Flughafen-Vorstand Günther Ofner

© Kurier/Franz Gruber

wirtschaft von innen
10/23/2020

Flughafen-Vorstand: "Europa schadet sich selbst"

Günther Ofner kritisiert im KURIER-Interview massiv die fehlende gemeinsame Corona-Strategie der EU.

von Andrea Hodoschek

Am Airport Wien-Schwechat ist es beunruhigend still. Die Zahl der Passagiere ist nochmals eingebrochen, gegenüber dem Vorjahr auf 15 Prozent. Der Flughafen hat jetzt einen Versuch für Schnelltests gestartet, um zu verhindern, dass infektiöse Personen an Bord gelangen.

Die Entscheidung über den Bau der 3. Start- und Landepiste könne erst nach der Krise getroffen werden, sagt Flughafen-Vorstand Günther Ofner. In Sachen Klimaschutz hofft er sehr auf synthetischen Treibstoff. Der Gewerkschaft Vida attestiert Ofner mangelnde Einsicht in ein Sparpaket bei der Flugsicherung Austro Control.

KURIER: Wie geht’s mit der Luftfahrt weiter?

Günther Ofner: Seit September gibt es weitere Rückgänge aufgrund der Reisebeschränkungen. Im Sommer lag das Passagieraufkommen bei 25 Prozent des Vorjahres, aktuell sind wir bei 13 Prozent. Das absolut Unverständlichste ist, dass Europa seit sieben Monaten Pandemie nicht in der Lage ist, eine gemeinsame Reisestrategie zu entwickeln. Das ist ein Armutszeugnis. Die Belgier, immerhin das Sitzland der EU, haben die Absurditäten auf die Spitze getrieben, indem sie nur einen in Belgien durchgeführten PCR-Test anerkennen. Dass Deutschland eine Pflichtquarantäne ankündigt und Tests nicht befreiend anerkannt werden sollen, ist absurd. Die Strategie muss sein, sicheres und gesundes Reisen zu ermöglichen.

Wie soll das funktionieren? Im Flugzeug sitzen die Passagiere doch Schulter an Schulter.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der extrem hohe Luftaustausch im Flugzeug die Infektionsgefahr massiv reduziert. Plus Maskenpflicht und Desinfizieren und Händewaschen. Die Gefahr, sich im Flugzeug anzustecken, ist extrem gering.

Was tut der Flughafen?

Wir setzen seit Beginn der Pandemie sehr intensive Maßnahmen: Fiebermessen über Kameras, Maskenpflicht, Plexiglasscheiben bei den Schaltern, Abstandsregelungen, umfassende Hygiene und Tests. Derzeit ist der PCR-Test, den wir seit Anfang März anbieten, der Standard für Passagiere aus Krisenländern. Künftig könnten am Flughafen alle Passagiere getestet werden, bevor sie ins Flugzeug steigen, und zwar mit Schnelltests. In 15 bis 20 Minuten gibt es das Ergebnis, ein Testbetrieb läuft bereits.

Wie sicher sind diese Schnelltests?

Die Trefferquote liegt bei circa 95 Prozent, man wird also möglicherweise nicht alle Infizierten erkennen. Aber es wäre gesichert, dass hochinfektiöse Personen nicht ins Flugzeug kommen. Ich glaube, dass der notwendige Flugverkehr nur über eine flächendeckende Teststrategie ermöglicht werden kann.

Was verstehen Sie unter notwendigem Flugverkehr?

Österreich ist bis zu 60 Prozent vom Export abhängig. Wenn die Firmen nicht reisen, können sie Projekte nicht fertigstellen, können Anlagen nicht servicieren und, vor allem, keine neuen Aufträge akquirieren. Da entstehen die Arbeitslosen von morgen.

Aber die Digitalisierung kann und wird doch viele Dienstreisen ersetzen.

Nur teilweise. Sie wird auch in Zukunft kein hinreichendes Instrument sein, um neue Aufträge zu erhalten oder Anlagen zu servicieren. Vor allem, wenn man sieht, wie jetzt die Chinesen reisen und uns viele Aufträge wegschnappen. Der schnellere Vogel frisst den Wurm. Europa schadet sich selbst, das ist ärgerlich. Genauso wie die von der EU verlangte Beschränkung der Fixkostenzuschüsse auf zwei Millionen Euro pro Unternehmen.

Das reicht für den Flughafen nicht?

Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur des Flughafens kostet bis zu 20 Millionen Euro im Monat.

Bei einem Passagieraufkommen von 15 Prozent ist der Flughafen vermutlich nicht profitabel?

Nein, bei Weitem nicht. Daher ist die Haltung der EU-Kommission völlig weltfremd und nicht nachvollziehbar. Profitabel wird es ab ca. 50 Prozent. Ich möchte betonen, dass wir für die staatliche Hilfe Österreichs außerordentlich dankbar sind. Diese ist vorbildlich, verglichen mit anderen Ländern, aber sie kann den Markt nicht ersetzen. Trotzdem bin ich optimistisch, dass sich die Lage ab Ostern, wenn es die Impfung gibt und hoffentlich ein Medikament, wieder schrittweise normalisiert. Aber es könnte bis 2024 dauern, bis wir das Niveau von 2019 wieder erreichen.

