Epanosiphi

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Lokalaugenschein
07/13/2013

Griechenland: „Durch die Krise ist alles anders geworden“

Griechenland reformiert sich und sucht einen Weg aus der Krise. Die Griechen sehen sich als Versuchskaninchen Europas und fühlen sich nicht verstanden. Ein Lokalaugenschein auf Kreta.

von Josef Ertl

Wenn es in Griechenland eine persona non grata gibt, dann ist es die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. „Die Deutschen drücken uns Griechen so runter“, sagt Manolis Alifierakis zur österreichischen Journalistendelegation, die kürzlich unter der Führung des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Wien, Arsenios Kardamakis, Kreta besucht hat. Aliferakis ist Präsident der 20.000 Mitglieder zählenden Wirtschaftskammer der kretischen Hauptstadt Heraklion. „Wir würden uns von den Deutschen wünschen, dass sie uns als Menschen und nicht als Zahlen sehen.“

Aufgrund der Krise hätten viele Geschäfte schließen müssen, nur die guten hätten überlebt. Das große Problem sei, dass keine neuen Häuser gebaut werden könnten, weil es von den Banken kaum mehr Kredite gebe. Die Gehälter der Menschen seien um 20 bis zu 50 Prozent gekürzt worden, die Arbeitslosigkeit betrage 27 Prozent. Viele Städter würden nun zurück aufs Land in die Dörfer gehen, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Das sei ein neues Phänomen.

Urlaub zu teuer

Die deutsche Politik des Sparens führe dazu, so der Wirtschaftskämmerer, dass die Leute wenig verdienten und weniger konsumierten. „Die aus Europa importierten Produkte sind zurückgegangen.“ Griechenland sehe sich als Versuchskaninchen Europas. Die Zahl der griechischen Touristen in Kreta sei um die Hälfte geschrumpft, weil ihnen der Urlaub in der Heimat einfach zu teuer geworden sei.

Einen großen Imageschaden hätten Griechenland die gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um die Wahlen vor zwei Jahren zugefügt. Eine Tatsache, die Alexandros Angelopoulos, Besitzer von sechs Hotels, nachdrücklich bestätigt. „Durch die Krise ist alles anders geworden“, sagt Nikos Chalkiadakis, der Präsident des Hoteliersverbandes von Kreta. Der Tourismus habe sich erholt, jetzt kämen mehr Russen, Ukrainer und Polen. Früher waren es Deutsche, Niederländer, Österreicher, Nordeuropäer.

Tourismus & Agrar

Kreta lebt fast ausschließlich vom Tourismus und der Landwirtschaft. 40 Prozent sind im Agrarbereich beschäftigt. Industrie gibt es auf der Insel faktisch keine, das in beinahe ganz Griechenland so. Der Tourismus trägt rund 20 Prozent zum Bruttonationalprodukt bei. Auf manchen Inseln erreicht dieser Anteil 50 Prozent. Er gibt rund 800.000 Menschen Arbeit. Aber die Saison ist mit sechs Monaten kurz, die Margen knapp. Gewinne für die Hoteliers sprudeln erst bei einer Bettenauslastung von mindestens 90 Prozent.

Präsident der 630.000 Einwohner zählenden Insel Kreta ist Stauros Arnaoutakis, ein Sozialist. Früher war er EU-Parlamentarier. Seit 2011 gebe es eine umfassende Verwaltungs- und Strukturreform, es gebe 13 neu gebildete Regionen, die nun über eine gewisse Autonomie verfügten, erzählt er. Seine Regierung sei die erste gewählte Kretas. Griechenland brauche eine schlankere Verwaltung und Organisation, Europa visionäre Führungskräfte und Solidarität.

„Griechische Politiker müssen alle gehen“

Michael Chalkiadakis ist Pfarrer in Heraklion, der Hauptstadt von Kreta. Mit einem zweiten Priester betreut er die 15.000 Einwohner umfassende Pfarrer des Hl. Elefterios. Der 42-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. In den orthodoxen Kirchen dürfen Pfarrer heiraten.

KURIER: Wie ist die Lage der Menschen in Griechenland?
Michael Chalkiadakis: Sie ist sehr schwierig. Die Menschen sind ein anderes Leben gewohnt. Plötzlich wird da gekürzt, dort gekürzt. Nicht nur um zehn Prozent, sondern die Gehälter werden um die Hälfte reduziert. Die Menschen können die Kredite für die Häuser nicht mehr zurückzahlen. Viele wissen keinen Ausweg. Wir unterstützen sie, so gut wir können. Leider ist die Zahl der Selbstmorde angestiegen. Während der Kriege haben wir früher den Feind gesehen. Damit konnten wir ihn bekämpfen, Jetzt sehen wir den Feind nicht. Die Leute wissen nicht, was sie tun sollen. Der Glaube ist nicht stark genug. Viele Familienväter bringen sich um.

