Wirtschaft
02.06.2018

Frag doch den Schwarm: Wie es Crowdfunding in Österreich geht

Drei Jahre nach Schaffung eines Rechtsrahmens kommt die alternative Finanzierungsform im Mittelstand voll an. Ab Juli gibt's Erleichterungen.

Die Schwarmfinanzierung wird langsam erwachsen. Drei Jahre nach Schaffung eines Rechtsrahmens steigen die Volumina, die über Crowdfunding-Plattformen abgewickelt werden, kontinuierlich an. Heuer wurden bereits 17 Mio. Euro von heimischen Privatanlegen eingesammelt, so viel wie das gesamte Jahr 2016 (siehe Grafik unten).

„Das Thema Crowdfunding hat den Mittelstand voll erreicht und ist dort weit mehr als nur eine Finanzierungsform“, bestätigt Hannes Kollross, Key Account Manager bei der innovation service network GmbH, die die Plattform 1000x1000.at betreibt. Der Crowdfunding-Pionier bietet schon seit 2001 umfangreiche Services rund um das Thema an und kann auf 500 abgeschlossene Projekte verweisen. 1000x1000.at ist als erste österreichische Crowdfunding-Plattform gestartet.

Kollross sieht vor allem drei Trends in der Branche: Erstens werde Crowdfunding von Betrieben zunehmend als Instrument zur stärkeren Kundenbindung oder für Marketing entdeckt; zweitens gewinnt es zur Vorfinanzierung von neuen Produkten an Bedeutung und drittens gibt es immer mehr regionale Projekte, etwa wenn es um die Umsetzung gemeinsamer Bürgeranliegen in einer Gemeinde geht. Prominentes Beispiel für ein regionales Umsetzungsprojekt mit regionaler Crowd ist das Projekt „Schlossalm neu“ der Gasteiner Bergbahnen (siehe Beispiel unten). Auch bei der Erneuerung städtischer Infrastruktur wie Freibäder könnte die Bevölkerung eingebunden werden, meint Kollross. Weil hier keine großen Renditen zu erwirtschaften sind, erhalten die Investoren eben Freikarten.

Potenzial sieht Kollross auch beim so genannten „Crowdsourcing“, also der Einbeziehung von Kunden, Mitarbeitern oder Geschäftspartnern zur Umsetzung neuer Geschäftsideen. Dadurch könnten Kunden zu „Fans“ werden, die nahe am Unternehmensgeschehen sind und das Innovationsrisiko kann gesenkt werden. Beispiel dafür – aber auch für stärkere Kundenbindung – ist die Trumer Brauerei, die für neue Biersorten ein „Braufunding“ ins Leben rief. Die Anschaffung von zwei kleineren Lagertanks wurde von Bierfans finanziert, die als Gegenleistung großzügige Rabatte und Goodie-Bags erhielten. Ein Beispiel für die Vorfinanzierung einer Innovation ist das Mini-Solar-Kraftwerk Simon der oekostrom AG. Die ersten 1000 Prototypen der handlichen Solaranlage wurden an Investoren verkauft, die auch über ihre Erfahrungen berichteten.

Steueranreiz fehlt

Das Crowdfunding-Potenzial sei in Österreich noch lange nicht ausgeschöpft, meint Kollross. Eine steuerliche Absetzbarkeit von Beträgen bis zu 10.000 Euro könnte einen neuen Schub zur Stärkung der heimischen Wirtschaft bringen, ist er überzeugt. Eine Erleichterung bringt ab Juli die gelockerte Prospektpflicht.

Bekamen früher Projekte, die mit Hilfe von Schwarm-Anlegern finanziert wurden, noch breite mediale Öffentlichkeit, ist es mittlerweile ruhiger geworden. „Man merkt, dass sich die Leute daran gewöhnt haben. Crowdfunding ist nicht mehr so besonders als Investition“, sagt Wolfgang Deutschmann. Er ist Mit-Gründer und -Chef der Rockets Holding, dem größten Betreiber von Crowdfunding-Plattformen in Österreich. Zur Holding gehören Green Rocket (in der Regel für Start-ups und Nachhaltiges), Lion Rocket (für etablierte KMU) und Home Rocket (für Immobilien). Deutschmann erzählt, dass die Nachfrage von beiden Seiten steige – von Firmen wie auch von Geldgebern. Zum einen würden sich mehr Firmen und Gründer nach alternativen Finanzierungen umschauen. Zum anderen interessiert sich eine wachsende Schar an Anlegern für Möglichkeiten, vor Ort zu investieren – also etwa im Heimat-Bundesland. Ein Beispiel dafür ist das steirische Unternehmen Niceshops, eine Art „österreichisches Amazon“, das auch mit Hilfe der Crowd ein neues Logistikzentrum am Firmenstandort Saaz (Paldau) baut (siehe Beispiel unten).

