Gregor Demblin und sein Team bei Dis Ability-Performance

© KURIER/Franz Gruber

Menschen mit Behinderung
12/24/2016

"In Österreich fangen wir bei null an"

Aktive Teilnahme am Arbeitsmarkt gewünscht. Unternehmen sind sehr zurückhaltend.

von Irmgard Kischko

Wenn es um Menschen mit Behinderungen geht, kommt von österreichischen Unternehmen meist reflexartig dieselbe Antwort: Sie leisten wenig und genießen einen strengen Kündigungsschutz. Nur 20 Prozent der heimischen Betriebe erfüllen daher ihre gesetzliche Pflicht, pro 25 Arbeitnehmer eine "begünstigte Person mit Behinderung" (nachweislich mehr als 50 Prozent beeinträchtigt) anzustellen. Der Rest kauft sich frei und zahlt dafür 374 Euro im Jahr an den Ausgleichstaxfonds.

"Beim Thema Inklusion behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt beginnen wir in Österreich bei null", sagt Michael Fembek, Projektmanager der Essl Foundation. Sie organisiert Ende Februar 2017 in der Wiener UNO-City eine internationale Konferenz dazu. Österreich hinke vielen westlichen Ländern weit hinterher. Mit dem vor fünf Jahren ins Leben gerufenen Projekt "Zero Project" will die Esst Stiftung behinderte Menschen raus aus dem Eck – "um die kümmert sich eh jemand" – und hin zu einer gleichberechtigten Teilnahme am Arbeitsmarkt bringen.

Gregor Demblin kennt die Einstellung der Wirtschaft zu Behinderten nur allzu gut. Seit seinem 18. Lebensjahr ist er nach einem Badeunfall querschnittsgelähmt. Die Zuversicht, alles zu schaffen, die er damals nach der Reha hatte, ist bald Ernüchterung gewichen. "Ich erkannte, dass man mir Leistung nicht mehr zutraute", sagt er. Dabei sei er doch dieselbe Person wie vor dem Unfall geblieben. "Das war ein großer Schock", erzählt er.

"Viele sind unsichtbar"

Demblin begann zu recherchieren und erkannte, dass rund 15 Prozent der Österreicher irgend eine Art von Behinderung haben. "Die meisten sind in den Unternehmen unsichtbar. Sie versuchen, ihre Behinderung zu verstecken, um nicht als leistungsschwach angesehen zu werden", betont Demblin.

Heute, fast 20 Jahre nach seinem Unfall, führt er gemeinsam mit Partnern die Unternehmensberatung Dis Ability-Performance – spezialisiert auf Beschäftigungschancen für Behinderte und Barrierefreiheit. 20 heimische Unternehmen hat er auf seiner Kundenliste, 100 sollen es in den nächsten Jahren werden. Die Hälfte der elf Mitarbeiter hat eine Behinderung. Von den gesetzlich vorgeschriebenen Beschäftigungsquoten hält Demblin nichts. "Unternehmen sehen das als lästige Pflicht", sagt er.

Martin Gleitsmann, Leiter der Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer Österreich, betont, dass der Kündigungsschutz 2011 gelockert worden sei. Erst nach vier Jahren Betriebszugehörigkeit gelte dieser Schutz. "Aber in den Köpfen der Unternehmer ist das noch nicht angekommen", sagt Gleitsmann. Er fordert, dass die Gelder im Ausgleichstaxfonds für Förderung von Behinderten zweckgewidmet sein sollten.

Auch Rollstuhlfahrer müssen Gemüse abwägen können

Der Lebensmittelkonzern Rewe (Billa, Merkur, Penny, Bipa) hat 2015 eine Disability-Strategie ausgearbeitet: Die Zahl der Mitarbeiter mit Behinderung soll bis 2019 auf 840 verdoppelt werden und zu der barrierefreien Filiale in Simmering sollen weitere dazu kommen: Taktile Leitsysteme für Sehbehinderte, einen Info-Point mit Glocke, wo Blinde um eine Einkaufshilfe fragen können, große Anzeige bei den Obst- und Gemüsewaagen sowie eine Unterfahrbarkeit der Waagen und der Brotentnahme für Rollstuhlfahrer zeichnen diese Filiale aus. "Wir bemühen uns zudem um Beschäftigung von Behinderten", sagt Karoline Wallner-Mikl, Diversity-Managerin bei Rewe. Erst kürzlich sei ein autistischer Jugendlicher in der Gutscheinerfassung aufgenommen worden. Zudem gewährt Rewe behinderten Mitarbeitern vier Tage Zusatzurlaub.

Gehbehinderte: Mit dem Shuttle-Bus zum Bankberater

Bankomaten, die auch für Rollstuhlfahrer zugänglich und für Sehbehinderte bedienbar sind; Videobanking mit Gebärdensprache, Filialen mit Blindenleitsystemen und barrierefrei – das alles ist für die Bank Austria seit Jahren ein Grundpfeiler der Unternehmensstrategie. Erwin Schauer, Disability-Manager der Bank, ist selbst zu 80 Prozent behindert und kennt daher die Sorgen von Kunden mit Beeinträchtigungen. "In Wien und Graz holen wir gehbehinderte Kunden auch mit Shuttle-Bussen zu Beratungsterminen in die Bank", erzählt er. Als Disability-Manager kümmert er sich nicht nur um die behindertengerechte Ausstattung der Bank, sondern auch um Mitarbeiter mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Mehr als 400 behinderte Menschen beschäftigt die Bank und liegt damit über der gesetzlich vorgeschriebenen Quote.

Lernschwach bedeutet nicht berufsunfähig

Die meisten der 20 Jugendlichen, die bei der Holzofenbäckerei Gragger in Ansfelden, Oberösterreich, eine Lehre abgeschlossen haben oder noch in Ausbildung sind, hätten am Arbeitsmarkt keine Chance gehabt. Sie sind als "lernschwach" eingestuft. "Helmut Gragger hat ihnen eine Chance gegeben und hat sie mit Unterstützung der Caritas und des Sozialministeriums zu Bäckern ausgebildet. "Natürlich braucht man am Anfang viel Geduld und manches dauert länger als bei anderen Jugendlichen", sagt Gragger. Was aber an Freude und Loyalität zurückkomme, sei kaum beschreibbar. Alle 20 haben die Berufsschule geschafft und der Großteil der Ausgelernten habe bei Gragger oder in anderen Bäckereien eine fixe Stelle gefunden. "Lernschwach bedeutet ja auch nicht berufsunfähig", betont der Bäckermeister.

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