Georg Pfeiffer ist seit Tagen der Buhmann der Nation.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Pleite
12/06/2015

Georg Pfeiffer: "Auch mir war zum Heulen zumute"

Seit die Insolvenz der Zielpunkt-Kette bekannt wurde, steht Georg Pfeiffer im Kreuzfeuer der Kritik.

von Ida Metzger

Die Gewerkschaft hat den Klassenkampf gegen Georg Pfeiffer ausgerufen und pr√ľft eine Anzeige. Sozialminister Rudolf Hundstorfer spricht von einer "Sauerei". Der Unternehmer wehrt sich gegen die Vorw√ľrfe.

KURIER: Herr Pfeiffer, Sie werden seit Tagen von der Gewerkschaft, der Politik und dem Boulevard durch den Fleischwolf gedreht. Es wird Ihnen unterstellt, dass Sie mit der Insolvenz große Kasse gemacht hätten. Sie haben offenbar keinen Schaden von der Insolvenz davongetragen …
Georg Pfeiffer:
Es soll mir bitte jemand erkl√§ren, wie man als Eigent√ľmer bei einer Insolvenz profitieren kann? Die Pfeiffer-Gruppe hat mehr als 50 Millionen Euro versenkt. Da hat niemand profitiert. Das hat einfach nur viel Geld gekostet.

Einen Immobiliendeal von 37 Millionen konnten Sie sich trotzdem leisten? Diese schiefe Optik emp√∂rt nat√ľrlich die Volksseele ‚Ķ
Wir k√∂nnen uns die Immobilien der Tengelmann Real Estate Austria-Gruppe nur aufgrund des Verkaufs der c+c Pfeiffer-Gruppe in die Schweiz leisten, der bekanntlich erst 2016 erfolgt. Wir wollten damit die Mietkosten f√ľr Zielpunkt reduzieren. Im Portfolio sind nur die Verkaufslokale, aber mit haupts√§chlich mittelm√§√üigen und vielen schlechten Standorten. Da zahlen wir nochmals drauf. Wir sitzen jetzt auf 68 Standorten, die wir teilweise nur sehr schwer vermieten k√∂nnen werden.

Wie groß war der Druck von den Banken, hier einen Schlussstrich zu ziehen?
Zielpunkt hat selbst keine Bankenfinanzierung. Die Kette wurde ausschließlich von der Pfeiffer-Handelsgesellschaft finanziert.

Wenn es keinen Druck von den Banken gab, warum wurde dann die Reißleine gezogen?
Ein Unternehmen, das √ľberschuldet ist, braucht eine Fortbestehensprognose. Das Unternehmen muss einen Nachweis erbringen, dass es innerhalb von f√ľnf Jahren in die Gewinnzone kommt. Das ist die Bedingung, dass so ein Unternehmen einen Best√§tigungsvermerk vom Wirtschaftspr√ľfer f√ľr eine Bilanz bekommt. Weiter ist es Bedingung, dass eine Muttergesellschaft in so ein Unternehmen investieren darf. So schaut die beinharte Gesetzeslage aus. Die Fortbestehensprognose wurde Juni 2015 mit Ausblick auf eine schwarze Null im Jahr 2018/2019 erstellt. Durch die schlechte Umsatzentwicklung im Herbst hat sich das Bild einfach dramatisch verschlechtert. Die Fortbestehensprognose konnte nicht gehalten werden, und das ist ein zwingender Insolvenzgrund

Was war der Grund f√ľr den pl√∂tzlichen Einbruch?
Es gab eine allgemeine Branchenschwäche. Der Oktober und der November blieben deutlich unter dem Vorjahr.

Wie weit blieb Zielpunkt unter den Erwartungen?
Wir blieben im November bis zum Stichtag der Insolvenz zehn Prozent unter den geforderten Ums√§tzen. Das sind im Lebensmittelhandel drei Erdrutsche. Nach diesen Zahlen war Feuer am Dach und wir mussten die Fortbestehensprognose √ľberpr√ľfen. Das Ergebnis war, dass die schwarze Null vom Bildschirm verschwunden war. Damit war der Insolvenzfall gegeben. Der Kapitalbedarf lag bei 60 Millionen Euro. H√§tten wir uns auf dieses Risiko eingelassen, w√§ren in zwei bis drei Jahren Unimarkt, der Gro√ühandel Nah und Frisch und die ganze Pfeiffer-Gruppe tot gewesen. Dann h√§tten wir insgesamt fast 5000 Arbeitslose gehabt. Ich wei√ü nicht, ob dann die Volksseele zufrieden gewesen w√§re.

