Wirtschaft
09.08.2017

Gutmann-Prognose: Euro wird wieder Muskeln abbauen

Die Privatbanker sehen Auswüchse an Finanzmärkten, setzen aber weiter auf Aktien.

"Bei Währungen spielt verdammt viel Psychologie mit", lautet die Diagnose von Friedrich Strasser, Vorstand und oberster Investment-Manager bei der Privatbank Gutmann. Im Vorjahr noch drückten Ängste vor den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich den Euro nach unten (siehe Grafik). Zudem hieß es, Italien könnte aus dem Euro austreten. Heute ist davon keine Rede mehr. Mit rund 1,18 Dollar je Euro ist die Gemeinschaftswährung mittlerweile so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Wird der Euro-Kurs weiter steigen? Strasser ist zwar der Meinung, dass "Währungsprognosen, eben weil so viel Psychologie im Spiel ist, de facto unmöglich sind." Man müsse sich aber eine fundamentale Meinung bilden. Und die lautet: Der Euro wird in den nächsten Monaten auf 1,10 bis 1,12 Dollar sinken. Mit ein Grund sei, dass die Europäische Zentralbank viel später als viele Marktteilnehmer derzeit annehmen die Leitzinsen anheben wird. Laut Strasser werde die EZB "frühestens in zwei Jahren" von der jetzigen Nulllinie abgehen. Die US-Notenbank dagegen werde heuer noch ein Mal und nächstes Jahr zwei bis drei Mal den Leitzins erhöhen.

Etwas werde sich in der Euro-Geldpolitik heuer aber doch noch tun, erwartet Gutmann-Manager Andreas Auer: EZB-Chef Mario Draghi werde im Herbst ankündigen, in welchen Schritten die Notenbank ihre Anleihenkäufe im kommenden Jahr reduzieren wird.

In der Veranlagung für ihre betuchte Kundschaft ist die Privatbank "vorsichtiger aufgestellt als andere", sagt Auer. Als Grund dafür nennt der Veranlagungs-Experte Auswüchse auf den Kapitalmärkten, "die uns zum Nachdenken bringen".

Auswüchse

Zum Kopfschütteln hat die Bankiers zum Beispiel gebracht, welchen Run Argentinien auf seine neue hundertjährige Staatsanleihe ausgelöst hat. Im Juni hatte das Land eine 2,75 Milliarden Dollar schwere Anleihe platziert – zurückzuzahlen am 28. Juni 2117. Die Nachfrage war derart groß, dass Argentinien sogar 9,75 Milliarden Dollar einnehmen hätte können. Bei einer Rendite von acht Prozent wäre das zwar an sich kein Wunder. "Aber wer borgt einem Land für hundert Jahre Geld, das in den vergangenen 200 Jahren schon acht Mal pleite war?", fragt sich Strasser. Auch wenn Staatsanleihe draufstehe, sei es mit einer Rating-Note von "B" doch ein Junk-Bond (Ramsch-Anleihe), so Auer.

Ein weiteres Beispiel für die beiden Geldprofis ist der hundert Milliarden Dollar schwere Fonds, den der US-Telekomkonzern SoftBank für Beteiligungen im Technologiebereich aufgelegt hat. Strasser: "Das ist ein Telekom-Unternehmen, die haben noch nie einen Fonds gemanagt."

Bewölkt

Für Strasser sind manche Entwicklungen auf den Kapitalmärkten "nicht so ganz gesund". Manches erinnert ihn an die Dotcom-Blase, die nach der Jahrtausendwende mit lautem Knall platzte. Allzu pessimistisch ist Strasser aber nicht. Die Wolken, die er aufziehen sieht, könnten sich auch wieder auflösen.

Falls es doch zu regnen beginnen sollte, haben die Privatbanker zur Sicherheit schon einmal einen Regenschirm bereitgelegt. Für ihre Veranlagungsstrategie bedeutet das: Aktien bleiben ein Schwerpunkt, favorisiert werden jetzt aber sogenannte defensive Bereiche. Als Branchen nennt Andreas Auer vor allem Banken und Telekom. Bei den Geldinstituten gefallen ihm amerikanische gut, aber auch europäische wie die Erste Group.

Bei der Veranlagung in Anleihen werde heuer nur "eine schwarze Null herauskommen". Ein breiter Strauß an Unternehmensanleihen hilft, diese Null zu erreichen.