Automatisierte Motorrad-Produktion im Gemeinschaftswerk von Bajaj und KTM

© KTM

Wirtschaft
10/02/2019

Indien: High-Tech zwischen Wellblechhütten und Schafherden

Lokalaugenschein im Land der Extreme: Künstliche Intelligenz und hochmoderne Produktionen einerseits, Ein-Mann-Unternehmen, Armut und Analphabetismus andererseits.

von Andrea Hodoschek

Der Unterschied könnte größer nicht sein. Innerhalb von Mauern erstreckt sich das weitläufige Gelände von Tata Consultancy Services (TCS). Viel Grün und ein Neun-Stunden-Tag für die 25.000 Mitarbeiter, Cafeterias, Restaurants, Tennisplätze - Ruhe und beinahe klinische Sauberkeit - alles betrieben mit Solarenergie. Der hoch profitable IT-Dienstleister, nach IBM international die Nummer zwei, könnte genauso gut im Silicon Valley sein. Doch wir sind in Pune, einer Industriestadt unweit von Mumbai.

Der Campus ist die Welt, in der die künstliche Intelligenz erforscht wird.

Draußen vor dem gut bewachten Tor ist das andere Indien. Dort tobt die Verkehrshölle, reihen sich Wellblechbuden neben Lkw-Parkplätzen und Wohnhäusern aneinander, verkaufen Straßenverkäufer alles, was tragbar ist. Noch ist Monsun und der Regen taucht alles in schmutziges Grau. Auf einer Baustelle hat sich eine Herde von Schafen gesammelt.

TCS ist der profitabelste Cluster des Tata-Konzerns. 436.000 Mitarbeiter in weltweit 46 Ländern verkaufen und generieren IT-Lösungen, auch in Österreich. Mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz, eine Netto-Gewinnspanne von mehr als 20 Prozent.

Künstliche Intelligenz

„IT ist die Zukunft. Industrie 4.0 – unsere Kunden wollen sich besser aufstellen, und wir helfen ihnen. Wir haben 3.916 Patente und setzen unseren Fokus stark auf künstliche Intelligenz“, erklärt Nandan Mehta, Manager für Corporate Affairs.

Die Jobs sind begehrt. Ein Software-Ingenieur kommt auf ein Anfangsgehalt von knapp 8.000 Euro, er zählt damit zur gut verdienenden Mittelschicht.

Der Tata-Konzern gehört zu den größten Unternehmenskonglomeraten weltweit. Gegründet 1868 von Jamsetji Tata, beschäftigt der gigantische Mischkonzern mehr als 700.000 Mitarbeiter und hat 28 börsenotierte Gesellschaften mit einer Marktkapitalisierung von in Summe mehr als 145 Milliarden Dollar. Zwei Drittel des Kapitals werden von wohltätigen Trusts gehalten.

Die Übernahme der britischen Traditionsmarke Jaguar war ein schwerer Schlag für das Selbstverständnis der ehemaligen Kolonialherren. Heute ist Tata der größte Arbeitgeber im United Kingdom. „Das hat nichts mit Revanche zu tun, wir investieren ausschließlich nach streng sachlichen Kriterien“, beteuert Mehta.

Wie in Mattighofen

Am Stadtrand von Pune hat sich ein Automobil-Cluster entwickelt, fast alle namhaften Hersteller sind hier. Auch das Firmengelände von Bajaj Auto Ltd. ist designt wie ein High-Tech-Campus. 1.500 Mitarbeiter bauen Zwei- und Dreiräder zusammen, täglich 4.000 Stück. Bajaj Auto ist ein Joint Venture mit dem österreichischen Zweiradhersteller KTM. Die Fertigung ist hochmodern und automatisiert und unterscheidet sich kaum von der Produktion im KTM-Stammwerk in Mattighofen.

Die Krise der Autoindustrie in Indien trifft Bajaj nicht so stark, „rund 50 Prozent unserer Produktion gehen in den Export“, sagt General Manager Laveen Gupta.

KTM ist nicht der einzige Partner, kooperiert wird ebenso mit Kawasaki und Husquarna. Das Asset der Oberösterreicher „ist die Technologie, die KTM einbringt. Und das Styling. Hier gibt es keinen Unterschied zu Österreich, die Modelle sehen genau so aus“ (Gupta).

Unter den Motorrad-Herstellern rangiert die Bajaj-Gruppe weltweit auf Platz drei. Bei den Dreirädern ist man die Nummer eins. Diese Fahrzeuge sind der große Renner in Asien, Stichwort Tuk Tuk.

