EU prüft Schuldenschnitt für Athen

Viel Disskussionsbedarf: Österreichs Finanzministerin Maria Fekter im Gespräch mit ihrem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble.
Foto: apa

Erstmals wird ein solcher Schritt erwogen, um die Spekulationen gegen alle Euro-Problemländer einzudämmen.

Die Schuldenkrise in Europa spitzt sich wieder zu: Das Gespenst einer Pleite Italiens ließ Europas Aktienmärkte am Dienstag kräftig einbrechen. Unter dem Druck der Finanzmärkte fallen selbst die größten Tabus.

Monatelang wurde ein teilweiser Schuldenerlass Griechenlands von den Finanzministern der EU kategorisch ausgeschlossen. Jetzt ist die Möglichkeit für diesen radikalen Schnitt erstmals wirklich am Tisch. Und das Bekenntnis, so rasch wie möglich Entscheidungen treffen zu wollen, um eine zusätzliche Verunsicherung der Märkte zu vermeiden.

Zeit drängt

Doch genau das haben die 27 Finanzminister durch vage Ansagen nach dem Ende ihres Treffens am Dienstag erreicht. Ein Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs am Freitagabend, das Klarheit schaffen soll, ist zwar noch nicht bestätigt, aber wahrscheinlich. Der aktuelle Zustand, mit Griechenland vor dem Zusammenbruch, schweren Zeiten in Portugal und Spanien und Italien in Turbulenzen, lässt ein Abwarten über den Sommer nicht mehr zu.

Einig waren sich die Finanzminister, dass die plötzliche Krise in Italien ein Resultat der Unsicherheit der Märkte in Griechenland sei. "Das ist der Kern des Problems der Krise", sagte Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble. Italien habe ein ambitioniertes Sparziel vereinbart, er sei sicher, dass die Märkte dann Italien wieder realistischer beurteilen. Die Hoffnung ist, dass Spekulanten den Euro dann endlich in Ruhe lassen.

Trendwende

Bekräftigt wird von allen Seiten, dass derzeit alle Optionen - eben auch ein Schuldenschnitt - diskutiert werden. "Das ist nicht mehr ausgeschlossen, ganz klar", sagte der niederländische Finanzminister Jan Kees De Jager.

Selbst der Chef des weltgrößten Anleiheninvestors Pimco, Andrew Bosworth, plädierte in einem Welt-Interview für eine geordnete Umschuldung Athens: "Die Politik muss endlich erkennen, dass Sparen allein dort nicht hilft." Das Land hat einen Schuldenstand von 150 Prozent der Wirtschaftsleistung. Den Schuldenschnitt will vor allem die Europäische Zentralbank verhindern, weil die Banker die möglichen Folgen fürchten.

Österreichs Ministerin Maria Fekter hofft auf neue Lösungen: "Vielleicht gelingt es, ein sehr kreatives Modell zu finden, das den Griechen nützt und das hilft, die finanzielle Größenordnung für die Länder zu verkleinern und das gleichzeitig von den Finanzmärkten nicht als 'selective default' (ein teilweiser Ausfall, Anm.) gesehen wird."

Schäuble bleibt bei dem Thema vorsichtig: "Das war einer der vielen Vorschläge." Man dürfe aber jetzt nicht einzelne Punkte diskutieren, "es gibt sonst eine Beunruhigung auf den Märkten, von der wir überrollt werden."
Fix ist zudem ein neues Hilfspaket für Athen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Es soll bis spätestens September fixiert werden.

Ankauf griechischer Schuldtitel

Die Eurozone erwägt nach Angaben des Präsidenten der Europäischen Investitionsbank (EIB), Philippe Maystadt, durch den Kauf griechischer Schuldtitel zur Entspannung der Budgetlage in Athen beizutragen. Es gebe einen von der EZB und der EU-Kommission unterstützten Vorschlag, staatliche griechische Schuldtitel "zu Marktpreisen" zu kaufen, sagte Maystadt am Dienstag dem belgischen Fernsehsender RTL-TVI. Gemessen am Ausgabewert haben die griechischen Papiere am Markt stark an Wert verloren, Anleger mussten folglich schwere Verluste hinnehmen.

Maystadt räumte ein, dass es unter den Europäern weiter Differenzen gebe, wie Griechenland geholfen werden solle. "Hinsichtlich des Ziels herrscht Einigkeit, aber es gibt noch keine Einigkeit über die Mittel, um es zu erreichen", sagte der EIB-Präsident. Klar sei, dass die Schuldenlast Griechenlands gemindert und der Druck auf das griechische Bruttoinlandsprodukt gemildert werden müsse. Ein Aufkauf eines Teils der Schulden Athens würde dabei helfen, so der Banker.

(KURIER, KURIER.at) Erstellt am
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