Dann brauchen wir die 3. Start- und Landepiste noch lange nicht.

Das muss man nach dem Sturm beurteilen und nicht während des Sturms. Man kann eine abgesicherte Entscheidung erst treffen, wenn man die zukünftige Entwicklung besser abschätzen kann. Es wäre völlig verfehlt, jetzt zu sagen, wir brauchen die 3. Piste nicht. Ich gehe davon aus, dass sich der Flugverkehr wieder erholt und wachsen wird. Auch deswegen, weil weltweit erst 20 Prozent der Menschen jemals in einem Flugzeug gesessen sind. Der steigende globale Wohlstand wird dazu führen, dass immer mehr Menschen per Flugzeug reisen wollen.

Fluggegner würden den Menschen aber gerne verbieten, zu fliegen.

Na klar, Hauptsache, wir waren schon überall. Das wird nicht funktionieren. Wir müssen aber zum Klimaschutz bessere Technologien einsetzen.

Die da wären?

Synthetisches Kerosin, hergestellt aus Luft. Das kann bis zu 50 Prozent beigemengt werden, ohne dass am Flugzeug etwas verändert werden muss. Europa sollte beim Green-Deal eine globale Vorreiterrolle übernehmen und -neutrales Fliegen fördern. Das Klima würde damit allein aber nicht gerettet, der Flugverkehr ist nur für rund 2,7 Prozent des -Ausstoßes verantwortlich.

Stichwort Digitalisierung, was ist zu erwarten?

Wir arbeiten mit Start-ups gemeinsam in Richtung Digitalisierung des Reisens. Reisen wird in den nächsten Jahren noch wesentlich angenehmer. Etwa mit dem Chip im Koffer, der beim Buchen bereits bis zum Zielort programmiert wird, berührungslosen Sicherheitskontrollen oder der Handelbarkeit von Tickets. Wer beispielsweise 2 Stunden später fliegt, erspart sich zum Beispiel 100 Euro.

Offensichtlich geht es auch darum, Flughafen-Jobs einzusparen.

Nicht unbedingt. Technische Anlagen müssen ja auch gewartet werden. Und es ist kein Fehler, wenn körperlich schwere Arbeiten wie Gepäck schleppen reduziert werden.

Sie sind im Aufsichtsrat der staatlichen Flugsicherung Austro Control. Wie weit ist man mit dem überfälligen Sparpaket?

Jeder im Luftverkehr muss zur Bewältigung der Krise beitragen. Das gilt gerade für jene, deren Einkommen um ein Vielfaches höher ist, als jenes bei den Airlines und Flughäfen, deren Mitarbeiter und Passagiere aber die Austro Control finanzieren. Deshalb ist die Einsicht notwendig, etwas beizutragen.

Klingt nicht so, als ob diese Einsicht vorhanden wäre.

Bei vielen Mitarbeitern schon, aber nicht bei der Gewerkschaft Vida.

Was wird von dieser Krise bleiben?

Diese Krise ist gewaltig und hinterlässt tiefe Spuren. Aber ich jammere nicht, sondern denke an den Tag danach. Bleiben sollten mehr Gesundheitsprävention und Hygienemaßnahmen. So wie bei allen bisherigen Krisen, werden die Menschen sicher nicht aufhören, mobil sein zu wollen.

Sicherheitsmaßnahmen

Weitere Details über die Sicherheitsmaßnahmen am Wiener Flughafen lesen Sie unter: www.viennaairport.com/sicherreisen.

Zur Person

Nach dem Desaster um den Neubau des Terminals „Skylink“ mussten 2011 alle drei Flughafen-Vorstände gehen. Günther Ofner, 63, und Julian Jäger, 49, wurden als Trouble-Shooter geholt. Der ÖVP-nahe Ofner und der SPÖ-nahe Jäger sanierten den Flughafen. Jurist Ofner begann in der Versicherungsbranche, war Vize-Direktor der politischen Akademie der ÖVP, wechselte 1992 zum Verbund. Er war Vorstand in der Bewag, bei der UTA und der Burgenland Holding. Zuletzt bei der EVN. 

Unternehmen

Die börsenotierte Flughafen Wien AG gehört zu je 20 Prozent den Ländern Wien und NÖ, 10 Prozent hält die Mitarbeiter-Stiftung. 39,8 Prozent gehören der australischen Airports Group Europe, 10,2 Prozent sind Streubesitz. 2019 knapp 32 Millionen Passagiere. Heuer Corona-bedingt schwere Einbrüche, Netto-Ergebnis im ersten Halbjahr 2020  minus 18,2 Millionen. Kurzarbeit und massives  Sparprogramm.

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