Wie viele Finanzierungsanfragen prasseln so auf Deutschmann ein? Bei Green Rocket, wo Jungunternehmer landen wollen, „sind es so 1000 Anfragen pro Jahr. Und 950 werden abgelehnt, da sind zum Teil wirklich skurrile Ideen dabei“, sagt er. Um die Anleger zu schützen, verlangen die Rocket-Manager, dass das Start-up aus dem Kerngeschäft schon Umsätze generiert, um aufgenommen zu werden.

Pleiterisiko

Wenn Ideen auch noch so gut sind – nicht alle sind erfolgreich. Von den rund 50 Projekten, die bisher über Green Rocket finanziert wurden, landeten zwei in der Insolvenz. Für die Crowd gab es dann nichts mehr. Das ist auch einer der Nachteile, die mit Crowdinvesting verbunden sind: Ein Totalausfall des eingesetzten Kapitals ist möglich. Die Ausfälle können auch nicht steuerlich geltend gemacht werden. Die Zinsen – in der Regel von Nachrangdarlehen – unterliegen der Einkommens- und nicht der Kapitalertragsteuer. Vorteil: Sich bei interessanten Projekten zu engagieren, ist schon mit kleinen Beträgen möglich. Und die Zinsen sind mit vier bis sechs Prozent oder mehr attraktiv.

Die Crowdinvestoren sind übrigens zum überwiegenden Teil männlich (85 Prozent) und mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahre alt, geht aus einer Umfrage der Plattform Conda hervor. Drei von vier Investments liegen zwischen 100 und 500 Euro.

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Was sich beim Crowdfunding ab Juli ändert

Novellierung Grundlage für Crowdfunding ist in Österreich das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) aus dem Jahr 2015. Für größere Beträge ist es das Kapitalmarktgesetz (KPMG). Mit 21. Juli bringt eine Gesetzesnovelle Erleichterungen.

Prospektpflicht Für Angebote unter 250.000 Euro kann künftig die Prospektpflicht zur Gänze entfallen. Für Angebote zwischen  250.000 und weniger als 2 Mio. Euro ist nur ein Infoblatt zu erstellen. Darüber gelten strengere Vorschriften. Weiters werden die Pflichten des Emittenten sowie des Plattform-Betreibers präzisiert.

5000-Euro-Grenze Eine Privatperson  darf ohne Einkommensnachweis pro Projekt max. 5000  Euro  im Jahr investieren. Verstöße werden künftig weniger scharf geahndet.  

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Beispiel Swimsol: Solar-Inseln aus Wien für die Weltmeere

Österreich ist zwar ein Binnenland, ein heimisches Unternehmen ist aber gerade dabei, ein ökologisches Problem zu lösen, das Regionen am Meer oder Inseln haben: Der Zugang zu sauberer Energie als Alternative zu den vielen Dieselgeneratoren, die die Luft verpesten. Das Wiener Unternehmen Swimsol ist der weltweit erste und derzeit auch einzige Entwickler von schwimmenden Solaranlagen für Meeresgebiete. Die Idee, die dem Swimsol-Gründer Martin Putschek bei einer Reise auf die Malediven kam: Für den Energiebedarf kleiner Inseln reichen Solarpaneele auf Dachflächen nicht, es müsste auch die Wasserfläche genutzt werden. Entwickelt wurden die maritimen Solarkraftwerke gemeinsam mit der TU Wien und dem deutschen Fraunhofer-Institut.

