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Analyse
09/20/2021

Entscheidung um Evergrande-Pleite steht an: Ruhe vor dem Sturm

Chinas Immobilienriese steht vor dem Zusammenbruch. Österreichische Finanzinstitute sollen nicht direkt betroffen sein, die Sorge ist trotzdem groß.

von Johannes Arends

Am Mittwochabend europäischer Zeit steht im Fall Evergrande eine Entscheidung an. Bis dahin muss Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern, der unter einem mehr als 260 Milliarden Euro schweren Schuldenberg zusammenzubrechen droht, einen Kredit in Millionenhöhe zurückzahlen. Stand jetzt kann sich kaum jemand vorstellen, wie das gehen soll.

Die stolze Firma mit Sitz in der Industriestadt Shenzhen hat in diesem Jahr schon einige Fristen verstreichen lassen. Der Aktienwert ist seit dem 1. Jänner bereits um knapp 85 Prozent eingebrochen, zudem werden in den letzten Tagen immer neue Hiobsbotschaften rund um Evergrande publik.

Unter Beobachtern wächst die Sorge, dass sich hier eine Milliardenpleite androht, die etliche andere Immobilienkonzerne und Banken mit in die Tiefen reißen könnte – vor allem in Asien.

Eine Krise wie 2008?

Experten zufolge hatte Evergrande, dass in China auch unter dem Namen Hengda bekannt ist, schon vor der Pandemie Probleme mit fristgerechten Kreditzahlungen. Die Krise hat die Lage aber noch einmal drastisch verschlechtert, weshalb die Konzernführung vor knapp einer Woche zugab, man befinde sich "in beispiellosen Schwierigkeiten".

Am Wochenende gab man zudem bekannt, dass sich sechs ranghohe Manager inmitten der Firmenkrise bereichert hätten, indem sie hauseigene Anlageprodukte illegalerweise im Voraus einlösten. Dieses Geld werde nun zurückverlangt, außerdem werde man "strenge Strafen" verhängen, hieß es. Eine drohende Insolvenz stehe trotzdem (noch) nicht ins Haus. Dass die ohne einen Eingriff der chinesischen Regierung aber unvermeidbar sein wird, darüber sind sich alle Beobachter einig.

Uneinigkeit herrscht indes darüber, wie groß die Auswirkungen einer solchen Pleite sein würden. Manche befürchten in Anspielung an die Weltwirtschaftskrise 2008 bereits einen zweiten "Lehman Brothers"-Moment. Die Pleite der bekannten US-Bank hatte einst etliche andere Banken und Konzerne mit in die Krise gestürzt.

"Der Fehler bei Lehman war ja, dass man die Bank nicht aufgefangen hat, sondern pleitegehen ließ", sagt Finanzminister Gernot Blümel dem KURIER. Er gehe davon aus, dass man "diesmal im Extremfall verstaatlichen wird", da "kein Land riskieren will, zum Ausgangspunkt für eine neue Weltwirtschaftskrise zu werden", so Blümel.

Österreich nicht mit drin

Wie ein KURIER-Rundruf bei österreichischen Banken und Fondsgesellschaften ergab, dürfte es immerhin keine größeren heimischen Investitionen in Anleihen oder Aktien von Evergrande geben. Auch der Finanzmarktaufsicht (FMA) ist diesbezüglich nichts bekannt.

Freilich könnte die Betroffenheit der heimischen Finanzbranche anders aussehen, falls es zu einer Kettenreaktion in China und darüber hinaus Asien käme. Denn Evergrande verfügt über ein regelrechtes Geflecht von mehr als 200 Tochterkonzernen, das weit über die Immobilienbranche hinausgeht. Die Sorge vor einem Domino-Effekt bleibt also bestehen.

Finanzielle Hilfe aus Peking wird immer unwahrscheinlicher. So arbeitet die Regierung der Nachrichtenagentur Reuters zufolge an dem Plan, Evergrande "möglichst kontrolliert" kollabieren zu lassen. Soll heißen: Einige Banken bereiten sich bereits auf Kreditausfälle vor, während andere dem Konzern mehr Zeit für die Rückzahlung einräumen sollen.

Dafür spricht auch ein erst am Freitag in der staatsnahen Zeitung Global Times veröffentlichter Kommentar des Chefredakteurs Hu Xijin, der normalerweise als Sprachrohr der kommunistischen Regierung in Erscheinung tritt. Hu zufolge wird die Bedeutung von Evergrande massiv überschätzt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.

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