Die Gewerkschaft hat gegen Sie den Klassenkampf ausgerufen. Hatten Sie sich auf eine solche Reaktion eingestellt?
Ich bin √ľberrascht von der Brutalit√§t dieser Tonlage. Man kann mich gerne kritisieren, denn jeder Unternehmer macht Fehler. Aber der Ton, der hier angeschlagen wurde, ist jenseits jeder Geschmacksgrenze und eine Ungeheuerlichkeit.

Wie heftig war der Shitstorm?
Mit der Kritik in den sozialen Foren habe ich mich nicht befasst. Die Mails an mich pers√∂nlich waren allesamt Loyalit√§tsbekundungen. Daf√ľr bin ich sehr dankbar. Doch √ľber die zentralen Mailserver kamen nat√ľrlich alle m√∂glichen B√∂sartigkeiten hereingeflattert.

In Interviews mit Zielpunkt-Mitarbeitern konnte man hören, dass vielen zum Weinen zumute ist. Setzt Ihnen das zu?
Die Entt√§uschung und die Frustration kann ich nachvollziehen. Auch mir war zum Heulen zumute. Der Verlust von Arbeitspl√§tzen ist das Schlimmste, was einem Unternehmer passieren kann. Die Nahrung f√ľr meine Seele waren immer zufriedene Kunden und Mitarbeiter. Was hier passiert ist, ist ein absoluter Albtraum. Aber leider ein alternativloser. Noch im Oktober war ich √ľberzeugt, dass wir es schaffen. Aber wahrscheinlich war Zielpunkt schon mit unserem Einstieg 2012 ein Himmelfahrtskommando. H√§tten wir das nicht gemacht, w√§re Zielpunkt schon 2012 insolvent gewesen.

Laut dem "Trend"-Ranking geh√∂rt die Familie Pfeiffer zu einer der reichsten Familien √Ėsterreichs mit 770 Millionen Euro Verm√∂gen. H√§tten Sie nicht, um erhobenen Hauptes aus dieser Insolvenz aussteigen zu k√∂nnen, die November-Geh√§lter aus dem Privateigentum zahlen k√∂nnen?
Noch einmal: Wenn ein Insolvenzgrund vorliegt, darf nichts mehr bezahlt werden, auch nicht √ľber Umwege. Davon abgesehen: Das k√∂nnte ich mir nicht leisten. Das angebliche Verm√∂gen von 770 Millionen ist v√∂llig aus der Luft gegriffen. Die Zahl, die im Trend genannt wurde, entspricht genau unserem Umsatz im Jahr 2013. Und Umsatz ist nicht gleich Privatverm√∂gen ‚Äď das wei√ü wohl jeder. Mein Verm√∂gen ist dieses Unternehmen. Ich habe keinen Dagobert-Duck-Geldspeicher. Es gibt kein Penthouse in Wien, keine Yacht, kein Ferienhaus auf Mallorca. Im Lebensmittelhandel hat man eine Rendite von ein bis zwei Prozent.

Wie investieren Sie das verdiente Geld?
Sie werden keinen Luxus finden. Wir haben auch keine Kunstsammlung wie die Familie Essl um 200 Millionen ins Leben gerufen, die letztendlich das Unternehmen bezahlt hat. Mit dem Lebensmittelhandel kann man keinen gro√üen Reichtum anh√§ufen. Das ist alles in √ľberschaubaren Dimensionen. Wir haben alles in die Pfeiffer-Gruppe investiert. H√§tte es gro√üe Absch√∂pfungen gegeben, w√§re das Unternehmen schon vor Jahrzehnten vom Markt verschwunden.S

elbst durch den Millionendeal mit der Schweizer coop-Gruppe wäre es Ihnen auch nicht möglich gewesen, die Gehälter zu zahlen ...
Abgesehen davon, dass das Geld f√ľr diesen Deal erst 2016 kommt, h√§tte ich das nicht gedurft! Aber ich bin √ľberzeugt, dass die Mitarbeiter ihre Geh√§lter rasch vom Insolvenzentgeltfond gezahlt bekommen, der im √úbrigen von den Unternehmern gespeist wird.

