Insolvente Leder-Gerberei Wollsdorf will Produktion nach Mexiko verlagern
Die Unternehmensgruppe Wollsdorf Leder, ein Zulieferer für die Automobil-, Luftfahrt- und Möbelindustrie, ist einer der größten Arbeitgeber in der Region nördlich von Gleisdorf in der Steiermark. Eigentlich müsste man „war“ sagen. Denn wurden im Jahr 2018 noch 750 Mitarbeiter beschäftigt, so sind es aktuell 365 Personen, wobei bereits im November 2025 angekündigt worden ist, dass 150 Stellen gestrichen werden.
Doch jetzt wackeln alle 365 Arbeitsplätze. Denn die Wollsdorf International GmbH und die operative Wollsdorf Leder Schmidt & Co. GmbH haben am Landesgericht Graz Insolvenzanträge gestellt. Am Freitag sind dann beide Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung laut AKV, Creditreform und KSV1870 eröffnet worden. Die zwei Gesellschaften haben insgesamt rund 59 Millionen Euro Schulden.
Fortführungskaution
„Nach dem Sanierungskonzept ist geplant, die Produktion im Rahmen des Insolvenzverfahrens vorerst fortzuführen und mittelfristig großteils nach Mexiko zu verlagern“, heißt es in einem der beiden Insolvenzanträge. „Die Bezahlung der Sanierungsplanquote (20 Prozent) soll aus den Ergebnissen des operativen Betriebs und aus Überschüssen aus der Verwertung der nach der Produktionsverlagerung nicht mehr benötigten Vermögenswerte bzw. allenfalls durch geeignete Beiträge von dritter Seite erfolgen.“ So wird die Muttergesellschaft Wollsdorf Holding Schmidt Gesellschaft eine Fortführungskaution in Höhe von 200.000 Euro erlegen und auf die Bezahlung der Miete verzichten.
Die Wollsdorf-Gruppe der Familie Schmidt beschäftigt weltweit 1.500 Mitarbeiter, produziert wird in Österreich, Kroatien, Mexiko und in China. Außerdem unterhält sie Vertriebsstandorte in den USA, Uruguay und Hongkong. Mit der Herstellung von Autoleder wird 81 Prozent des Umsatzes erzielt. Die Gruppe ist Weltmarktführer bei Lenkrad-Lederbezügen und produziert Lederverkleidungen für Airbags, Ganghebel, Sitze und Türen.
Nachfragerückgang
Die negative Entwicklung in der Automobil-Zulieferindustrie hat Wollsdorf schwer getroffen. Ab September 2024 trat ein Nachfragerückgang ein, der sich weiter zuspitzte. Trotz einer leichten Entspannung 2025 konnten die früheren Umsätze nicht wiederholt werden.
„Die Wollsdorf-Gruppe konnte nicht sofort auf den plötzlichen Umsatzabfall reagieren, da laufende Fixkostenbelastungen nicht umgehend, sondern nur über einen Zeitraum von sechs Monaten abgebaut werden, was zu hohen laufenden Verlusten geführt hat“, heißt es in einem der Insolvenzanträge. „Im Bemühen die Materialkosten zu senken, wurden mit den Lieferanten für Rohhäute neue Preise ausgehandelt und teilweise die Lieferanten auch gewechselt.“
Im März/April 2025 führte aber auch noch die Maul- und Klauenseuche in Ungarn und der Slowakei zu Lieferengpässen und zu Auswirkungen auf die Qualität der Rohhäute. „Die Qualitätsprobleme konnten operativ nicht behoben werden, da die Qualitätssicherungsstandards im Werk in Österreich nicht im erforderlichen Umfang gewährleistet werden konnten“, heißt es weiters. „Eine den Qualitätssicherungsstandards entsprechende, künftig gewinnbringende Produktion wäre nur im Rahmen einer Verlagerung des Produktionsstandorts nach Mexiko möglich.“
In weiterer Folge hat die Unternehmensgruppe Ende April 2025 mit den finanzierenden Banken eine Restrukturierungsvereinbarung abgeschlossen.
Vereinbarung mit Banken
„Wie in derartigen Fällen üblich, hat diese Vereinbarung für wesentliche Umstrukturierungsmaßnahmen, unter anderem für die Produktionsverlagerungen, eine Zustimmungsnotwendigkeit der Banken vorgesehen“, teilt die Gruppe dem Insolvenzgericht mit. „Nachdem sich bei Wollsdorf die unbedingte Notwendigkeit für eine zeitnahe Verlagerung der Produktion nach Mexiko ergeben hatte, wurden umgehend Gespräche mit den Banken in die Wege geleitet.“
Angeblich verlangten die Banken aber von den Wollsdorf-Eigentümern einen finanziellen Beitrag für die Sanierung der Gruppe. Laut Insolvenzantrag „konnte der geforderte Eigentümerbeitrag nicht in der von den Banken gewünschten Form beigebracht werden“. Warum nicht, wird im Insolvenzantrag nicht offengelegt.
Letztlich seien die Gespräche mit den Banken Ende Dezember 2025 gescheitert. Die Restrukturierungsvereinbarung wurde gekündigt und die Finanzierungslinien von den Banken fälliggestellt.
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