Zinswende voraus? Was die neuen OeNB-Szenarien bedeuten
Es sei derzeit unmöglich zu sagen, wie es im Irankrieg weitergeht, wie groß die wirtschaftlichen Verwerfungen also noch werden.
Daher sei es wichtig, in Szenarien zu denken, auch wenn niemand einschätzen könne, welches Szenario mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten werde, betonte Nationalbank-Chef Martin Kocher am Dienstag bei der Vorstellung einer neuen Konjunkturprognose für die Jahre 2026 bis 2028.
Kochers Befund lautet: „Alles hängt davon ab, wie lange dieser Krieg dauert. Es ist wichtig, den Ernst der Lage zu erkennen, Panik ist aber nicht angebracht.“
Und so können sich Pessimisten wie Optimisten am hochoffiziellen Kaffeesudlesen beteiligen. Die zentrale Fragestellung lautet: Werden Österreichs Wirtschaft, Haushalte und letztlich das Staatsbudget die Folgen der Energiekrise halbwegs unbeschadet überstehen? Oder droht ein leichtes Schrumpfen der Wirtschaft bei einer Inflation von mehr als vier Prozent („Stagflation“)?
Nun, in ihrem recht optimistischen Basis-Szenario, gerechnet mit dem Wissensstand ihrer Experten vom 11. März, hat die Nationalbank (OeNB) ihre Wachstumsannahme für heuer von 0,8 Prozent auf 0,5 Prozent nur leicht nach unten revidiert und rechnet mit einer durchschnittlichen Jahresinflationsrate von 2,7 Prozent. Schon bald würde sich bei einer Erholung der Energiepreise auch wieder neue Wachstumsdynamik einstellen, sagt die OeNB mit Blick auf 2027. Zum Vergleich: 2,1 Prozent würde die Teuerung ohne den Anstieg der Energiepreise im Jahresdurchschnitt 2026 ausmachen.
Geht man hingegen von einer längeren Dauer des Nahostkonflikts aus – mit einem Ölpreis im Jahresdurchschnitt von 100 US-Dollar je Fass und einem Gaspreis von 70 Euro je MWh im Jahresschnitt – so kommt man in Kombination mit negativen „Zweitrundeneffekten“ auf Nahrungsmittelpreise oder Löhne natürlich zu wesentlich schlechteren Werten.
In diesem widrigen („adversen“) Szenario rechnet die OeNB mit einem leichten Schrumpfen der heimischen Wirtschaft um 0,2 Prozent und erwartet eine Inflation im Jahresdurchschnitt 2026 von stolzen 4,2 Prozent. Vor allem die Teuerung ist also das Problem.
Zur Einordnung: Nach Raten von knapp acht bis fast neun Prozent 2022 und 2023 im Gefolge des Ukrainekrieges betrug die Inflation in Österreich zuletzt 3,6 Prozent im Jahr 2025. Im Februar (letzter Monatswert) betrug die Teuerung nur noch 2,2 Prozent.
Verdoppelt sich die Inflation tatsächlich im Vergleich zum aktuellen Niveau, dürfte eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank nur eine Frage der Zeit sein. In der vergangenen Woche haben die Währungshüter in Frankfurt die Füße stillgehalten, um ihr Pulver nicht zu schnell zu verschießen. Aber schon bei der kommenden Sitzung im April könnte die Zinswende nach oben kommen. Alles abhängig davon, wie sich die Inflationsdaten entwickeln.
Am 10. April legen zudem WIFO und IHS ihre Konjunktureinschätzungen vor. Speziell die Daten des WIFO werden entscheidend für die Erstellung des geplanten Doppelbudgets 2027/28. Finanzminister Markus Marterbauer muss sich spätestens dann für ein Szenario entscheiden.
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