. Weder Behörden noch Politiker haben sie informiert, so der Vorwurf. Im Vorjahr erfolgte nach einer Anzeige der Abrissbescheid, per Jahresende muss die liebevoll errichtete Siedlung dem Erdboden gleichgemacht werden. „Leichtfertig geben wir das nicht auf“, sagt Gerster zum KURIER. Der Unmut richtet sich gegen das politische System. „Während wir immer unsere Steuern gezahlt haben, leben andere auf großem Fuß. Das ist eine Ungerechtigkeit sondergleichen.“

Salzburg: Rätsel um Wellnesszubau

Richard Nixon, Arnold Schwarzenegger, Margaret Thatcher oder José Carreras nächtigten hier. Seit Herbst 2006 versucht die Familie Herzog das Nobelhotel Kobenzl am Fuße des Gaisbergs zu verkaufen. Zuletzt gab es Gerüchte um einen Investor, der 2012 das Hotel nach einer Generalsanierung wieder aufsperren sollte.

Doch der Verkauf platzte, den Investor soll der Projektabwickler nie an der Hand gehabt haben. Die Herzogs erstatteten Anzeige wegen des Verdachts des schweren Betruges. Die Gegenseite argumentiert, dass der Verkauf nicht zustande kam, weil ein Großteil die Betriebsstätten – zum Beispiel der Wellnessbereich – keine Genehmigung hätten und spricht von „betrügerischen Absichten im Kaufvertrag“.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.