Wirtschaft
27.11.2017

Heuschrecken-Fonds als Retter

Der spanische Investmentbanker Santiago Eguidazu bricht eine Lanze für die Fonds.

Sie kommen, fressen die besten Teile aus Konzernen heraus, kürzen die Kosten radikal, verkaufen das Ganze und stecken satte Gewinne ein: die so genannten Heuschreckenfonds. Der Spanier Santiago Eguidazu kennt sich in diesem Metier bestens aus. Als Chef der Investmentbanking- und Vermögensverwaltungsgruppe Alantra vermittelt er solche Geschäfte. Seit Juli ist Alantra auch in Wien präsent und will von hier aus den österreichischen Markt sowie Süd- und Osteuropa betreuen. Mit dem KURIER sprach er über die Heuschreckenfonds, die Probleme europäischer Banken und die Gefahren des billigen Geldes.

KURIER: Herr Eguidazu, haben Europas Banken die Krise endgültig überstanden?

Santiago Eguidazu: Der aktuelle Zustand der Banken ist viel besser als noch vor wenigen Jahren. Auch in Spanien geht es mit der Finanzwirtschaft wieder bergauf. Die Kreditausfälle sind sehr gering. Die wirklich große Frage aber ist derzeit: Wie schaffen es die Banken bei den tiefen Zinsen genug zu verdienen, um einen Polster für die nächste Krise, die sicher kommt, aufzubauen?

Wie denn?

Erträge können sie jedenfalls nicht genug einfahren bei diesen Zinsen. Daher gibt es nur einen Weg: Die Kosten müssen runter. Die Banken hoffen noch immer, dass die Zinsen bald steigen und sie dann wieder Geld verdienen können. Aber das Abwarten ist gefährlich, die Zinsen werden nicht so rasch steigen.

Österreichs Banken sperren Filialen zu, bauen Personal ab. Reicht das nicht bald?

Österreich hat noch immer zu viele Bankstellen. Diese Kosten lassen sich nicht mehr verdienen. Es wird eine Konsolidierungswelle kommen müssen. Spanien hat fünf große Banken, das viel kleinere Österreich drei. Das wird noch großer Anstrengungen bedürfen.

Ist mit niedrigeren Kosten alles paletti bei den Banken?

Nein. Die Überkapazitäten reduzieren ist nur ein Teil. Sie müssen auch ihre Bilanzen säubern. Heißt: Problemkredite müssen raus, ebenso Geschäfte, die nicht zum Kerngeschäft der Banken zählen wie etwa Immobilien.

Wohin mit diesen Geschäften?

Fonds kaufen das. Sie übernehmen faule Kredite, aber auch Problem-Immobilien.

Sind das diese " Heuschreckenfonds", wie sie im Volksmund genannt werden?

Die Fonds haben einen schlechten Ruf. Aber sie haben vielen Ländern durch die Finanzkrise geholfen. Sie waren die einzigen, die das Risiko aus dem Finanzsektor übernommen haben. Die Banken mussten aus diesem Risikogeschäft heraus, um zu gesunden. Das war auch in Spanien so. Wir haben viele solche Geschäfte mit Fonds vermittelt, etwa an den US-Fonds Blackstone.

Warum können die Fonds mit den schlechten Geschäften der Banken Geld verdienen, die Banken aber nicht?

Die Fonds profitieren davon, dass sie kaum Regulierungen unterworfen sind, die Banken aber viele Vorschriften einhalten müssen. Manchmal kaufen die Fonds dann sogar Banken.

Was versprechen sich die Fonds davon?

Wenn sie eine Bank besitzen, haben sie Zugang zu billigem Geld der Europäischen Zentralbank. Die europäischen Regulatoren sollten dies beachten und überlegen, auch die Fonds zu regulieren.

Diese Fond sollen Ländern wirklich aus der Krise geholfen haben?

In Spanien haben sie 100 Milliarden Euro an Geschäft aus den Banken heraus gekauft. In Irland 30 Milliarden in einem Jahr und in Portugal läuft das Geschäft derzeit auf Hochtouren. Dort übernehmen Fonds zehn Milliarden Euro Bankgeschäft pro Jahr. Die Banken erhalten auf diese Weise Geld, um Kapitalpolster aufzubauen.

Interessiert die Fonds auch Italien oder sind die Banken dort zu riskant? In Italien liegt die nächste große Chance für die Fonds. Die Banken dort brauchen viel Geld und haben 180 Milliarden Euro an faulen Krediten in ihren Büchern.

Zurück zu den tiefen Zinsen. Es gibt inzwischen viel Kritik an der Nullzinspolitik der EZB. Wie stehen Sie dazu?

Ich unterstütze diese Politik. Damit wurde die Wirtschaft Europas wieder in Gang gebracht. Tiefe Zinsen gibt es aber nicht nur hier. Die Welt steckt in einer Liquiditätsfalle. Es wird derzeit fast alles finanziert, es findet eine Art "Ver-Finanzierung" der Wirtschaft statt.

Das klingt gefährlich ...

Ja, wenn diese Liquidität plötzlich nicht mehr sprudelt, könnte das einen Schock in der Finanzwelt auslösen und eine neue Krise entstehen. Denn viele Projekte könnten nicht mehr weiterfinanziert werden, die Kreditausfälle der Banken würden wieder steigen. Aber die Banken sind dank der Kapitalvorschriften besser gerüstet.