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Wirtschaft
05/22/2019

Ganz schlecht: Unternehmen verschlafen die Digitalisierung mit offenen Augen

Fast 70 Prozent der Unternehmen haben noch keine digitale Agenda und planen auch keine. Das ergibt eine Analyse des KSV1870.

von Kid Möchel

Die FPÖ-Skandal um Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus hat auch den Wirtschaftsstandort Österreich getroffen. „Aufgrund des beschämenden Videos war es klar, dass sich die Regierung auflöst. Es schadet dem Standort, dass Reformen auf den Weg gebracht, aber nicht umgesetzt wurden“, sagt Ricardo-Jose Vybiral, Chef des Gläubigerschutzverbandes KSV1870, zum KURIER. „Das Erschreckende ist, dass wir jetzt zumindest für dieses Jahr Veränderungen und Reformen abschreiben können.“

"Österreichs Unternehmen sind nicht visionär“

Dabei hat der Wirtschaftsstandort Österreich Aufholbedarf. Zwar bewerten 72 Prozent den heimischen Standort als gut und sehr gut, doch bei der Digitalisierung hapert es. „Aus meiner Sicht ist Feuer am Dach“, sagt Vybiral. „Österreichs Unternehmen sind solide, aber nicht visionär.“

So räumen 84 Prozent der Unternehmen ein, dass die Digitalisierung den Markt verändert. Mehr als drei Viertel der Firmen spüren sogar schon, dass die Digitalisierung ihre finanzielle Lage verändert. Sie sehen, dass sich der Wettbewerb beschleunigt, die Kundenerwartungen sich verändern, sich neue Verkaufs- und Vertriebskanäle ergeben, und dass das traditionelle Geschäft schrumpft.

"Sie haben keinen Bedarf"

Trotzdem wird die Digitalisierung als Erfolgsfaktor vernachlässigt. Schlimmer noch: 68 Prozent der Unternehmen haben noch keine digitale Agenda und planen auch keine. „Die Unternehmen sehen zwar die Digitalisierung, aber sie sind nicht dabei“, sagt der KSV1870-Chef. „39 Prozent sagen sogar, sie haben keinen Bedarf.“

Vybiral zieht daraus den Schluss, dass es den Unternehmen mit ihren bestehenden Geschäften noch zu gut geht, um den wirtschaftlichen Kurs zu ändern.

"Es fehlt ihnen der Mut"

„Die Mehrheit jener Unternehmen, die sich inmitten der digitalen Transformation befinden, fokussieren sich derzeit auf das elektronische Bankgeschäft, auf den elektronischen Amtsweg und setzen verstärkt auf Soziale Medien“, sagt Vybiral.

Indes steckt die Entwicklung digitaler Produkte und Geschäftsfelder noch in den Kinderschuhen. „Es fehlt ihnen der Mut, neue Wege zu beschreiten“, sagt der KSV1870-Experte. „Wir müssen die Chance der Hochkonjunktur nutzen und mehr Innovationen und Transformationen zulassen.“

139.400 Bilanzen analysiert

Der finanzielle Background macht es möglich. Der KSV1870 hat die Bilanzen von 139.400 Unternehmen analysiert. Das Ergebnis ist positiv: Mehr als die Hälfte der Firmen konnte auch im Vorjahr das Eigenkapital um fast zwei Prozent verbessern.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass 58 Prozent der Unternehmen ihre Investitionen aus dem Eigenkapital und 37 Prozent aus dem Nettozufluss liquider Mittel (Cashflow) finanzieren. Erst an dritter Stelle (27 Prozent) kommt eine Kreditfinanzierung. Die Firmen haben offenbar aus der Wirtschaftskrise gelernt.

Neu ist aber, dass sich mittlerweile 23 Prozent der Unternehmen durch die Hereinnahme von Beteiligungspartnern und Finanzinvestoren und auch durch eine Verschränkung mit Start-up-Firmen finanzieren.