Wirtschaft
05/25/2019

„Es geht jetzt um die Staatsräson“

Sabine Herlitschka, Chefin des Chipherstellers Infineon, sieht Österreichs Stabilität in Gefahr

KURIER: Sie waren diese Woche im Ausland. Wurden Sie oft auf die innenpolitische Lage in Österreich angesprochen? Sabine Herlitschka: Ja. Vor allem meine Kolleginnen und Kollegen im Infineon-Konzern stellen Fragen.

Was wollen die wissen?

Wir haben genau vor einem Jahr mit 1,6 Milliarden Euro hier in Villach die größte privatwirtschaftliche Investition bekannt gegeben, die es in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich gegeben hat. Meine Kollegen im Konzern wollen jetzt natürlich genau wissen, was die politische Krise für die Stabilität des Landes bedeutet und wie es mit den Reformen weitergeht.

Sind Sie auch besorgt?

Ich kann jetzt nur an alle politischen Akteure appellieren, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Es muss um das Beste für Österreich gehen. In den vergangenen Jahren wurden wichtige und richtige standortpolitische Entscheidungen getroffen. Österreich hat da international aufgeholt. Wir dürfen nicht wieder Zeit verlieren.

 

 

Das wird jetzt aber passieren.

Bis eine neue Regierung zustande und in die Gänge kommt, wird wertvolle Zeit verstreichen. Und das vor dem Hintergrund eines schwierigen internationalen Umfelds, wie auch die Handelskonflikte zeigen.

Was verlangen Sie jetzt von den politischen Akteuren?

Österreich als kleinere Volkswirtschaft lebt davon, dass wir uns mit bestem Know-how und Produkten in einem zunehmend herausfordernden Wettbewerb global gut positionieren. Das darf nicht gefährdet werden. Allein wir bei Infineon Österreich haben in den vergangenen zehn Jahren 1600 neue Arbeitsplätze geschaffen. Ein Arbeitsplatz bei Infineon führt zu drei weiteren in unserem Umfeld. Ich appelliere daher an die politischen Akteure, dass sie gerade jetzt den Nutzen für das Land in den Mittelpunkt stellen und die Arbeit an den bereits eingeleiteten Reformen fortsetzen.

 

 

2008 hat kurz vor der Wahl der Nationalrat aber fahrlässig gehandelt und Milliarden-Geschenke beschlossen.

Ich denke, dass das noch allen in Erinnerung ist und sich nicht wiederholen darf.

Was halten Sie vom SP-Wahl-Slogan „Mensch statt Konzern“?

Der Slogan ist mir völlig unbegreiflich und ich halte ihn für abwertend. In Österreich gibt es zehntausende Menschen, die in Konzernen arbeiten und dazu noch hunderttausende Menschen in deren Zulieferbetrieben. Hier entsteht Wertschöpfung für die Menschen und die Gesellschaft. Und was genau heißt dieser Slogan für die Konzerne im Eigentum der öffentlichen Hand?

Vielleicht meint man ja auch Facebook und Co. und deren Steuervorteile?

Ich bin für Steuergerechtigkeit. Die Politik hätte es längst in der Hand gehabt, faire steuerpolitische Rahmenbedingungen zu schaffen, anstatt in Wahlkampfzeiten mit Slogans Menschen herabzuwürdigen.

Welches Ergebnis wünschen Sie sich bei den morgigen EU-Wahlen?

Dass jene politischen Kräfte gewinnen, die für ein starkes Europa eintreten.

 

 

Welche Stärken sind das?

Vielfalt, Kreativität, Forschung und Entwicklung, Industrie …

Aber das wichtige Match um die billigen Produktionskosten haben wir verloren.

Deshalb ist gerade die Digitalisierung für uns eine so große Chance. Hier zählt vor allem Wissen, also die besten Köpfe, nicht die billigsten Hände.

China kauft sich dieses Wissen in Europa über Unternehmensbeteiligungen gerade zu.

Wir müssen auf unsere Stärken achten. Deshalb müssen Zukäufe aus Nicht-EU-Staaten kontrolliert werden, wir können nicht tatenlos zusehen, wie wesentliche Kompetenzen aus Europa abfließen.

Zurück nach Österreich. Bis wann ist der 1,6-Milliarden-Ausbau in Villach fertig?

Der Ausbau läuft ja schon und wir sind im Plan. In zwei Jahren starten wir mit der erweiterten Produktion.

Suchen Sie eigentlich neue Mitarbeiter?

Ja, wir bieten hochattraktive Arbeitsmöglichkeiten: In Forschung und Entwicklung suchen wir hier in Villach 350 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für die Chipfabrik bieten wir neue hochqualitative Arbeitsplätze für 400 Leute.

 

Zur Person:

Forschungsexpertin als Chefin

Sabine Herlitschka absolvierte  an der Boku in Wien das Studium für Lebensmittel- und Biotechnologie. Zunächst war sie dann Forscherin bei der Immuno AG, bis sie bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG und an der Medizinischen Universität Graz ins Management aufstieg. Nach Forschungstätigkeiten in Washington DC, USA, wurde sie 2011 Vorstandsmitglied bei Infineon Austria. Seit 2014 leitet sie den Konzern. Infineon Austria erzielte mit 4.200 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von knapp drei Milliarden Euro.