Wirtschaft 21.03.2016

Hochfliegende Pläne in Kanada

Kanada: 700 Unternehmen mit 180.000 Beschäftigten sind in der Branche tätig, allen voran Bombardier. © Bild: REUTERS/CHRISTINNE MUSCHI

Unternehmen und Staat pumpen Milliarden in die Luftfahrtindustrie.

"Die Zeit vergeht wie im Flug." Diesen Spruch können vor allem Passagiere der Holzklasse meist nicht teilen – eng, nervende Mitreisende und schlechtes Essen lassen eine Flugreise oft zu einem scheinbar niemals enden wollenden Trip werden. Die staatliche kanadische Forschungsgesellschaft National Research Council (NRC) will einen Beitrag dazu leisten, Flugreisen künftig angenehmer zu gestalten. Dazu werden derzeit am Boden drei Kabinen für je bis zu 40 Passagieren nachgebaut. Inklusive eines nachgeahmten Check-In und Boarding-Vorgangs soll das gesamte Reiseerlebnis durchgespielt werden.

ccer-3d074b.jpg
NRC Forschungslabor in Kanada © Bild: NRC
"Es geht nicht darum, noch mehr Passagiere in eine Kabine zu quetschen", versichert NRC-Sprecher Micha Hage-Badr. Gemeinsam mit der Industrie sollen neues Interieur, Technologien und Konzepte auf ihre Tauglichkeit und Wirtschaftlichkeit getestet werden. Die Simulation beinhaltet auch Geräusche, Vibrationen, Essen und Bordunterhaltung. Während des "Fluges" werden auch Herz- und Blutdruckaktivitäten gemessen. Die Simulation könne auf Kundenwunsch durchaus auch zehn Stunden oder länger dauern, so der Sprecher. "Es gibt gegen Bezahlung schon jetzt genug Test-Kandidaten", versichert er lachend.

Forschung

NRC ist nur eines von dutzenden Beispielen für Forschung und Entwicklung in der Sparte Luftfahrt in Kanada. Insgesamt fließen in dem Bereich jährlich 1,8 Mrd. kanadische Dollar (1,22 Mrd. Euro). Kein Wunder, ist die Luftfahrtbranche in Kanada mit 180.000 Beschäftigten und rund 700 Unternehmen größer als die Autoindustrie mit ihren Werken und Zulieferbetrieben für die nahen US-Großhersteller.

Bei Lixar IT beispielsweise hat man sich dem Einsatz neuer Technologien verschrieben, seien es Apps für Buchungen oder Anwendungen für Flugbegleiter. "Das Internet hat das Buchungsverhalten und die Art, wie Airlines mit ihren Kunden kommunizieren, völlig verändert", sagt Firmenchefin Shelley Fraser. So würden künftig Flugbegleiter mit iPads ausgerüstet, um direkt alle Informationen über die mitfliegenden Passagiere zu erhalten.

Große Brötchen werden bei Magellan Aerospace in Winnipeg gebacken. Der Konzern baut nicht nur Triebwerksteile, u.a. für den A380, sondern auch Satelliten und Raketen. Jüngstes und wichtigstes Projekt sind aber Komponenten für den Kampfjet F-35. Bei dem Programm gibt es erhebliche Verzögerungen. Sobald aber die Serienfertigung läuft, sollte die Zahl der Jobs im Werk für den F35 von 150 auf bis zu 400 aufgestockt werden. Freilich, so bedauert man bei Magellan, habe ausgerechnet Kanada sich noch nicht für den neuen Jet entschieden.

Turbinentestwerk in Winnipeg wurde um 55 Millionen Euro errichtet
Turbinenteststelle, Winnipeg, Kanada © Bild: /Kleedorfer
Apropos Triebwerke: Bevor diese in Serienbetrieb gehen dürfen, müssen sie monatelangen Härtetests unterzogen werden. "Es gibt weltweit keine Fabrik dafür, daher nutzen wir die freie Natur", sagt Chris Horley von EnviroTrec. Die technische Non Profit Organisation arbeitet mit Turbinenherstellern zusammen und hat für diese in Manitoba im Norden des Landes eine Testanlage installiert. Eine weitere gibt es von General Electric am Flughafen von Winnipeg. Kanada ist ideal dafür, denn für die Tests sind Temperaturen von minus 5 bis minus 22 Grad nötig. "Die hat es in Manitoba an 200 Tagen", sagt Horley. Getestet werden neben Vereisung u.a. auch Vogelschlag. Dies geschieht mit Hühnern – toten, wie betont wird.

Kanadas Wirtschaft

BIP
Kanadas Bruttoinlandsprodukt beträgt 1,62 Billionen Euro. Größte Wirtschaftszweige sind Rohstoffe, Energie und Landwirtschaft.

Luftfahrt
20,5 Mrd. Euro ist der Beitrag der Luftfahrtindustrie zum BIP. In 700 Betrieben werken 180.000 Menschen.

Autos
Die Autoindustrie mit 115.000 Beschäftigten bringt einen Beitrag von rund 13,6 Mrd. Euro.

Bombardier, das ewige Sorgenkind

Kanadas Aushängeschild in der Luftfahrt, Bombardier, steckt seit einigen Monaten in finanziellen Schwierigkeiten. Der Flugzeug- und Zugbauer kündigte an, weltweit 7000 Stellen zu streichen. Das Werk in Wien ist nur am Rande betroffen. Große Hoffnungen setzt Bombardier auf die neue C-Serie. Das Verkehrsflugzeug wird in zwei unterschiedlichen Größen geliefert und soll im wachsenden Geschäft mit Flugzeugen zwischen 100 und 150 Sitzplätzen punkten. "Die Betriebskosten sind gegenüber dem vergleichbaren Airbus A319 wegen eines besseren Triebwerks um zehn Prozent geringer", so Rob Dewar, General Manager der C-Serie. Erstkunde der kleineren CS 100 ist ab Juni Swiss, die 300er-Serie soll in der zweiten Jahreshälfte bei Air Baltic erstmals abheben.

Bestellungen

Insgesamt seien bereits 243 Fixbestellungen eingegangen, heuer sollen bis zu 20 Maschinen ausgeliefert werden. Umgerechnet 3,4 Mrd. Euro wurden bisher investiert. Damit liegt man über den ursprünglich anvisierten Kosten und hinter dem Zeitplan. Das ist mit ein Grund, warum Bombardier finanziell trudelt und um Hilfen der Provinz Quebec von 680 Mio. Euro angesucht hat (bereits zum 51. Mal seit 1960 wurde ein Hilfsantrag gestellt). Für George Athanassakos, Professor an der University of Western Ontario, hat der Konzern zu hohe Schulden, das erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts. Zudem sei das Management von fragwürdiger Qualität, sagte er der kanadischen Zeitung Globe and Mail.

Der Einbruch bei Bestellungen von Businessjets bekam auch der regionale Zulieferer Mitsubishi Heavy Industries in Toronto zu spüren, 130 Leiharbeiter mussten gehen. Denn statt zuvor sechs werden monatlich nun nur noch Teile für vier Jets gefertigt. Zudem wurde Arbeit von Japan nach Kanada transferiert, um das Werk auszulasten. "Hier sind die Produktionskosten ohnehin um zehn Prozent geringer", sagt Werkschef Michael McCarthy.

( kurier.at ) Erstellt am 21.03.2016