Troubleshooterinnen: Wenn Männer Mist gebaut haben und Frauen es richten sollen
Ingrid Thurnher, Interims-Generaldirektorin ORF
Jetzt also auch die Salzburger Festspiele. Karin Bergmann rückt schon wieder zum Feuerlöschen an. Diesmal nach dem Abgang von Intendant Markus Hinterhäuser, der wegen mangelndem „Wohlverhalten“ und aufbrausendem Führungsstil gefeuert wurde.
Karin Bergmann, Burgtheater und jetzt Salzburger Festspiele
Als das Burgtheater unter der Intendanz von Matthias Hartmann 2014 im Chaos zu versinken drohte, führte Bergmann die berühmteste Bühne im deutschen Sprachraum mit ruhiger Hand in sichere Gefilde.
Auch in Österreich häufen sich die prominenten Anlassfälle, in denen Frauen an die Spitze berufen werden, wenn es Männer zuvor verbockt haben. Es sind keine Zufälle, dass Frauen ausgerechnet in Krisensituationen nach ganz oben befördert werden.
„Frauen sind bevorzugte Troubleshooter. Sie sind mutiger, nicht so verwoben in den Strukturen und bereit, sich damit auseinanderzusetzen und ins Risiko zu gehen“, beobachtet Barbara Lutz, Deutschlands führende Diversity-Expertin (FKi Inclusion for Excellence). Spätestens, wenn die Situation erfolglos scheint, „kommen die Frauen in die Rolle“.
Als „starkes Beispiel, wie eine Frau in einer sehr schwierigen Situation in diese Rolle kommt“ nennt sie die ehemalige ÖBB-Managerin Evelyn Palla.
Evelyn Palla, saniert die unsanierbare Deutsche Bahn
Nach Legionen von erfolglosen Chefs wurde Palla als erste Frau an die Spitze der als unsanierbar geltenden Deutschen Bahn berufen, um das Riesen-Unternehmen zu verändern, „was sie auch tut“.
„Zuerst arbeitet frau 30 Jahr lang hoch qualifiziert im Unternehmen, wird bei Beförderungen konsequent von mittelmäßigen Männern übergangen, und wartet dann einfach geduldig, bis die Staatsanwaltschaft oder die Gleichbehandlungskommission anklopft“ – das Satire-Format Tagespresse ist nicht weit weg von der Realität.
Die frühere ORF-Moderatorin und Radiodirektorin Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch die Führung der größten Medienorgel des Landes, nachdem sich Ex-Generaldirektor Roland Weißmann mit einer „emotionalen Affäre“, wie er es nennt, ins Out geschossen hat.
Die Zillertaler Unternehmerin Martha Schultz steigt im November 2025 zur ersten Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich und des ÖVP-Wirtschaftsbundes auf.
Martha Schultz, Wirtschaftskammer
Ihr glückloser Vorgänger Harald Mahrer musste nach heftiger Kritik von allen Seiten über Lohnerhöhungen für Mitarbeiter und Funktionärs-Gagen zurücktreten.
Nach einer fragwürdigen Entlassung von Alfred Hudler, Chef der Spanischen Hofreitschule, samt Strafanzeige durch das Landwirtschaftsministerium wurde dringend Nachfolge gesucht. Seit 1. April leitet die Hofburg-Managerin Alexandra Kaszay die staatlichen Bereiter, die ersten Intrigen gegen sie sind schon losgegangen.
Als die teilstaatlichen Casinos Austria unter dem heillos zerstrittenen Dreier-Vorstand in eine existenzielle Krise schlitterten, wurde Bettina Glatz-Kremser 2019 als erste Frau an die Spitze des Glücksspielkonzerns bestellt.
Bettina Glatz-Kremsner, rettete die Casinos
Sie schaffte, was all ihren hoch bezahlten Vorgängern nicht gelang. Die Top-Managerin brachte Ruhe ins Unternehmen und sanierte die defizitären Casinos. Ein Drittel der Belegschaft wurde ohne öffentliche Aufregungen abgebaut.
„Die jüngsten Beispiele zeigen einen klaren Trend: Frauen kommen zwar seltener in Machtpositionen, werden aber oft genau dann berufen, wenn sich Organisationen bereits in einer Krise befinden“, stellt auch Headhunterin Julia Zdrahal-Urbanek (AltoPartners) fest.
In den Rücken gefallen
Nicht zu vergessen: Christine Catasta, Spitzenmanagerin und die erste Chefin eines Big-Four-Unternehmens in Österreich, sprang als interimistische Chefin bei der führungslosen Staatsholding ÖBAG ein, nachdem Thomas Schmid, heute Kronzeuge, fristlos hinausgeworfen wurde.
Auch in der Politik räumen Frauen die von Männern hinterlassenen Scherben auf. 2019 wurde die parteilose Höchstrichterin Brigitte Bierlein erste Bundeskanzlerin einer Experten-Regierung.
Brigitte Bierlein, erste Bundeskanzlerin
FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache ging im Ibiza-Skandal unter, die Regierung unter ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz wurde mit Misstrauensantrag abgewählt. Bierlein machte ihren Job ehrenvoll und tadellos.
Pamela Rendi Wagner übernahm 2018 nach dem erfolglosen Christian Kern als erste Frau die angeschlagene SPÖ. Sie hatte schwer gegen interne Intrigen zu kämpfen und zum Dank fiel ihr Kern auch noch in den Rücken.
Als Neos-Gründer Matthias Strolz auf Selbstfindungstrip ging und 2018 überraschend aus der Politik ausstieg, wurde Beate Meinl-Reisinger zur Nachfolgerin gewählt.
Der Politologe Peter Filzmaier sieht das Thema allerdings sehr kritisch und spricht von einer „Abwertung sondergleichen. Man hat Frauen das Image verpasst, sie würden geholt von Gnaden mächtiger Männer“. Männer würden sich selbst als Mastermind sehen. Rendi-Wagner wurde das Image umgehängt, Kern habe sie installiert. Bierlein und ihre Expertenregierung „haben sich die männlichen Parteichefs ausgedealt“. Als Benita Ferrero-Waldner als Bundespräsidentin kandidierte, „hieß es, von Schüssels Gnaden“. Hier bedürfe es noch viel Sensibilisierung, mahnt Filzmaier.
Für Expertin Lutz stellt sich die große Frage, „sind die Frauen nach der Lösung des Problems wieder weg?“. Die Wahrscheinlichkeit, dann abgelöst zu werden, sei hoch. „Frauen gehen als Troubleshooterinnen auf gefährliches Terrain, aber es ist eine Chance und ich kann jeder Frau nur empfehlen, diese zu nutzen – und langfristig Verträge abzuschließen“.
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