Wirtschaft
27.05.2017

"Es ist alles für einen Zinsanstieg in der Eurozone angerichtet"

Die Inflation legt zu und die Wirtschaft wächst wieder stärker. Die Leitzinsen dürften aber erst 2019 steigen.

Auch wenn die US-Wirtschaft im ersten Quartal mit 1,2 Prozent das schwächste Wachstum seit einem Jahr verzeichnet, gilt eine weitere Zinsanhebung im Juni als so gut wie fix. Erst im März hob die Notenbank Fed den Leitzins auf die Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozent an. In der Eurozone hingegen tut sich bis auf weiteres nichts. Die Europäische Zentralbank ( EZB) hält an ihrer Nullzinspolitik fest. "Dabei ist alles für einen Zinsanstieg in der Eurozone angerichtet", sagt Martin Hüfner. Er war lange Jahre Chefvolkswirt der HypoVereinsbank und berät nun die Direktbank Hello Bank.

Denn die Konjunktur verzeichne weltweit einen Aufschwung. "So eine breite Erholung hat es schon lange nicht mehr gegeben." Die Arbeitslosigkeit gehe damit einhergehend zurück, und die Inflation lege zu. Zwar kratze die Rate in der Eurzone bereits an der für die EZB maßgeblichen Schwelle von zwei Prozent, aber, so schränkt Hüfner ein, die Kerninflation (ohne Energie) sei mit 1,2 Prozent noch davon entfernt. Zudem habe die Konjunktur aus Sicht der EZB noch Risiken – aus Hüfners Sicht nur bedingt. "Ich glaube, die EZB ist zu negativ und übertreibt die Risiken. Der Druck auf die EZB wird zunehmen."

Vor allem beim negativen Einlagenzins (wenn Banken ihre Gelder bei der EZB für kurze Zeit parken) müsse etwas geschehen. "Der negative Zins ist problematisch, den versteht kein Mensch." Zudem rechnet Hüfner damit, dass die EZB ab Beginn nächsten Jahres die von ihr erworbenen Anleihen wieder verkaufen werde. Die Leitzinsen dürften aber erst ab Anfang 2019 auch in der Eurozone wieder angehoben werden. Die Geldmarktzinsen hingegen hätten ihren Tiefpunkt bereits überwunden, sie würden langsam wieder steigen. Bei Kreditkonditionen ist dies bereits bemerkbar, bei Sparbüchern ändere sich vorerst noch nichts, stellt Hüfner fest.

Draghis Nachfolger

Spannend wird es laut Hüfner 2019 aber auch, wenn EZB-Chef Mario Draghi aus dem Amt ausscheidet. Draghi will mit ultralockerer Geldpolitik den Aufschwung so lange ankurbeln, bis er sich selbst trägt. Das wird von einigen Ländern kritisiert, darunter auch von Deutschland und dessen Bundesbankchef Jens Weidmann. Pikant daran ist, dass ausgerechnet dieser als heißer Kandidat für die Nachfolge Draghis gehandelt wird. Sollte also Weidmann tatsächlich zum Zug kommen, ist es denkbar, dass er mit der Politik seines Vorgängers bald deutlich Schluss macht.

Gegen Weidmann in dieser Position spricht allerdings, dass mit Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsfonds (ESM), bereits ein Deutscher ein Spitzenamt in der europäischen Finanzpolitik bekleidet.