Als Österreich bei Computern vorne mitspielte
„Whirlwind“ („Wirbelwind“) oder „Typhoon“ („Taifun“) hießen die „Supercomputer“ der 1950er-Jahre. Der Wiener Informatiker Heinz Zemanek ließ ihnen im Mai 1958 das „Mailüfterl“ entgegenwehen. Der an der TU Wien von ihm entwickelte Rechner war zwar nicht ganz so leistungsfähig wie die stürmischen US-Pendants, die Bauweise war jedoch weit platzsparender und benötigte auch deutlich weniger Strom. „Eine kleine Wiener Frühlingsbrise“, wie Zemanek es ausdrückte. Die Taktfrequenz betrug immerhin für damals durchaus beachtliche 132 kHz. Heutige PCs sind im Vergleich dazu mit 3 bis 4 Gigahertz (GHz) 20.000 Mal bis 30.000 Mal so schnell.
Zum Einsatz kamen beim Mailüfterl nicht Elektronenröhren, sondern Transistoren, die ebenso Strom verstärken und schalten können, aber dafür keine Glaskolben und deutlich weniger Energie benötigen. Das ebnete den Weg für die Miniaturisierung des Computers.
Archivbild des Mailüfterls aus dem Jahr 1958.
Mit einer Breite von 4 Metern, einer Höhe von 2,5 Metern und einer Tiefe von 50 Zentimetern und einem Gewicht von 500 Kilogramm war das Mailüfterl nach heutigen Maßstäben zwar noch immer voluminös. Im Vergleich zu Röhrencomputern, die ganze Räume füllten, starke Kühlung erforderten und deren fragile Bauteile häufig ausgetauscht werden mussten, waren sie jedoch durchaus kompakt.
Das 1955 begonnene Vorhaben des 1920 in Wien geborenen Informatikers war herausfordernd. Denn beim Material und auch bei den personellen Ressourcen war der damalige Hochschulassistent an der TU Wien auf Zuwendungen angewiesen. So wurde etwa die Arbeitszeit eines Studierenden vom deutschen Computerpionier Konrad Zuse bezahlt. Der österreichische Bankenverband steuerte ebenso wie rund 35 Unternehmen Mittel oder Material bei. Die in dem Rechner verbauten 5.000 Dioden und 3.000 Transistoren kamen von Philips. Ursprünglich waren sie für Hörgeräte gedacht.
Erster kontinentaleuropäischer Transistorrechner
Das Mailüfterl war nicht der erste Transistorrechner. Die ersten Geräte datieren einige Jahre früher. Der erste Prototyp kam 1953 an der University of Manchester zum Einsatz, auch in den USA, Japan und Kanada wurde bereits mit solchen Rechnern experimentiert.
Das Mailüfterl gilt aber als erster Computer dieser Bauart auf dem europäischen Festland. Es kann auch als Beweis dafür dienen, dass Europa bei der Computerforschung nicht nur zuschauen, sondern auch vorne mitspielen konnte. Gerade in Zeiten, in denen wieder verstärkt über digitale Souveränität diskutiert wird, ist das von Bedeutung.
Der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek.
Vertrag mit IBM
Wie auch andere europäische Errungenschaften in der Informatik fand aber auch das Mailüfterl seinen Weg zu einem US-Konzern. Zemanek unterschrieb 1960 einen Vertrag bei IBM. Ein Jahr später, im September 1961, übersiedelte er gemeinsam mit dem Transistorrechner in ein neues Forschungslabor in Wien, das der US-Konzern für ihn und sein Team eingerichtet hatte.
Dort kam das Mailüfterl etwa zur Berechnung von Primzahlen zum Einsatz. Das Gerät war frei programmierbar. Überliefert ist auch die Entwicklung eines musiktheoretischen Programms für den Komponisten Hanns Jelinek auf dem Rechner. 1966 wurde das Mailüfterl schließlich ausgemustert. Heute ist es im Technischen Museum in Wien ausgestellt.
Übersiedlung des "Mailüfterls" im Jahr 1961
Zemanek widmete sich bei dem US-Technologiekonzern bis 1976 der Arbeit an Programmiersprachen. Maßgeblich beteiligt war er etwa an PL/I, einer von IBM entwickelten Programmiersprache, die wissenschaftliche und kaufmännische Anwendungen zusammenführte. Auch für die Definition der Vienna Definition Language (VDL) war er mitverantwortlich. Daneben hatte er eine Professur an der TU Wien inne.
Zemanek starb im Jahr 2014 im Alter von 94 Jahren. Nach ihm ist nicht nur ein Seminarraum an der TU Wien und eine Gasse beim Wiener Arsenal benannt. Auch der alle zwei Jahre vergebene Heinz Zemanek-Preis der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG), mit dem herausragende Forschungsarbeiten in der Informatik ausgezeichnet werden, schmückt sich mit seinem Namen.
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