„Die ersten Piloten gibt es seit fünf Jahren, die Testanlage wurde vor dreieinhalb Jahren montiert“, erzählt Wolfgang Putschek. Der Bruder des Gründers war lange Jahre Investment-Banker im Raiffeisen-Konzern und wechselte vor fünf Jahren zu Swimsol. Schwimmende Solarplattformen für Süßwasser gebe es schon länger, erzählt Wolfgang Putschek. Mit den maritimen Solarkraftwerken stehe man jetzt dort, wo die Süßwasser-Pendants vor fünf Jahren waren. Wellengang, Salzwasser, Wind – viele Probleme, die es zu lösen galt. Mittlerweile konnte Swimsol seine Erfindung zum EU-Patent anmelden, im Frühling gewann das Unternehmen den Houskapreis in der Kategorie „Forschung und Entwicklung in KMU“.

Vor GewinnzoneWie groß kann man sich so ein schwimmendes Solarkraftwerk vorstellen? „Ungefähr so groß wie ein halbes Fußballfeld“, sagt Putschek. Der aktuelle Auftragsstand mache zehn Fußballfelder aus. Erste Anlagen wurden auch schon nach Indonesien und Malaysia verkauft. Für Interessenten gibt es zwei Modelle: Entweder wird die Anlage schlüsselfertig verkauft – was multinationale Organisationen gerne finanzieren. Oder es wird ein Stromliefervertrag abgeschlossen – was monatlichen Cash-Flow bringt. Nächstes Jahr will Swimsol in die Gewinnzone kommen. Über die Crowdfunding-Plattform Green Rocket will Swimsol jetzt 800.000 Euro einsammeln. Knapp 637.000 Euro sind es bereits.

Beispiel Niceshops: Steirische Firma auf den Spuren Amazons

Von der Naturkosmetik über Kaminholz und Produkte für Pferdebesitzer oder Radfahrer, vom Trachtigen bis zu Spezialitäten aus dem Vulkanland: Das steirische Unternehmen Niceshops hat mittlerweile 24 Online-Shops aufgebaut und setzt dabei auf regionale Wertschöpfung. Das Lager platzt aus allen Nähten, gut 5750 Pakete werden pro Tag verschickt. Niceshops ist in 15 europäischen Ländern aktiv. Hauptabsatzmärkte sind die DACH-Region (Deutschland, Österreich und Schweiz) sowie Italien und Frankreich. Geliefert werden dabei auch Eigenmarken – etwa das E-Bike Geero oder die Biokosmetik-Marke „Hands on Veggies“.

Seit der Gründung vor zwölf Jahren konnte der Umsatz um 40 bis 75 Prozent pro Jahr gesteigert werden. Im Vorjahr wurden 27 Millionen Euro umgesetzt, bis zum Jahr 2021 soll die 100-Millionen-Euro-Schwelle übersprungen werden. Um das zu stemmen, braucht Niceshops mehr Platz – für Büro, Lager und Produktion. Bei der Finanzierung eines neuen Logistikzentrums beim Unternehmensstandort in Saaz in der Südoststeiermark kann auch die Crowd mittun. Seit Mitte Mai läuft über die Plattform Lion Rocket das Funding. Bereits in den ersten sechs Stunden wurde die Marke von 100.000 Euro geknackt, mittlerweile sind knapp 438.000 Euro zusammengekommen. Der Spatenstich für den Neubau ist bereits im März erfolgt, fertig soll der mehrgeschoßige Bau im Herbst werden. Dann ist auch genug Platz, um die Beschäftigten-Zahl von aktuell 166 auf 260 aufzustocken.

Niceshops gilt als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen im heimischen E-Commerce. Das lockt nicht nur Kleinanleger an. Diese Woche wurde bekannt gegeben, dass sich Seven Ventures Austria, der Venture-Zweig der ProSiebenSat.1 PULS 4-Gruppe in Österreich, an Niceshops beteiligt hat. Für Seven Ventures haben die Steirer einige „Highflyer“ im Portfolio – etwa die Plattform Ecco Verde, deren Naturkosmetik Marktführer in Italien ist. 

Beispiel Gasteiner Bergbahnen: Bürger beteiligen sich am Skigebiet

Skilift-Betreiber wissen üblicherweise nicht sehr viel über ihre Kunden, das Wort Kundenbindung ist eher ein Fremdwort. Nicht so bei der Gasteiner Bergbahnen AG (160 Mitarbeiter), die bei der Modernisierung des Skigebiets Schlossalm Skifahrer, Einheimische und Urlauber mit einbinden.