Auch in Afrika sei man mit fast einem Drittel Marktanteil ganz vorne, erzählt Gupta. Dort verkauft sich das Modell „Boxer“ am besten. Obwohl im ganzen Bajaj-Konzern mehr als 1500 Ingenieure an F&E (Forschung und Entwicklung) arbeiten, scheint E-Mobilität noch nicht so das große Thema zu sein. Das erste E-Bike soll erst 2022 in Produktion gehen, wieder gemeinsam mit KTM.

High-Tech-Schmiede

Baba N Kalyani hat die Souveränität und Gelassenheit eines erfolgreichen Unternehmers. Ihm gehört die Mehrheit an Bharat Forge, der Rest ist an der Börse. Die Firma hat sein Vater gegründet, heute hält der Konzern bei rund drei Milliarden Dollar Umsatz und sieben Standorten, darunter auch in Deutschland, Frankreich und den USA.

10.000 Mitarbeiter erzeugen mit modernsten Technologien Komponenten für die Fahrzeugindustrie, für die Luft- und Raumfahrt, für die Schifffahrt, die Öl- und die Waffenindustrie, für Bergbau und für Eisenbahnloks. „Durch das Fracking haben wir beispielsweise eine hohe Präsenz in Nordamerika bekommen“, sagt Kalyani. Seine Unternehmensgruppe gilt als eine der führenden High-Tech-Schmieden Indiens.

Bis in die späten 80-er Jahre habe Indien zu wenig Technologie gehabt, „wir haben viel zu stark auf Muskelkraft gesetzt. Dann haben wir unser Business-Modell in Richtung Technologie geändert. Heute investieren wir in High Tech und in Brain Power“. Kalyani engagiert sich in Nano-Technologie und ist an etlichen Start-ups beteiligt.

Sieben Millionen Firmen in Indien sind allerdings Mikro-Unternehmen, die großteils von der Muskelkraft ihrer Ein-Mann-Eigentümerschaft betrieben werden.

Also was jetzt, High-Tech oder Rückständigkeit? „Was immer man von Indien behauptet, das Gegenteil ist genauso richtig“, kommentiert gelassen Robert Luck, Wirtschaftsdelegierter in Delhi.

Immer noch im Schatten von China

Indien hat China überflügelt, aber die Basis ist viel niedriger seit der Liberalisierung der indischen Wirtschaft vor 30 Jahren sei viel geschehen, attestiert der heimische Wirtschaftsdelegierte in Delhi, Robert Luck. Großes Ziel der indischen Wirtschaftspolitik und auch der Großunternehmer ist es, China zu überflügeln.

Zwar hatte Indien im Vorjahr ein höheres Wachstum, aber die Ausgangslage ist wesentlich niedriger. Indiens gesamte Wirtschaftsleistung macht nur ein Fünftel von Chinas BIP aus. Bereits 400 Millionen Menschen werden der neuen Mittelschicht zugerechnet, „aber 360 Millionen Menschen leben immer noch unter der Armutsgrenze“, berichtet Luck.

„Es ist kein Wunder, wenn China besser ist. China ist autoritär und wir sind eine Demokratie. Die funktioniert anders“, argumentiert man beim Think Tank Observer Foundation (ORF).

Der aktuellen Konjunkturflaute will die Regierung  mit Steuersenkungen und Mega-Projekten gegensteuern. Probleme sind nach wie vor die Korruption und die Bürokratie. 30 bis 40 Prozent der Arbeit der Außenstelle der Wirtschaftskammer in Delhi betreffen Interventionen für Genehmigungen für österreichische Unternehmen vor Ort.

Die Qualifikation der Arbeitskräfte sei einerseits sehr hoch, sagt Luck. Andererseits ist ein Drittel der Bevölkerung Analphabeten.

„Pakistan produziert Terroristen wie andere Autos“

Indien befürchtet, wegen des viel kritisierten Vorgehens im Kaschmir-Konflikt international als Paria geächtet zu werden. Das könnte die derzeit besonders dringend benötigten Investoren abschrecken. Außenminister Subrahmanyan Jaishankar verteidigte vor österreichischen und deutschen Journalisten die Entscheidung, der mehrheitlich muslimischen Himalaya-Region Kaschmir den Sonderstatus zu entziehen. Der Konflikt um Kaschmir dauert seit 1947 an.

Kaschmir sei rückständig geblieben, Bürger aus anderen Teilen Indiens seien wirtschaftlich ausgeschlossen worden. Jaishankar attackierte gleichzeitig Pakistan, das Nachbarland „produziere Terroristen wie andere Autos“. Er verwies dabei auf den Terroranschlag auf das indische Parlament 2001 sowie auf die Attentate von Mumbai 2008 mit rund 200 Todesopfern. Der Minister warf Pakistan auch vor, einen großen Teil des weltweiten islamistischen Terrorismus zu begünstigen.
 

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