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RHI – Magnesita
10/26/2016

"Größenwahn nicht wiederholen"

Investor Rupert-Heinrich Staller glaubt nicht an die Fusion von RHI mit Magnesita und kritisiert Haupt-Aktionär Schlaff.

von Andrea Hodoschek

KURIER: Sie sind als Streubesitz-Aktionär einer der größten Kritiker der geplanten Fusion des Feuerfest-Konzerns RHI mit dem brasilianischen Konkurrenten Magnesita. Welche Fakten sprechen dagegen?

Rupert-Heinrich Staller: Der Deal gehört kritisch hinterfragt und durchgerechnet, weil er möglicherweise nicht im Interesse des Unternehmens ist. Dazu muss man auch die Genesis der RHI kennen. Die massive Expansion Ende der 1990er-Jahre in den USA ging schief. Nicht nur wegen der Asbest-Problematik, sondern weil das Management schlicht überfordert war. Eine gewaltige Pleite konnte nur durch die überzeugenden Leistungen der beteiligten Banken und eines neuen Managements verhindert werden. Dieser Größenwahn darf sich nicht wiederholen. Damals wurde ich als kleiner Aktionär, der das kritisierte, belächelt. Die Geschichte hat gezeigt, dass ich leider Recht behalten habe.

Das ist lange her, die RHI ist heute gut aufgestellt und kann Weltmarktführer werden.

Das Unternehmen ist bereits Weltmarktführer, aber nach wie vor relativ knapp kapitalisiert und musste sich immer schon für Expansionsschritte massiv Fremdkapital ausleihen. Ich habe den Eindruck, dass es jetzt gar nicht so sehr um das Unternehmen geht, sondern um einen Deal-Exit von Hauptaktionär Martin Schlaff.

Das müssen Sie erst einmal plausibel argumentieren.

Schlaff stieg im Sommer 2007 bei einem Aktienkurs von 40 Euro ein. Zuletzt lag der Kurs bei 22 Euro. Schlaffs Intimus und Aufsichtsratsvorsitzender Herbert Cordt hat den Aktienkurs halbiert, um teures Geld ungezählte Vorstände verschlissen und mit großen Prestigeobjekten, wie Schmelzmagnesia aus Meerwasser in Norwegen zu gewinnen, Hunderte Millionen Euro versenkt. Seine Zielvorgabe einer Ebit-Marge (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) von zwölf Prozent hat sich als völlig illusorisch herausgestellt. Man glaubt, ein Wachstumsproblem zu haben und sucht jetzt wieder Wachstum um jeden Preis.

Aber die Fusionsziele klingen sehr attraktiv.

Ja, jetzt werden wieder goldene Ziele in den Himmel gemalt, wieder wird eine 12-prozentige Ebit-Marge und in zwei, drei Jahren von Cordt ein Gewinn von 300 Millionen Euro versprochen. Das ist völlig illusorisch. Unsere Hauptabnehmer, die Stahlindustrie, hat Ebit-Margen von maximal sechs, sieben Prozent. Derzeit sind viele Kunden froh, wenn sie überhaupt positive Margen erzielen. Solche Rendite-Versprechen sind unethisch, geschäftspolitisch kurzsichtig und verärgern nur unsere Kunden.

Stichwort Börse. Der Abgang aus Wien könnte doch tatsächlich im Interesse des Unternehmens sein? Die Großen der Branche sind alle in London, wird der Wechsel begründet.

Das ist definitiv falsch. Die fünf größten Branchenunternehmen notieren alle an unterschiedlichen Börsen. Der Sitz der RHI-Magnesita soll in die Niederlande verlegt werden, weil man annimmt, dass nach dem Brexit die europäische Merger-Richtlinie (Fusions-Richtlinie) für London nicht mehr gilt. Die steuerliche Situation in den Niederlanden ist grundsätzlich interessant und die operative Führung verbleibt einstweilen auf Grund der hohen steuerlichen Verlustvorträge in Wien. Außerdem ist völlig unklar, ob das Unternehmen in Pfund oder Euro notieren wird. Stichwort Währungsrisiko. Die Hauptversammlung wird möglicherweise im Hinterzimmer eines Hotels am Flughafen Amsterdam stattfinden, so wie einst bei Head. Für mich ist all das mit der Botschaft verbunden, dass ein breites Aktionariat unerwünscht ist. Die Notierung in London braucht niemand, außer Schlaff.

Wozu sollte der Hauptaktionär London brauchen?

Am Ende des Tages geht es um den Deal-Exit für seine Beteiligung. Schlaff ist ein "Wheeler Dealer", wie es Investmentbanker nennen. Das beste Beispiel dafür ist die bulgarische Mobiltel, die er einem damals per internationalem Haftbefehl gesuchten Geschäftsmann abgekauft hat, um sie dann äußerst gewinnbringend an die Telekom Austria weiter zu verkaufen. Aber in einem traditionellen, sich technologisch ständig neu erfindenden Industrieunternehmen wie die RHI braucht es keinen Wheeler Dealer, sondern einen wirklichen Industriellen. Der die Produkte versteht, die Märkte kennt und die Menschen mag.

Wieso glauben Sie, die Pläne von Schlaff zu kennen?

Seine kontrollierende Beteiligung liegt nach der Fusion gemäß dem Übernahmerecht in London unter 30 Prozent. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er seine Beteiligung an Bergbaukonzerne wie Glencore, BHP Billiton oder die Rio-Tinto-Group lukrativ verkauft. Das könnte eine mögliche Zerschlagung der RHI-Magnesita in die Bereiche Produktion und Bergbau bedeuten. Für weltweit tätige Rohstoffkonzerne macht eine solche Minderheitsbeteiligung durchaus Sinn.

