Österreicher verzockten im Vorjahr 1,45 Mrd. Euro

Auf welche Bewerber fällt die Kugel? Bisher wurden die Glücksspiellizenzen stets an die Casinos-Austria-Gruppe vergeben.
Foto: AP Insgesamt betrugen die Spiel- und Wetteinsätze sogar 14,06 Mrd. Euro.

Der Trend zu Sportwetten und Online-Gaming steigt: Milliarden werden verpulvert.

Die Österreicher zählen zu den eifrigsten Zockern in Europa. Rund 14 Milliarden Euro wurden hierzulande im Vorjahr für das Spiel ums Glück eingesetzt, vom biederen Rubellos über Lotto, Casinos, Automaten und Wetten bis zum Online-Gaming. Abzüglich der Gewinne haben die Österreicher 1,45 Milliarden Euro verspielt – vom Baby bis zur Oma durchschnittlich mehr als 180 Euro pro Kopf. Das errechnete der Marktforscher Kreutzer Fischer & Partner in seinem alljährlichen Branchenreport.

Die Einsätze sind seit Jahren ziemlich stabil, unabhängig von der Konjunkturlage. In Europa rangieren die Österreicher auf den Plätzen vier bis fünf. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder. „Je weiter nördlich man kommt, desto mehr wird gespielt“, beobachtet Andreas Kreutzer. Am eifrigsten spielen die Österreicher Lotto, auf das mit 682 Millionen Euro der größte Teil der Umsätze (Einsätze minus ausbezahlte Gewinne) der heimischen Glücksspielbranche entfiel. Rund 20 bis 30 Prozent der Konsumenten tippen regelmäßig, schätzt Kreutzer.

Die Spielautomaten fütterten die Österreicher zwar mit 354 Millionen Euro, das sind allerdings um zehn Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die seit 2011 aktive Soko Glücksspiel, die illegal aufgestellte Automaten aufspürt, zog im Vorjahr 2200 einarmige Banditen aus dem Verkehr. Standen 2010 noch 13.000 Automaten in ganz Österreich, sind es derzeit rund 9000 Spielgeräte.

Wer glaubt, die Spieler würden daher weniger Geld ausgeben, irrt. „Ältere Kunden setzen dafür mehr auf Wetten, jüngere Spieler wandern zu Online-Anbietern ab“, weiß Kreutzer. Darüber können sich vorwiegend ausländische Online-Anbieter freuen, die laut österreichischem Glücksspielgesetz in Österreich illegal anbieten.

Online-Gaming

Die Lotterien-Tochter win2day, die als einzige Online-Plattform eine Lizenz zum Spielen hat, wurde von der Konkurrenz im Graubereich längst überholt. Rund 110 Millionen Euro verspielten die Österreicher im Vorjahr insgesamt im Web. Dem Staat dürften dadurch rund 30 Millionen an Steuereinnahmen entgehen.

Da die Finanz ausländische Online-Portale nicht abdrehen kann, empfiehlt Kreutzer daher, das Online-Spiel durch die Ausgabe weiterer Konzessionen zu legalisieren. Die EU-Kommission diskutiert seit Längerem einheitliche Richtlinien für das Spiel im Web. Der Schwarzmarkt wird weltweit auf bis zu 1000 Milliarden Dollar geschätzt.

Hintergrund

Wenn Spielen zur Krankheit wird

Pathologische Spieler haben keine Impulskontrolle mehr - die Folge kann ein existenzieller Komplett-Zusammenbruch sein.

Casino in Bethlehem
Foto: AP_Carolyn Kaster

Kaiserin Maria Theresia führte im Jahr 1751 das Zahlenlotto ein. Glücksspiel und das Setzen auf Geld haben in Österreich also eine lange Tradition. Im Rahmen eines kontrollierten Verhaltens hat Spielen ausschließlich positive Auswirkungen: Es dient dem Vergnügen, fördert in den meisten Fällen den Gemeinschaftssinn und kann sogar kognitive Fähigkeiten bessern. Fällt die Impulskontrolle und Freiwilligkeit weg, spricht man von einer Verhaltenssucht. "Pathologisches Spielen" - oder umgangssprachlich "Spielsucht" - ist im Klassifizierungssystem ICD 10  eine "eigenständige psychische Erkrankung".

Nichts anderes mehr im Kopf

Das erste Anzeichen einer Spielsucht könnte laut "Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie" (ÖGPP) eine intensive Beschäftigung mit dem Thema sein. Wenn sich Personen gedanklich sehr viel mit Glücksspiel beschäftigen - also vergangene Spielerlebnisse in Gedanken erneut durchleben. Beim krankhaften Glücksspiel handelt es sich zumeist um chronische Krankheitsverläufe, die sich zuspitzen und zu einem Komplett-Zusammenbruch (Schulden, Beziehungs- und Familienprobleme, Arbeitsplatzverlust, psychosomatische Beschwerden etc.) führen können. Das ist allerdings ziemlich ähnlich jedem anderen Suchtverhalten. Wesentlich ist der Wegfall der Impulskontrolle, der Süchtige spielt nicht mehr des Geldes willen.

Der Übergang vom kontrollierten Spielen zum pathologischen Spielen lässt sich in drei Phasen unterteilen. "In der Gewinnphase ist das Spielen auf die Freizeit beschränkt, und Verluste werden ausgeglichen. Gleichzeitig steigen spielspezifische Kenntnisse und auch die Risikobereitschaft. Der Übergang in die Verlustphase, in welcher die Spielintensität steigt und höhere Einsätze und Gewinne notwendig sind, um Gewöhnungseffekte auszugleichen, ist fließend. Es können sich erste familiäre, berufliche und auch finanzielle Probleme entwickeln", sagt ÖGPP-Präsident Christian Haring.

Zahlen und Studien

Das Gesundheitsministerium geht bei Automatenspiel und Glücksspiel von ca. 40.000 bis 60.000 Glücksspielsüchtigen in Österreich aus. Bei Onlineglücksspielen werden in Österreich ca. 60.000 Betroffene als stark gefährdet bzw. bereits internetabhängig eingeschätzt.  Die erste Studie zur Prävention der Glückspielsucht wurde von 2009 bis 2011 durchgeführt. Leider gibt es in Österreich kaum Grundlagenforschung und Fachliteratur zum Thema.

Auf der Seite des Finanzministeriums kann man einen Selbsttest machen, ob man suchtgefährdet ist. Therapieangebote gibt es unter anderem bei der Spielsuchthilfe. Hier geht es zum Selbsttest.
  

(Kurier) Erstellt am
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