Italien verordnet sich rigides Sparpaket

Hochaktiv: Giulio Tremonti schnürte ein Sparpaket.
Foto: rts

Auf die Italiener kommen harte Zeiten zu. Die Opposition spricht von einer "Kriegsaktion" gegen das Land und verlangt Neuwahlen.

Vor wenigen Tagen hatte Italiens Finanzminister Giulio Tremonti noch gewarnt, die Wirtschaftskrise könnte Europa - und damit auch sein eigenes Land - in den Abgrund ziehen und einen Vergleich mit der Titanic bemüht.

Der 63-jährige Tremonti selbst hat rasch reagiert und sein ins Visier von Spekulanten geratenes Land mit einem flott geschnürten, drakonischen Sparpaket aus der Gefahrenzone gebracht. Nach dem Senat am Donnerstag - in Absenz des nunmehr ungeliebten Silvio Berlusconi - stimmte am Freitag auch das Abgeordnetenhaus für das 70-Milliarden-Paket.

Die ohnehin nicht im Geld schwimmenden Italiener werden die Einschnitte ordentlich spüren. "Mehr Steuern für alle" titelte die Tageszeitung La Stampa. Es wird aber auch mehr Abgaben wie Zuzahlungen bei Arztbesuchen geben, ein höheres Pensionsalter für Frauen (65 Jahre), das Einfrieren von Gehältern im öffentlichen Dienst sowie Privatisierungen. Mit diesem Bouquet will Tremonti der drittgrößten Wirtschaftsmacht in der Euro-Zone, die jetzt nach Griechenland Schulden-Vizemeister ist, bis 2014 einen ausgeglichenen Haushalt verpassen.

Verzweiflung

Hochaktiv: Giulio Tremonti schnürte ein Sparpaket. Foto: rts Hochaktiv: Giulio Tremonti schnürte ein Sparpaket.

Nicht wenige Italiener waren schon vor den jüngsten Einsparungen zu massivem Sparen gezwungen. Mehr als acht Millionen oder 13,8 Prozent gelten nach einer am Donnerstag präsentierten Studie als arm, drei Millionen von ihnen als absolut arm. Schon lang wohnen Zehntausende junge Menschen bei Mama und Papa, weil sie es sich nicht leisten können, flügge zu werden. Fast jeder und jede Dritte zwischen 15 und 24 hat keine Arbeit. Sozialpolitisch wirkt sich dies unter anderem so aus: Statistisch hat eine Frau im katholischen und kinderfreundlichen Italien nur noch 1,2 Kinder.

Viele junge Italiener sehen ihre Zukunftsaussichten als schlecht bis ganz schlecht an. Und man träumt, wie die Generationen vor vielen Jahrzehnten, wieder vom Auswandern. Selbst ein Uni-Dozent im vergleichsweise wohlhabenden Norden riet seinen Studenten: Lernt Fremdsprachen, "um zur Not einen Fluchtweg zu haben".

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(kurier / Livia Klingl) Erstellt am
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