Europas Fluglinien profitieren von der Krise am Golf
Die Lufthansa hebt nun verstärkt Richtung Fernost ab.
Zusammenfassung
- Europäische Fluglinien profitieren von der Krise am Golf durch mehr Passagiere und höhere Ticketpreise.
- Die Kapazitäten der europäischen Airlines sind gut ausgelastet, während Golf-Airlines wie Emirates und Qatar weiterhin eingeschränkt operieren.
- Langfristige Auswirkungen auf die Region und den Luftverkehr bleiben unklar, doch auch Turkish Airlines zählt zu den Gewinnern.
Grundsätzlich sind Kriege immer schlecht für den internationalen Luftverkehr, aber Lufthansa-Chef Carsten Spohr konnte dem Iran-Krieg zuletzt eine positive Seite abgewinnen. Mindestens für einige Monate, wenn nicht sogar für Jahre ist die ärgste Konkurrenz der europäischen Airlines geschwächt, weil der Iran mit seinen Raketen auch die arabischen Staaten am Persischen Golf ins Visier genommen hat.
Von einem Tag auf den anderen standen die Drehkreuze von Fluggesellschaften wie Emirates, Qatar, Etihad und Gulf Air still, über die zuvor jeden Tag Tausende Touristen aus Europa zu Zielen in Asien, Australien und Afrika umgestiegen sind. "Die Gesellschaften am Golf haben rund die Hälfte des Gesamtverkehrs zwischen Europa und Asien abgezogen. Erstaunlicherweise trifft das auch auf zehn Prozent des Verkehrs aus den USA nach Asien zu", beschreibt der deutsche Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt die Situation vor dem Krieg.
Tickets wurden deutlich teurer
Spohr und seine Kollegen in London und Paris können sich über eine Sonderkonjunktur freuen, denn die Passagiere suchen sich neue Wege. Die Maschinen auf den Direktverbindungen nach Fernost sind knallvoll, die Tickets entsprechend teuer. Die Europäer haben massiv die Preise erhöht, weil die Nachfrage nach Direktflügen so sprunghaft angestiegen ist, sagt Luftfahrtberater Gerald Wissel. So kostete ein Trip über Ostern von München nach Bangkok und zurück in der vergangenen Woche mindestens 3.300 Euro.
Fluggesellschaften wie die AUA-Mutter Lufthansa, British Airways oder Singapore Airlines haben zusätzliche Flüge aufgesetzt. Doch die Kapazitäten sind begrenzt, denn weiterhin kommen die Hersteller Boeing und Airbus mit dem Bau neuer Jets dem Bedarf kaum hinterher. Wegen der gesperrten Lufträume über dem Iran, dem Irak und der Ukraine haben sich zwei schmale Korridore auf dem Weg zwischen Asien und Europa gebildet, die auf vielen Strecken deutliche Umwege und damit zusätzliche Kosten bedeuten.
Emirates fliegt wieder, bei halber Kraft
"Wir wissen letztendlich nicht, wie lange dieser Effekt am Golf anhält. Ob das eine Zäsur ist oder nur eine vorübergehende Erscheinung", hatte Lufthansa-Chef Spohr bei der Bilanzvorlage gesagt. Nach Daten des Dienstleisters Cirium hat als Erstes der Flughafen Dubai seine Kapazitäten inzwischen deutlich wieder hochgefahren, sodass Emirates nach zahlreichen Evakuierungsflügen zuletzt immerhin rund die Hälfte des geplanten Programms tatsächlich fliegen konnte. Weitgehender Stillstand herrscht hingegen weiterhin bei Qatar Airways in Doha und Gulf Air in Bahrain.
Die arabischen Airlines haben weltweit auch als Markenbotschafter für ihre Heimatregionen gewirkt, die sich so als Touristenziele etabliert haben. Mit dem Krieg ist die Fiktion der heilen Glitzerwelt nun aber nachhaltig gestört, sagt Experte Großbongardt. "Die Region erlebt gerade einen riesigen Imageschaden. Sie hatte sich bislang erfolgreich als Insel des Wohlstands und des Friedens in einer brennenden Weltgegend dargestellt. Auch nach einem Kriegsende bleibt das ja eine Region mit sehr großen Spannungen und Risiken."
Strohfeuer oder längerfristige Probleme?
"Touristen sind vergesslich", meint hingegen Luftfahrtberater Wissel und weist auf Erfahrungen nach Anschlägen in der Türkei oder in Ägypten, als die Reisenden sehr schnell wieder zurückkehrten. Er ist überzeugt: "Die Golfstaaten werden auch finanziell alles daran setzen, ihre Region wieder sicher zu machen." Mit dem einsetzenden Sommer sei zumindest die touristische Saison ohnehin vorbei. Ob es zu längerfristigen Problemen kommen wird, könne man erst im Herbst erkennen.
Für die europäischen Airlines heißt es bis dahin, möglichst viele Kunden von ihren Vorzügen zu überzeugen, denn auf den meisten Routen entfällt immerhin ein Umstieg mitten in der Nacht. Doch die Konkurrenz auch außerhalb der Golfstaaten schläft nicht, warnt Großbongardt. "Zu den Profiteuren wird ganz sicher auch Turkish Airlines mit dem Drehkreuz Istanbul gehören."
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