Verbessert sich die Situation nun nach zwei Jahren Krise?
Momentan können wir nicht sagen, dass die Situation besser wird, obwohl die Politiker das behaupten. Unser Weg geht noch weiter nach unten. Ich bin zwar optimistisch, aber es geht noch einen Schritt nach unten.

Wie ist die Erwartungshaltung gegenüber Europa?
Sie ist positiv. Negativ ist die Stimmung gegenüber den Deutschen. Se sehen uns als Zahler, aber nicht als Menschen. Wir sind aber auch Menschen. Wenn wir Fehler gemacht haben, so sollen wir dafür zahlen. Aber man muss eine Formel finden, wie wir diese Krise überstehen können. Es hat keinen Sinn, den Leuten das gesamte Geld zu nehmen und sie in eine Lage zu manövrieren, wo sie sich umbringen. Es wird heute alles versteuert. Das Haus, für das bereits vor 20 Jahren Steuer bezahlt wurde. Für das Grundstück. Ich habe zum Beispiel 20 Olivenbäume, für die ich plötzlich Steuer zahlen muss. Ich muss für die Kinder Steuern bezahlen.

Wie hoch ist sie?
Das hängt von der Höhe des Gehalts ab.

Normalerweise erhält man für Kinder Unterstützung.
Das war früher so. Wer ein drittes Kind bekommen hat, erhielt früher pauschal 2000 Euro und monatlich 500 Euro, bis das Kind sechs Jahre alt war. Dazu kam das Grundkindergeld von 40 Euro. Wer jetzt drei Kinder hat, muss nun Steuern bezahlen.

Was können beispielsweise die Österreicher tun, damit hier sich hier die Lage verbessert?
Ein Land allein kann wenig machen. Alle müssen sich gegenseitig helfen. Europa ist eine Familie. Das Problem mit Griechenland gibt es schon seit Anfang der 90er-Jahre. Damals hätte die EU das Problem schon lösen können. Die Europäer tragen eine Mitschuld. Beim Thema Bestechung meinen wir, dass Siemens die Bestechung erfunden hat.

Ändert sich die Mentalität der Griechen?
Nein, sie bleibt gleich. Die Leute halten zusammen. Viele Jugendliche kehren von den Städten auf das Land zurück und arbeiten in der Landwirtschaft, damit sie leben können. Auch wenn sie pro Tag nur 10 bis 20 Euro erhalten. Die Familien rücken enger zusammen. Wer ein Gehalt hat, unterstützt die gesamte Familie.

Es gibt aus der Not heraus auch positive Effekte?
Ja, natürlich. Die Krise hat auch Positives bewirkt. Viele sehen das aber nur negativ, nur wirtschaftlich. Die Leute rücken wieder näher zusammen, sie denken wieder an Gott.

Ändert sich auch das Verhalten der Politiker?
Alle Politiker müssen gehen.

Wieso?
Sie schauen auf ihre eigenen Taschen und sind nicht in der Lage, den Menschen zu helfen. Sie schauen darauf, wie sie sich selbst retten, und nicht darauf, wie sie Griechenland retten.

Die Griechenland-Krise ist auch eine Krise der griechischen Parteien?
Sie haben zum Beispiel das staatliche Fernsehen geschlossen, weil von den 2500 Angestellten 200 sehr hohe Gehälter gehabt haben. Dann sollen sie diese 200 kündigen und nicht die, die nur wenig verdienen.

Das beste Olivenöl der Welt: Nur 0,15 % Säuregehalt

Unzählige Auszeichnungen hat das Olivenöl der Genossenschaft des Bergdorfes Kritsa schon erhalten. 2008 wurde es zum Besten der Welt gekürt, weil der Säuregehalt lediglich 0,15 Prozent betrug. 900 Bauern aus der Region liefern die Oliven von 180.000 Bäumen zu. 500.000 Liter wertvollsten Öls werden jährlich hergestellt. Für einen Liter Öl bedarf es fünf Kilo grüner, unreifer Oliven. Geerntet wird im Winter. Die Bauern erhalten pro Liter rund drei Euro, verkauft wird es von der Genossenschaft um 5,50 Euro. 80 Prozent gehen in den Export, die Hauptabnehmer sind Deutschland, Österreich, Skandinavien, Kanada, die USA, Russland und Slowenien.

Die Olivenkerne dienen als Brennmaterial. Auf Kreta gibt es 35 Millionen Olivenbäume. Der älteste steht rund 800 Meter außerhalb der Ortschaft Kavousi. Er ist 3250 Jahre alt. Von ihm wurden die olympischen Siegerkränze für die Spiele in Athen geschnitten.

In 80 Zentimetern Höhe hat der Olivenbaum noch einen Durchmesser von 4,20 bis 4,90 Metern und einen Umfang von 14,20 Metern.

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