Wirtschaft
12.01.2017

Heimische Unis brauchen mehr Business-Instinkt

Internationale Universitäten sind oft Unternehmensschmieden und Jobmotoren. Österreich kann davon nur träumen, dabei wäre viel mehr drinnen.

In der heurigen Ausgabe des renommierten "Times Higher Education World University Rankings" lag die Universität Wien als beste österreichische Hochschule auf Platz 165. Im Jahr davor war es noch Platz 161. Österreichs Universitäten sind bei näherer Betrachtung zwar nicht so schlecht, wie man dem Ranking zufolge schließen könnte, doch gibt es in vielen Bereichen Aufholbedarf.

Eines der wichtigsten Themen sind Spin-offs. Die Zahl der Unternehmen, die Abgänger oder Studenten von heimischen Universitäten in die Wirtschaftswelt setzen, ist im internationalen Vergleich erschreckend bescheiden. Es müssen nicht gleich prominente Namen wie Nike, Ebay oder Instagram sein – wie sie etwa die US-Elite-Universität Stanford hervorgebracht hat – doch über den einen oder anderen internationalen Player "made in Austria" hätte man schon gerne gelesen oder gehört – bis dato leider Fehlanzeige.

Würden Österreichs Universitäten und die öffentliche Hand hier gemeinsam ansetzen, würde das der heimischen Wirtschaft einen kräftigen Schub geben, sagt Stefan Höffinger, Geschäftsführer des Strategieberatungsunternehmens Höffinger Solutions. Internationale Paradebeispiele, bei denen man Anleihen nehmen kann, gibt es genug.

Uni als Wirtschaftsmotor

Stanford hat noch mehr zu bieten, auch Tesla, Google und Yahoo sind Ausgründungen der kalifornischen Universität. "Ein Asset ist, dass 97 Prozent der Studenten am Campus leben", sagt Höffinger, der eine aktuelle Studie über Spin-offs und Star-ups, die Universitäten entspringen, vorgelegt hat. Das schaffe mehr Zusammengehörigkeitsgefühl, bringe Austausch und Ideen. Seit 1930 hat Stanford 39.000 Unternehmen und 5,4 Millionen Jobs hervorgebracht.

Konkurrent Harvard an der Ostküste steht um nichts nach. Die Universität hat ein Jahresbudget von 4,5 Milliarden Dollar. Alle österreichische Unis zusammen haben zwischen 2016 und 2018 ein Budget von 9,7 Milliarden Euro – auch kein Pappenstiel, meint Höffinger. Harvard betreibt Forschung in über 100 Einrichtungen und ist der viertgrößte Arbeitgeber im US-Bundesstaat Massachusetts.

Gleich hinter den weltweit führenden Universitäten aus den USA zeigen die britischen Hochschulen Cambridge und Oxford, was in der Wirtschaft alles möglich ist. Um die Universität Cambridge ist ein Cluster entstanden, sie ist Wissenslieferant für mehr als 1500 Technologieunternehmen, die 57.000 Menschen beschäftigen. Die Uni Oxford hat eigene Unternehmen gegründet, die das hauseigene Know-how für Innovationen nutzen. Doch muss man nicht in die Ferne schweifen, um der Wirtschaft impulsgebende Universitäten zu finden. Die ETH Zürich, die als beste kontinentaleuropäische Universität gilt, kann 355 Spin-off-Unternehmen seit 1996 vorweisen. Sie beteiligt sich am Technopark Zürich, organisiert einen Businessplanwettbewerb, arbeitet mit Start-up-Organisationen zusammen und ist der größte Arbeitgeber im Raum Zürich. Die ETH ist bei spektakulären Projekten wie dem Gotthardtunnel oder der futuristischen Berghütte am Monte-Rosa-Massiv beteiligt. Die LMU München macht sich durch Beteiligung an Exzellenz-Clustern und universitätsübergreifenden Netzwerken bemerkbar.

