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Wirtschaft
09/10/2012

Frankreich: Multi-Milliardär gegen Präsident

Präsident Hollande will Spitzeneinkommen mit 75 Prozent besteuern. Der reichste Mann des Landes spricht vom Auswandern.

von Danny Leder

Frankreichs Öffentlichkeit liebt Symbole und Polarisierungen – und die jetzt entbrannte Steuerschlacht entspricht ganz diesem Geschmack. Der reichste Mann des Landes, Bernard Arnault, hat SP-Staatschef François Hollande zum Duell herausgefordert, und dieser hat den Fehdehandschuh umgehend aufgehoben.

"Bernard Arnault hätte ermessen müssen, was es bedeutet, eine andere Staatsbürgerschaft zu beantragen. Wir sind stolz darauf, Franzosen zu sein. Alle und besonders die am besten Gestellten müssen an den Anstrengungen zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung Frankreichs teilhaben." So reagierte Hollande Sonntagabend im TV-Interview auf Arnaults kaum verhüllte Drohgebärde: Er hatte Anfang September die belgische Staatsbürgerschaft beantragt. Belgien gilt im Vergleich zu Frankreich als Steuerparadies.

Treffen mit Premier

Diesem Schritt Arnaults war ein Treffen mit SP-Premier Jean-Marc Ayrault vorangegangen. Dabei hatte der Magnat der französischen Luxusindustrie von der Linksregierung den Verzicht auf ihr symbolträchtigstes Fiskalversprechen gefordert: Die 75-prozentige Besteuerung der Einkommenssegmente von über einer Million Euro pro Jahr.

Hollande erneuerte sein Bekenntnis zu dieser Maßnahme und verwarf auch die zuvor erwogenen Ausnahmen für eher kurzzeitige Spitzenverdiener wie Sport- und Musikstars. Tatsächlich hatten auch Promis, die der SP nahestehen, wie der populäre Ex-Tennischampion und Schlagersänger Yannick Noah, die Steuerpläne kritisiert.

Auch bei einem Teil der Regierung hält sich die Begeisterung über eine Maßnahme in Grenzen, die wenig für den Staatshaushalt bringen wird (laut Hollande dürften nur rund 4000 Personen betroffen sein), die aber als ultimative Kampfansage an Unternehmer und Spitzenmanager aufgefasst wird.

Gerade aber dieses Symbol erscheint Hollande unverzichtbar. Erstens, weil es gerade diese Ansage während des Wahlkampfs war, die der erschlafften Kampagne von Hollande neuen Schwung verlieh. Und zweitens, weil Hollande jetzt nach eigenen Worten der Bevölkerung die größte Kraftanstrengung seit 50 Jahren abverlangt.

Mit einer Mixtur aus Steuererhöhungen und Einsparungen sollen in einem Jahr 35 Milliarden Euro herbeigeschafft werden, um – wie mit der EU vereinbart – das Budgetdefizit 2013 auf drei Prozent zu drücken. Diese Rosskur hofft Hollande gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen, indem er auch den Reichsten schwere Opfer abverlangt.

Da aber auch Hollande die Spitzenverdiener nicht allzu sehr vergraulen möchte, wird es bei der ominösen 75-Prozent-Steuer einige Hintertüren geben.

Symbolischer Schuss

Umgekehrt hat auch Arnault – vorerst – nur einen symbolischen Schuss abgegeben. Fiskalisch hat sein Einbürgerungsantrag in Belgien keinen Sinn, weil Franzosen nur mit einem Wohnsitzwechsel nach Brüssel in den Teilgenuss des örtlichen Steuersystems kommen. Er selber ließ verlauten, er brauche die belgische Staatsbürgerschaft für eine Investitionsbeteiligung, was unglaubwürdig ist. Am Ende beteuerte Arnault, er bleibe ja französischer Steuerbürger.

Damit ist die Fassade gewahrt, zumal auch die bürgerliche Opposition Steuerflucht nicht gutheißen kann und daher gewunden bis empört auf den Vorstoß Arnaults reagierte. Aber der Intimus von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hat die bisher gefährlichste Warnung gegenüber der SP-Staatsführung abgegeben, denn die bisher nur als Drohbild beschworene Massenflucht der Spitzenverdiener aus Frankreich erscheint plötzlich greifbar.

Mit Nobel-Marken zu Reichtum

Luxus ist das Schlüsselwort im Leben von Bernard Jean Étienne Arnault: Wer sich ein Kostüm von Christian Dior oder eine Louis-Vuitton-Tasche leistet, ein Glas Moët & Chandon-Champagner gönnt oder einen Hennessy-Cognac, trägt zum enormen Reichtum des 63-Jährigen bei. Denn an all diesen Unternehmen ist Arnault führend beteiligt. Mit einem geschätzten Vermögen von 32 Milliarden Euro ist der gelernte Ingenieur mittlerweile der reichste Franzose, der reichste Europäer und laut Forbes-Liste 2012 der viertreichste Mann der Welt.

Bereits im Alter von 22 Jahren trat er in das väterliche Immobiliengeschäft ein, das er durch den lukrativen Bau von Ferienwohnungen an der Côte d’Azur zu neuen Höhen führte. Dasselbe Konzept setzte er später auch in Florida um. 1985 erweiterte er sein Geschäft und stieg in die Textilbranche ein. Er kaufte angeschlagene Unternehmen, sanierte und verkaufte sie zum Teil wieder. Aus dieser Zeit stammt sein Ruf als Kapitalist der harten Tour. Er bewies aber auch einen guten Riecher, als er Christian Lacroix in die Modebranche einführte. Über seine Holding-Gesellschaft Groupe Arnault baute er Schritt für Schritt ein mächtiges Imperium auf.

Der Hobby-Pianist betätigt sich auch als Kunstsammler und ließ vor sechs Jahren vom US-Stararchitekten Frank O. Gehry ein Museum in Paris errichten. Ein weiteres Hobby ist der Weinbau: Arnault besitzt eines der größten Grand-Cru-Weingüter im Bordeaux und kauft ständig weitere Flächen an.

Bernard Arnault ist in zweiter Ehe mit Hélène Mercier verheiratet. Mit ihr hat er drei Kinder, weitere zwei stammen aus seiner ersten Ehe. Er ist ein enger Freund von Nicolas Sarkozy und war 1996 dessen Trauzeuge bei der Hochzeit mit Cécilia. Ihm verdankt er auch die Auszeichnung als Großoffizier der französischen Fremdenlegion.

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