"Hier ist alles auf Stein gebaut"

© Bild: Ela Angerer

Buchautor Andreas Lehne, Leiter der Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung im Bundesdenkmalamt, über die Stadtbahnbögen:

Sie galten lange als wenig beachtete Selbstverständlichkeit. Dann gewannen die Stadtbahnbögen durch die Revitalisierung des Gürtels an Bedeutung. Warum haben Sie sich als Historiker diesem Großbau in einem Buch angenommen?

Irgendwann dachte ich in einer meiner Vorlesungen auf der Uni, dass es lustig wäre, ein Buch zu verfassen unter dem Titel „400 Möglichkeiten, einen Stadtbahnbogen zu schließen“. Seit 1900 bis in unsere Zeit ist es ja eine Aufgabe unserer Stadt, diese Anforderung auf ganz unterschiedliche Weise zu lösen. Dazu kommt, dass mir die Art der Fotografie, wie Stefan Oláh sie betreibt, sehr imponiert. Er macht das ja analog und mit Großformat – es kann nicht hoch genug geschätzt werden, wenn jemand in dieser Qualität die Stadt dokumentiert.

Schauen Sie nur, in was für einem guten Zustand der ganze Komplex nach über hundert Jahren ist.

Ich schätze auch den Wert dieser Architektur an sich: Hier ist alles Stein auf Stein gebaut. Schauen Sie nur, in was für einem guten Zustand der ganze Komplex nach über hundert Jahren ist. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Gebäudes beträgt heute zwischen 30 und 40 Jahre. Qualität hat sich damals vor schnellem Profit durchgesetzt.

Es heißt ja immer, das imposanteste historische Architekturprojekt Wiens war die Ringstraße... Ja, aber die war früher, nämlich in den 1860er- und 1870er-Jahren. Das nächste Großprojekt waren dann die von Otto Wagner um 1900 geplanten Stadtbahnbögen.

Glauben Sie, dass nach dem imperialen Charakter der Ringstraßen-Palais hier nun bewusst etwas fürs Volk getan wurde?

Das ist umstritten, denn die Stadtbahn war ein kaiserliches Projekt und hatte vor allem auch eine militärische Funktion zu erfüllen. Die Soldaten sollten rasch von einem Bahnhof zum anderen gelangen können ohne durch die Stadt marschieren zu müssen. Auch die Immobilienbesitzer hatten zuerst gar keine Freude daran: Ihre Angst war, dass wohnen in den Außenbezirken durch die bessere Verbindung interessant werden könnte und die Preise in der Inneren Stadt verfallen. Die Frequenz war auf jeden Fall zuerst geringer als erwartet, nur am Wochenende wurde sie von Ausflüglern gut genutzt. In den 1920er-Jahren sah es dann die Sozialdemokratie als ihre Aufgabe an, die Stadtbahn zu einem städtischen Verkehrsmittel zu machen und sie den Wienern zurückzugeben.

Heute bedaure ich übrigens, dass ich in den 1990er-Jahren, als man das noch konnte, nie mit der Stadtbahn von Nussdorf in die Stadt hineingefahren bin, es muss eine großartige Aussicht gewesen sein.

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Erstellt am 28.01.2013