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Wirtschaft Immobiz
02/04/2019

Moderne Schublade in Traditionsbau

IMMO hat mit Architekt Manfred Wehdorn über die baulichen Neuerungen der Spanischen Hofreitschule gesprochen.

von Andreea Iosa

Die trabenden Pferdeschritte sind im Reitsand nur dumpf zu hören. Auch die Reiter brauchen keine Worte, sondern lediglich Körperbeherrschung, um die manierlichen Lipizzaner anzuweisen. Allein die Gerte, die entlang der Wand schleift, unterbricht die Stille in der fast tausend Quadratmeter großen Halle. Wir befinden uns im weltweit schönsten Reitsaal der Spanischen Hofreitschule. Sie hat eine lange architektonische Tradition, die unlängst jedoch unterbrochen wurde. Was die Zuschauertribüne nun ergänzt, ist eine 6,6 Tonnen schwere, dem Zeitgeist entsprechende „Schublade“. Sie ist so dezent, dass sie trotz dunklem Stahl und Glas sowie ihrer Geradlinigkeit den schweren Mauern, dem prachtvollem Stuck und den Galerien, die von imposanten verschnörkelten Säulen geschmückt sind, nicht die Show stiehlt. Wer sich inmitten dieses barocken Juwels im Herzen Wiens befindet, wird – ohne seinen Bezug zur Gegenwart zu verlieren – in die Zeit der Renaissance zurückversetzt.

280 Jahre später

Wir schreiben das Jahr 1729. Unter der Anweisung von Kaiser Karl VI plant Johann Bernhard Fischer von Erlach die Winterreitschule im Michaelertrakt der Hofburg. Sechs Jahre später ist der Reitsaal fertiggestellt und einem klaren Zweck gewidmet. „Zum Unterricht und zur Übung der adeligen Jugend wie auch zur Ausbildung der Pferde für Kunstritt und Krieg“, wie heute noch auf der Tafel über dem Rundbogen des Eingangs zu lesen ist. Heute, über 280 Jahre später, lockt die Reitschule Menschen aus aller Welt nach Wien. So viele, dass der Platz nicht mehr ausreicht. Der Eingriff sollte bei einem seit Jahrhunderten unveränderten Weltbau jedoch nur minimal sein.

Der Spezialist auf diesem Gebiet ist schnell gefunden: der renommierte Architekt Manfred Wehdorn, der auch für den Umbau der historischen denkmalgeschützten Raubtieranlage im Tiergarten Schönbrunn oder für die Wiederherstellung der Redoutensäle der Wiener Hofburg beauftragt wurde. Trotz seiner langjährigen Erfahrung fühlte er sich im ersten Moment vom Raum „erschlagen“. „Er steht jetzt seit 280 Jahren. Und in diesen 280 Jahren ist er de facto nicht verändert worden, oder nur marginal. Solche Räume, die kaum angetastet wurden, gibt es nur noch ganz wenige. Dazu kommt auch ihre gleichgebliebene Funktion – das ist etwas Unübliches“, schildert Wehdorn. In diesem besonderen Setting eingreifen zu müssen, bedürfe es nicht nur großer Bedachtsamkeit, sondern auch Demut vor der historischen Architektur.

Alt und Neu

Das Ergebnis ist ein Zusammenspiel aus Alt und Neu, das nur mit viel Feingefühl und Erfahrung so passend gepaart werden kann. Die „Schublade“ bietet 56 zusätzlichen Besuchern Platz und ist sogar komplett reversibel. Die Materialien Stahl und Glas sind außerdem ehrlich – wie Wehdorn sie nennt. Das ist jedoch nicht die einzige Neuheit: Auf der gegenüberliegenden Seite finden auf der „nur“ 1,6 Tonnen schweren Musikergalerie auch 22 Sängerknaben sowie ein Klavier oder bei Bedarf zwölf weitere Besucher Platz. In nur 14 Tagen waren die Logen nach einer einjährigen Planung betriebsfertig, bei der neben Baumeister, Architekten und Auftraggeber auch das Denkmalamt Mitspracherecht hatte. „Die Zuständigen haben zuerst natürlich Bedenken, doch irgendwann kann man sie mit an Bord ziehen und dann planen sie auf einmal fast mit und geben Hinweise“, freut sich der Architekt.

Der Kostenpunkt: „Für alles haben wir 320.000 Euro investiert – das haben wir in rund einem Jahr wieder drinnen“, sagt der Geschäftsführer der Spanischen Hofreitschule Erwin Klissenbauer zuversichtlich. Alles läuft nach Plan. Klissenbauer zufolge war es eine große Herausforderung, in diesem historisch so besonderen Gebäude, die Anforderungen der heutigen Zeit mit Umsicht und Verantwortung umzusetzen. Doch: „Wenn man das Richtige macht, dann ist auch das furchtbar einfach“, weiß Manfred Wehdorn.