Spritpreisexplosion: Transporteure melden erste Versorgungslücken
Die hohen Treibstoffpreise verteuern die Warentransporte und werden in den nächsten Wochen auch die Lebensmittelpreise im Supermarkt nach oben ziehen, sagt Christian Spendel, Präsident des Vereins „LKW Friends on the Road“ im KURIER-Interview. Auch die Versorgungslage bereitet ihm Sorgen.
KURIER: Die Regierung greift in die Spritpreise ein. Sind die Maßnahmen ausreichend?
Christian Spendel: Das Treibstoffthema ist existenzbedrohend für die Branche und alles, was dranhängt. Die Maßnahmen der Regierung sind natürlich nicht ausreichend.
Wie beurteilen Sie die Einschränkung der Preiserhöhungen an Tankstellen?
Das ist ein Schuss nach hinten. Jetzt bleiben die Preise mindestens zweieinhalb Tage hoch. Und jetzt bilden sich am Montag, am Mittwoch und am Freitag Schlangen vor den Zapfsäulen.
Christian Spendel
Was sagen Sie zur beschlossenen 10-Cent-Entlastung beim Spritpreis und zum Eingriff in die Margen der Mineralölwirtschaft?
Die 10 Cent Einsparung ist bei dieser Preiserhöhung, die wir jetzt haben, gar nichts, schon allein durch die täglichen Schwankungen am Rohölmarkt. Das verpufft. Und zur Margendeckelung: Da bin ich als gelernter Jurist sehr gespannt, wie das funktionieren soll.
Wen wird die Margendeckelung treffen?
Die Margen im Treibstoffhandel sind extrem niedrig. Bei einem kompletten Tankzug mit rund 30.000 Litern liegt der Gewinn oft nur bei 30 bis 60 Euro, sagte mir ein Unternehmen. Das zeigt, wie gering die Spielräume in der Kette eigentlich sind.
Kann Österreich bei den Margen überhaupt wirksam eingreifen?
Wo man natürlich eingreifen kann, ist bei den Raffinerien. Nur da glaube ich, dass das nicht funktionieren wird. Ein großer Anteil des fertig raffinierten Treibstoffs, der in Österreich getankt wird, wird gar nicht in Österreich raffiniert. Sehr viel kommt aus Italien und aus dem süddeutschen Raum. Und in diese Margen kann die österreichische Bundesregierung überhaupt nicht eingreifen. Also für mich sind das politische Beruhigungspillen mit einem Placebo-Effekt.
Was erwarten Sie von der Marktuntersuchung von Bundeswettbewerbsbehörde und IHS?
Was bei dieser Untersuchung rauskommen wird, wissen wir alle jetzt schon. Und zwar, dass die Raffinerien oder die großen Händler wesentlich mehr aufschlagen als sie tatsächlich ausgeben.
Was schlagen Sie als Alternativen vor?
Ich schlage vor, die Treibstoffpreise im Verkauf nur um jenen Betrag zu erhöhen, der auch tatsächlich mehr für das Rohöl bezahlt wird. Das sind derzeit ungefähr um 20 Cent mehr pro Liter. An der Tankstelle kostet der Sprit aber um 40, 50, 60 Cent mehr. Und wenn die Regierung dann noch ein Schäufchen dazu beiträgt mit der Abschaffung der CO₂-Bepreisung, wäre das wirklich ein großer Hebel.
Christian Spendel mit Kurier-Wirtschaftsressortleiter Robert Kleedorfer
Welche Auswirkungen haben die höheren Spritkosten auf die Transportbranche?
Ein Lkw mit rund 100.000 Kilometern Jahresfahrleistung und 25 bis 30 Litern Verbrauch pro 100 Kilometer verursacht um die 800 bis 1.000 Euro pro Monat Mehrkosten. In anderen Bereichen, etwa im Baustellenverkehr, sind es 500 bis 700 Euro pro Fahrzeug pro Monat mehr. In Österreich gibt es 55.000 Fahrzeuge im gewerblichen Güterverkehr und Werkverkehr. Die zusätzlichen Kosten werden sofort weitergegeben und schließlich beim Konsumenten ankommen, etwa bei den Lebensmittelpreisen im Supermarkt.
Gibt es bereits Probleme bei der Spritversorgung?
Manche Transportunternehmen bekommen nicht mehr die Menge Treibstoffdiesel, die sie eigentlich bestellt haben, andere bekommen zurzeit gar nichts und müssen warten. Wenn irgendwann Fahrzeuge stehen bleiben, könnte es wie während der Corona-Zeit zu Problemen bei der Versorgung und Entsorgung kommen.
Kann die Spritpreisbremse die Versorgungslage beim Sprit noch verschärfen?
Das ist eine zweite Gefahr, die natürlich jetzt da ist. Wenn die Margen beschnitten werden, überlegen sich die globalen Lieferanten, ob sie den Treibstoff nach Österreich liefern oder nach Deutschland, Italien oder sonst irgendwo hin.
Wie ist der aktuelle Stand bei der Elektromobilität im Lkw-Bereich?
Diese Alternativen sind da und es gibt sehr viele unserer Mitglieder, die jetzt dabei sind, auf Elektromobilität umzusteigen und sie dort nutzen, wo es auch sinnvoll ist. Aber im gesamten Lkw-Bestand sind es erst ganz wenige.
Welche Rolle spielen alternative Kraftstoffe?
HVO 100, also Kraftstoff aus biogenen Restabfallstoffen, ist sehr interessant, weil man bis zu 90 Prozent CO₂ einsparen kann und es direkt in bestehenden Dieselmotoren funktioniert. Das Problem ist allerdings, dass es viel zu wenig Menge davon davon gibt.
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