Halten Sie den Kaufpreis für Magnesita von knapp 500 Millionen Euro für überzogen?

Die Magnesita von früher hat mit dem heutigen, von Heuschreckenfonds mit Schulden überladenen Unternehmen nichts zu tun. 2015 wurde bei einem Umsatz von umgerechnet 785 Millionen Euro ein Verlust von 246 Millionen erzielt. Der Goodwill vergangener teurer Unternehmenskäufe lastet mit 571 Millionen Euro schwer in den Büchern, im ersten Halbjahr 2016 waren es bereits 643 Millionen.

Sie kritisieren auch die hohe Verschuldung?2015 waren die Finanzschulden von 665 Millionen Euro fast so hoch wie der Umsatz. Die Verbindlichkeiten sind zu 90 Prozent in Euro und US-Dollar, angesichts der seit Jahren kriselnden brasilianischen Währung eine gefährliche Mixtur. Ich habe ernste Zweifel, ob Magnesita die Schulden auf Dauer überhaupt selbst bedienen kann.

Das ist ein schwerer Vorwurf.

Eine der zwei wesentlichen Unternehmensanleihen, der mit 8,63 Prozent verzinste US-Dollar Perpetual-Bond, notierte noch vor einem halben Jahr bei 50 Prozent des Nominales. Das weist auf fehlendes Vertrauen des Marktes in die Schuldentilgungsfähigkeit der Magnesita hin. In den letzten Monaten stieg der Kurs auffällig. Das aktuelle Rating von Standard & Poor’s liegt bei BB, Non-Investment Grade, mit Ausblick negativ.

Also wie viel bezahlt RHI in Summe für Magnesita?

Ende 2015 lag die Börsenkapitalisierung von Magnesita bei 180 Millionen Euro. Bei einem Referenz-Börsenkurs der RHI von 24 Euro kostet das Unternehmen 500 Millionen Euro plus knapp 700 Millionen Euro Schulden zum ersten Halbjahr 2016. Macht in Summe 1,2 Milliarden Euro. Die Liquidität der Magnesita muss dringend im Unternehmen bleiben.

Unterstellen Sie, RHI übernimmt ein kaputtes Unternehmen?

Man muss sich ernsthaft Sorgen machen, dass sich die RHI an den Schulden und Problemen der Magnesita verschluckt.

Aber das Management würde die RHI doch nicht sehenden Auges an die Wand fahren?

Insbesondere der Aufsichtsratsvorsitzende Cordt hat ja als Ex-Banker Erfahrungen, was es heißt, ein verschuldetes Unternehmen zu übernehmen. Stichwort Sovereign Leasing in London. Der daraus resultierende Milliarden-Schaden hatte die Länderbank 1990/’91 in ernsthafte Probleme gestürzt, Cordt musste gehen.

Im Aufsichtsrat wird es auch warnende Stimmen geben?

Es gibt eine zweite, große Aktionärsgruppe um den bayerischen Bankier und Unternehmer Wilhelm Winterstein. Er ist nicht nur ein großer Kunstförderer, sondern hat ein ausgewiesenes industrielles Denken. Ich hoffe, dass er sich seine Zustimmung zu diesem waghalsigen Deal zwei Mal überlegt. Er hat seine industrielle Verantwortung gegenüber der RHI bisher stets auch in schwierigen Zeiten wahrgenommen.

Die Herren Schlaff, Cordt und Ruttenstorfer (Interims-CEO) können gerne mit ihrem Geld Monopoly spielen, aber nicht mit dem Geld der RHI-Aktionäre. Dieser großartige österreichische Weltmarktführer darf keine Bank Austria der Industrie werden.

Streitbarer Aktionär

Der in Wien lebende Tiroler, 48, mit bayerischen Wurzeln gilt als „Schrecken der Hauptversammlungen“. Wortgewaltig setzte der Kunstfreund Erfolge für die Minderheitsaktionäre durch, etwa bei Steyr-Daimler-Puch, Agrana, Baumax, Constantia Iso, AUA, Ottakringer etc. Der alleinerziehende Vater eines Sohnes (17) war Berater von Julius Meinl V. am Höhepunkt der MEL-Krise, verabschiedete sich aber nach Meinungsdifferenzen.

Umstrittene Verschmelzung
zum weltweiten Giganten.

Die Aufträge der Hauptkunden, der Stahlindustrie, gehen zurück und die Konkurrenz aus China wird schärfer. Die österreichische RHI, derzeit mit 1,8 Milliarden Euro Umsatz und 7900 Mitarbeitern Weltmarktführer, und die Nummer zwei, der brasilianische Konkurrent Magnesita (900 Millionen Umsatz, 6900 Mitarbeiter) wollen in Stufen fusionieren.

Der Plan: Im ersten Schritt übernimmt RHI 46 Prozent der Magnesita von den derzeitigen Großaktionären, zwei Finanzinvestoren. Die RHI-Aktionäre sollen ihre Aktien 1 : 1 in Anteile am neuen Konzern tauschen können. Die Hauptversammlung muss mit 75 Prozent der anwesenden Stimmen ihr Okay geben. Bis die Fusion wettbewerbsrechtlich abgesegnet ist, wird es bis 2017 dauern. Der neue Konzern soll 40 Prozent des Umsatzes in Amerika sowie je 30 Prozent in Europa und Asien erwirtschaften.