Welche Unterstellung der letzten zehn Tage setzte Ihnen am meisten zu?
Die Unterstellung, die Insolvenz mit einem Masterplan versehen zu haben. Das sind absurde Hirngespinste. Wer baut denn im Oktober noch Filialen um, arbeitet selbst beim Umbau mit, wenn er schon die Insolvenz plant? Inhaltlich hat mich ersch√ľttert, dass die Politiker offenbar die Gesetze, die sie selbst beschlossen haben, nicht kennen. Alle Behauptungen, dass wir √ľber irgendwelche Quellen den Mitarbeitern das Geld h√§tten geben k√∂nnen, sind falsch. Das ist alles strengstens strafbar, weil es eine Gl√§ubigerbevorzugung w√§re. Selbst beim Thema "Gutscheine"‚Äď da hatten wir keine Chance, den Kunden die Ware zukommen zu lassen. Ich w√ľrde allen Verbalrundumschl√§gern empfehlen, sich einmal die Gesetze anzuschauen.

Der Mitarbeiterbrief, der Anfang November noch verschickt wurde, sorgte f√ľr gro√üen Unmut. Warum hat man den Menschen hier ein falsches Bild vorgegaukelt?
Ich verstehe den Unmut. Es ist aber auch die Pflicht des Unternehmers, den Mitarbeitern Sicherheit zu vermitteln. Nichts ist t√∂dlicher, als Verunsicherung zu vermitteln. Was glauben Sie w√§re dann passiert? Dann laufen uns die Mitarbeiter in Scharen davon. Aber eines muss man sagen, die fr√ľhere positive Fortbestandsprognose stand immer auf wackeligen Beinen. Da hat es nicht viel Luft gegeben. Aber wir haben daran geglaubt, die schwarze Null zu schaffen. In diesem Punkt lasse ich mir vorwerfen, dass ich ein naiver Optimist war.

Gibt es einen Umstand in der Causa, wo Sie sagen w√ľrden: "Das tut mir leid"?
Mir tut es leid, dass die Mitarbeiter offensichtlich vom Blitz getroffen wurden. Das war nicht meine Absicht. Ich denke, viele Mitarbeiter ahnten, dass die wirtschaftliche Lage schlecht war. Gleichzeitig wollten wir sie motivieren und ihnen Sicherheit geben. Vielleicht w√§re zwischendurch das Signal gut gewesen: Liebe Mitarbeiter, wir sind auf Kurs, aber wir wackeln auch sehr heftig. Und ich gebe zu, der Zeitpunkt ist wirklich ‚Äď entschuldigen Sie den Ausdruck ‚Äď schei√üe. Aber ich stelle die Gegenfrage: Wann ist der Zeitpunkt besser? Zu Jahresanfang, vor Ostern oder vor den Sommerferien? F√ľr eine Insolvenz gibt es keinen richtigen Zeitpunkt. Auch mir setzt diese Situation sehr zu.

Was haben Sie aus den letzten Wochen gelernt?
Ich werde mich nie wieder mit einem Sanierungsfall beschäftigen.

Sie verlieren 480 Millionen Umsatz. Schrumpfen Sie sich klein oder gesund?
Es stimmt, wir sind kein nationaler Player mehr. Es schmerzt mich auch, dass wir das Projekt Zielpunkt nicht geschafft haben. Aber ich kann mit der neuen Situation leben. Vielleicht sollte man in unserer wachstumsgetriebenen Welt das Wort gesundschrumpfen in unser Vokabular aufnehmen. Es ist nicht nur gut, wenn Unternehmer nur wachsen, wachsen, wachsen.

Versteckte Bomben f√ľr die Pfeiffer-Gruppe gibt es nicht mehr?
Das Geld von 50 Millionen Euro ist weg und in den Bilanzen bereits abgeschrieben ‚Äď diesen R√ľckschlag haben wir zum Gl√ľck nochmals verkraftet.

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