Konkret geht es um den Bau einer  modernen   Einseilumlaufbahn mit Kabinen für jeweils zehn Personen, die im kommenden Winter die  bestehende Standseilbahn ersetzt. Das Umsteigen bei der Mittelstation ist dann nicht mehr nötig, lange Wartezeiten beim Lift sollten dann der Vergangenheit angehören. Bis 2020 werden dafür  rund 85 Mio. Euro investiert. Die Finanzierung dafür aufzustellen war kein Problem, meint Bergbahnen-Vorstand Franz Schafflinger, man wollte aber von Anfang an auch die Bevölkerung für das Projekt gewinnen.
Der Erfolg des ersten Crowdfunding-Projektes 2016  überraschte dann selbst die Betreiber.  „Die Nachfrage war riesig, die erste Runde  war bereits nach  drei Tagen   mit 1,5 Mio. Euro voll ausgeschöpft“, berichtet Schafflinger. Mehr als 1,5 Mio. Euro dürfen laut Alternativfinanzierungsgesetz nicht eingesammelt werden.  Es zeigte sich, dass die meisten zwischen 2000 und 3000 Euro investierten.

Eine zweite Crowdfunding-Runde startete unter dem Titel „Skisparen“  Ende des Vorjahres und wurde Ende April abgeschlossen. Diesmal  wurden als Gegenleistung Gutscheine angeboten, also ein klassisches Vorverkaufsmodell.  Risikoloser für Bergbahnen und Investoren. Bei einer einmaligen Zahlung von 5000 Euro   gab’s einen Bergbahnen-Gutschein im Wert von vier mal 1410 Euro. Es gab auch Angebote für 2000 und 1000 Euro. „Da kauften Großeltern für ihre Enkel Saisonkarten“, erzählt Schafflinger, der diese Form der Bürgerbeteiligung an lokaler Infrastruktur nur weiterempfehlen kann. Wichtig sei, dass die Investoren einen  „Bezug zur Region“ hätten. Der bürokratische Aufwand   sei mit einem guten IT-System sehr überschaubar. 

Beispiel Mösl GmbH: Fruchtige Zinsen mit Mostviertler Bio-Smoothie

Regionale Zulieferer und Bio-Obstbau: Das sind die zwei Zutaten, mit denen Reinhard Mösl seine Investoren „einkochen“ will. Schon seit Jahren stellt die Mösl GmbH aus Haag im Mostviertel/NÖ Smoothies für in- und ausländische Handelsketten her. Monatlich laufen bis zu 500.000 Flaschen vom Band und kommen als Eigenmarken  der Händler in die Supermärkte.

Jetzt will Mösl  auch mit seiner eigenen Marke  „Mösl’s Bio Smoothie“ durchstarten. Via Bio-Kisten und den Bio-Handel soll das neue Fruchtsaftgetränk im Glas ab Herbst erhältlich sein. Zur Vorfinanzierung der Glasflasche und Rohware sucht Mösl über die Crowdfunding-Plattform Conda private  Investoren. Investiert werden kann ab einem Betrag von 100 Euro.  Gelockt wird  mit „fruchtigen Zinsen“ von bis zu sechs Prozent sowie Goodies vom Partnerbetrieb Adamah Biohof, der den Smoothie  in seinen Direktvertrieb über Biokistln aufnehmen wird.  

Beliefert werden soll auch die Bio-Hotellerie bzw. Gastronomie im In- und Ausland. „Unser Startmarkt ist Österreich mit etwa 15 Biokistl-Vertreibern“, erläutert Reinhard Mösl in einer Aussendung. In Deutschland gebe es das Geschäftsmodell schon in jeder großen Stadt, das Wachstumspotenzial sei daher groß. „Mit dem stark wachsenden Zustellmarkt und einer sehr kaufkräftigen, treuen Kundschaft wollen wir mitwachsen und hoffen dabei auf tatkräftige Unterstützung von Menschen, die an unsere Idee glauben. So, wie wir auch“, ergänzt Mösl.

Den neuen Bio-Smoothie soll es zunächst in den drei Geschmacksrichtungen Birne, Himbeere und Mango geben. Die Rohstoffe sollen  aus kontrolliert biologischen Betrieben aus der Region kommen.  Über Conda wurden inzwischen 98 Projekte mit mehr als 23 Mio. Euro finanziert.