Ein Österreich-Bashing ist trotz allen Rückstands laut Höffinger unangebracht. Wenn auch Österreichs Universitäten in der Gesamtschau nicht mithalten können, sind sie doch in einzelnen Bereichen top, wie etwa die Universität für Bodenkultur Wien (Boku), die im Green Metric Ranking 2016 beim Thema Nachhaltigkeit weltweit auf Platz sechs landete und damit beste deutschsprachige Universität war. "Und da geht es nicht nur um Landwirtschaft, sondern auch Themen wie HIV-Forschung", sagt Höffinger.

An Vorbildern orientieren

Auch die Infrastruktur sei durchaus herzeigbar, wenn man an den Unicampus im Alten AKH oder die neue Wirtschaftsuniversität denke. Die geringe Zahl an Ausgründungen mache dennoch Sorgen. Das Spin-off Sim Characters, dessen Gründer auf der Med-Uni Wien war und einen Simulator entwickelt hat, der Frühgeborenen das Leben retten kann sowie das Spin-off Smartbow, mit dem Bauern nicht nur ihre Kühe wieder finden können, sondern auch wissen, was daheim im Stall passiert, sind eher die Ausnahme. Dem heimischen System mangle es weniger an finanziellen Mitteln, als an Leistungsfähigkeit. "Wenn man sich ansieht, was in die Unis hineingesteckt wird, und was als Output wieder hinauskommt, erkennt man, dass das Verhältnis nicht stimmt", meint Höffinger.

Österreichische Universitäten sollten sich die Elite-Unis der Welt als Vorbild nehmen, denn die österreichische Wirtschaft stehe ja auch im weltweiten Wettbewerb. "Immer nur in Rankings schlecht abzuschneiden, sie wegzuschieben und auf nächstes Jahr zuwarten,ohne das tatsächlich etwas passiert, ist jedenfalls nicht akzeptabel", so Höffinger.

Kommentar dazu unter https://kurier.at/meinung/kommentare/wirtschaft/bei-den-unis-geht-es-nicht-nur-ums-geld/306.208.327

„Österreich fehlt eine Gesamtstrategie“

KURIER: Wie bewähren sich heimische Universitäten als Unternehmensschmieden?

Stefan Höffinger: Die Situation ist verbesserbar. Wenn man sich an internationalen Vorbildern orientiert, sieht man, was für ein großes Potenzial das Thema hat. Da muss man nicht in die USA oder nach England schauen, das sieht man auch in der Schweiz oder in Bayern. Es gibt in Österreich ein paar gute Initiativen, aber es fehlt die Gesamtstrategie. Das Problem wird erkannt, ist aber noch zu wenig im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Es bräuchte gemeinsame Ambitionen des öffentlichen Sektors und der Universitäten.

Wie viele österreichische Spin-offs gibt es und welche sind die bekanntesten Namen?
Natürlich gibt es etabliere Institutionen, wie Seibersdorf, die die Entstehung von Spin-offs unterstützen. Aber so namhafte Neugründungen wie in der Schweiz und in Bayern gibt es nicht. Bekannte heimische Start-ups wie Runtastic oder Jajah sind aus unternehmerischer Eigeninitiative entstanden. Aber auf Lucky Strikes kann man sich nicht verlassen, man muss das System evaluieren und adaptieren. Es geht auch nicht um ein Österreich-Bashing, sondern darum, Potenziale zu erkennen. Natürlich gibt es immer wieder Erfolge, aber das geschieht eher nicht wegen, sondern eher trotz des Systems.

Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie?
Ich gehe davon aus, dass sich etwas ändern wird. Das Thema wird immer stärker mit kritischem und professionellem Blick betrachtet. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Man muss sich die Finanzierung näher anschauen, ob man die Wiener Börse einbeziehen kann und wie man mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft für das Thema wecken kann. Es geht nicht nur um Start-ups, es geht um das künftige Wissensmanagement der Republik Österreich.

Was würde den jungen Unternehmern am meisten helfen?
Wichtig wäre mehr Wirtschaftsnähe in der Ausbildung in allen Belangen, zum Beispiel vermitteln was es heißt, ein Unternehmen ausreichend zu kapitalisieren oder was die häufigsten Gründe für Pleiten sind. Man müsste das wirtschaftliche Basiswissen in allen universitären Einrichtungen verstärken.