Der Holzbau-Boom verhilft auch Tischlern, Spenglern, Dachdeckern zu einem Auftragsplus.

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Wirtschaft
10/16/2019

Gegen den Trend: Was es mit dem Handwerksboom auf sich hat

Die 230.000 Unternehmen aus Gewerbe und Handwerk sind besser ausgelastet denn je. Für 2020 ziehen aber erste Wolken auf.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Die Weltwirtschaft hat sich eingetrübt. Für Österreich erwartet die Bank Austria 2020 jetzt nur noch 1,1 Prozent Plus der Wirtschaftsleistung.

Für Österreichs Handwerk und Gewerbe scheint hingegen noch die Sonne: Die Stimmung ist hervorragend, die Auftragslage von hohem Niveau aus im dritten Quartal abermals minimal gestiegen.

Viele der 230.000 Unternehmen mit ihren 790.000 Beschäftigten arbeiten schon auf Anschlag: „Fast ein Fünftel kann erst in sechs Monaten neue Aufträge annehmen, das ist ein absoluter Rekordwert“, sagt Renate Scheichelbauer-Schuster, Spartenobfrau in der Wirtschaftskammer. Wie ist das zu erklären?

Steuerreform fortsetzen

Der Hauptgrund ist, dass der globale Abschwung von der Schwäche des Warenhandels herrührt. Die Bauwirtschaft indes boomt – speziell in Österreich – nach wie vor. In ihrem Windschatten segeln das Handwerk und Gewerbe mit: Insbesondere der Holzbau ist im Hoch, wovon Tischler, holzgestaltende Gewerbe, Dachdecker, Spengler und Glaser profitieren. Die Konsumlaune der Haushalte ist gut, viele Private nützen die günstigen Kredite für Investitionen, was auch dem Handwerk hilft.

Die Frage ist nur, wie lange noch? Denn die Flaute wird sich mit Verzögerung auswirken. „Wir sehen für 2020 Wolken aufkommen“, sagt Scheichelbauer-Schuster. In einigen Bereichen sei die Abkühlung schon spürbar. Die Metalltechniker im Autozulieferbereich leiden unter der angespannten Lage der deutschen Autoindustrie.

In nicht so rosigen Zeiten sei für die kleinstrukturierten Handwerks- und Gewerbebetriebe Planungssicherheit besonders wichtig, sagt Scheichelbauer-Schuster. Die nächste Regierung müsse deshalb dringend die ausstehenden Etappen der Steuerreform umsetzen. Bei „Klimaschutz Made in Austria“ wittern die Betriebe einen potenziellen Exportschlager. „Neun von zehn Auslandsdelegationen interessieren sich für unser Know-how bei Umwelt- und Klimatechnik“, sagt die Niederösterreicherin.

Kein „Schlumpfbudget“

In der Sparte gibt es Pioniere: So betreiben einige Schlachthöfe in Oberösterreich eine gemeinsame Biogasanlage, die mit Schlachtabfällen gespeist ist. Ein steirisches Mühlenunternehmen hat sich nebenher darauf spezialisiert, Klein-Wasserkraftwerke zu errichten. Und die 1.800 Gartengestalter seien ohnehin prädestiniert für ein verbessertes Mikroklima, etwa mit Dach- und Fassadenbegrünung.

Für Anreize zum Klimaschutz, etwa die raschere Abschreibung der Gebäudesanierung, müsse es „mehr als ein Schlumpfbudget“ geben, fordert Scheichelbauer-Schuster. Sie hofft, dass die Mitgliedsbetriebe besonders viele Jugendliche für eine Lehre – als Ausbildung zu „Klimaschutz-Experten“ – begeistern können.