Bundeskanzler Werner Faymann und IV-Präsident Georg Kapsch im Streitgespräch über Österreichs Bildungspolitik moderiert von Martina Salomon

© KURIER/Jeff Mangione

Interview
08/13/2013

Industrie droht mit Abwanderung

IV-Chef Georg Kapsch ortet Abwanderungstendenz und kritisiert Steuerpopulismus.

von Martina Salomon

Der Präsident der Industriellenvereinigung ärgert sich über hohe Steuerlast und dumme Argumente.

KURIER: Droht dem Wirtschaftsstandort Ă–sterreich Abwanderung, wie die Finanzministerin behauptet? Oder ist die Situation rosig, wie der Wirtschaftsminister meint? Wer hat recht?

Georg Kapsch: Beide. Aber Reinhold Mitterlehner ist vergangenheitsbezogen, Maria Fekter zukunftsbezogen. Einige GroĂźunternehmen sind bereits abgewandert oder denken daran, es zu tun.

Henkel zieht zunehmend Personal aus Wien ab, die Voest eröffnet ein Werk in Texas ...

Genau. Der Standort wird von Tag zu Tag schlechter. Wir fallen in allen Rankings zurück und haben extrem hohe Steuerbelastungen – auch für Arbeitnehmer. Wenn dann noch diese unselige, populistische Debatte über Vermögenssteuern dazukommt, die ja zum Großteil die Unternehmen tragen müssten, dann ist das einfach standortschädlich.

Die Arbeiterkammer ortet große Unterschiede bei Vermögen in Österreich. Man könnte ja Unternehmensvermögen von dieser Besteuerung ausnehmen.

Ich bin grundsätzlich gegen jede Art der Vermögensbesteuerung, mit Ausnahme der Grundsteuer. Wenn das so weitergeht, dann beginnen zweifellos auch Menschen, die nie irgendwelche Steuermodelle genützt haben, nachzudenken, wie man der großen Last entkommen kann.

Also auch Steuer auf sehr, sehr hohe Vermögen halten Sie nicht für angebracht?

Was sind „sehr, sehr hohe Vermögen“? Niemand definiert das genau. Wir hätten eine Möglichkeit, viel Geld einzunehmen: mit einer sinnvollen Finanztransaktionssteuer – aber nicht mit einem solchen Unsinn, wie er jetzt in der EU grassiert. Nur wenige Länder werden das umsetzen. Und es geht ja wieder gegen die Realwirtschaft: Hedgefonds-Transaktionen sind niedriger besteuert als Kapitalerhöhungen – das kann es doch nicht sein!

Man soll die Finanzwirtschaft treffen und nicht die Firmen?

Stattdessen treffen wir aber genau jene, die ihr Vermögen in Österreich anlegen und Dinge produktiv gestalten. Vollkommen absurd ist auch die Argumentation, dass eine Vermögenssteuer eine Steuersenkung für Arbeitnehmer gegenfinanzieren kann. Das ginge nur, wenn man den Mittelstand stark belasten würde. Wenn, dann soll man sagen: Das ist Ideologie! Das sind doch nur populistische Ablenkungsmanöver von den wahren Problemen des Staates!

Geht’s der Industrie wirklich schlecht? Der Umsatz von Kapsch ist in Österreich sogar gestiegen.

Das ist richtig. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir nicht woanders hingehen mĂĽssten, wenn sich der Standort laufend verschlechtert.

Was schreckt die Industrie ab, was könnte sie locken?

Locken könnte sie eine Revolution in der Bildungspolitik. Noch leben wir von den Qualifikationen, die aus dem Bildungssystem vor 20, 30 Jahren stammen. Locken könnten auch Bürokratie-Erleichterungen, das gilt übrigens auch für die EU-Ebene.

Was schreckt ab?

Ein ineffizientes Bildungssystem und hohe Arbeitskosten. Der Großteil dieser ständig steigenden Kosten geht in einen völlig überverwalteten Staat. Statt über neue Steuern zu diskutieren, sollte man endlich einmal überlegen, welche Aufgaben der Staat wirklich hat, von welchen er sich trennen, und wie er diese Aufgaben möglichst effizient erfüllen kann. So bekäme man Spielraum für Zukunftsinvestitionen. Wir investieren ja nur ein Viertel des Bundesbudgets in zukunftsorientierte Themen.

Bei der Präsentation des Wirtschaftsberichtes sagte Minister Mitterlehner kürzlich, die Auftragslage für die Unternehmen sei gut. Zu optimistisch?

Wir sind in Ă–sterreich und Europa noch nicht ĂĽber den konjunkturellen Berg.

Wien war lange Ostdrehscheibe. Jetzt verliert diese Funktion an Bedeutung. DafĂĽr kann die Regierung aber nichts, oder?

Nein, aber wir waren dafĂĽr nie politisch aktiv genug.

Österreichs Firmen haben in Ost- und Mitteleuropa prächtig verdient, jetzt verlieren viele. Existiert die Ostfantasie überhaupt noch?

Die Erfolgsstory lebt. Stellen wir uns vor, wir hätten uns nicht auf Polen, die Slowakei, Tschechien etc. konzentriert, sondern auf Portugal, Spanien, Frankreich, Italien. Wo stünden wir da heute?

Kapsch: 2012 weniger Umsatz und Gewinn

Die Kapsch-Gruppe bekam im Geschäftsjahr 2012/’13 die Probleme des größten Einzelunternehmens TrafficCom deutlich zu spüren. Der börsenotierte Mautspezialist, der 53 Prozent des Gruppenumsatzes einfährt, bescherte der Gruppe wegen Problemen in Südafrika und Polen ein Umsatzminus von 6 Prozent auf 928 Millionen Euro. Das ist allerdings noch immer der zweithöchste Umsatz in der Unternehmensgeschichte.

Einen Umsatzrückgang um 14 Prozent auf 189,1 Millionen musste auch Kapsch CarrierCom – das Unternehmen ist Weltmarktführer beim digitalen Zugfunk – verkraften. Deutlich um 18 Prozent auf 297 Millionen dagegen konnte das zweitgrößte Standbein Kapsch BusinessCom den Umsatz erhöhen.

Auch die Gewinne schrumpften: Das Betriebsergebnis (Ebit) ging von 67 auf 25,5 Millionen Euro zurĂĽck, das Ergebnis vor Steuern wurde auf 23,1 Millionen mehr als halbiert.Gestiegen ist die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 5200.

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