Gefragt ist eine gute Nase für den weltweiten Milchmarkt. Ohne zusätzliche Absatzmöglichkeiten für in Österreich erzeugte Milch werden die Preise deutlich sinken.

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Serie Branchen-Check
01/07/2015

Ende der Milchquote: Der Preis ist wieder heiß

Russland-Sanktionen und HCB-Skandal überschatten die Marktliberalisierung in der EU.

von Andreas Anzenberger

Willkommen im freien Milch-Markt. Ab April 2015 fallen in der EU die nationalen Lieferbeschränkungen für die Milchbauern. Die Produktionsmenge in der EU wird daher steigen. Laut Schätzungen sollen allein in Österreich in den kommenden Jahren zwischen 15 und 25 Prozent mehr Milch an die Molkereien geliefert werden.

Systemwechsel

"Der Systemwechsel wird kein einfaches Unterfangen", macht sich Helmut Petschar , Präsident der Vereinigung österreichischer Milchverarbeiter, keine Illusionen über die neuen Herausforderungen. Der Wettbewerb wird sicher härter.

Ohne die Erschließung neuer Märkte wird der Erzeugermilchpreis im kommenden Jahr wegen des zusätzlichen Angebots deutlich sinken. Niedrigere Endverbraucherpreise erfreuen die Konsumenten. So mancher Milchbauer könnte dann aber nicht mehr kostendeckend produzieren. Der Erzeugermilchpreis ist seit Jahren niedriger als beim EU-Beitritt vor 20 Jahren.

Drei Monate vor der Marktliberalisierung geht es mit den Erzeugerpreisen wieder einmal nach unten. Die Gegensanktionen Russlands zeigen Wirkung. Vor der Eskalation des Ukraine-Konflikts wurden jährlich 260.000 Tonnen Käse und 30.000 Tonnen Butter aus der EU nach Russland exportiert. Damit ist es nun vorbei.

Nicht nur der Ukraine-Konflikt sorgt für schlechte Rahmenbedingungen. Die hohen Hygienestandards waren bisher ein sehr gutes Verkaufsargument für heimische Milchprodukte. Der Skandal um die überschrittenen Grenzwert für Hexachlorbenzol (HCB) in Kärnten ist kein Anreiz, in Österreich einzukaufen. Der ungarische Agrarminister Sandor Fazekas hat seine Landsleute vor verseuchter Milch aus Österreich gewarnt. Man möge doch besser Milch-Produkte aus Ungarn kaufen.

Im Inland gibt es keine zusätzlichen Absatzmöglichkeiten. Der Verkauf von Trinkmilch stagniert seit Jahren und auch bei Butter oder Käse erwartet niemand eine deutlich Steigerung der Absatzmengen bei den heimischen Verbrauchern.

Ein Preiskampf mit der Billigkonkurrenz, um den Absatz anzukurbeln ist kein erfolgversprechendes Rezept. Fast 80 Prozent der in Österreich erzeugten Milch wird in benachteiligten Gebieten wie Bergregionen gemolken. Das sorgt für höhere Kosten. Große Höfe mit Hunderten Kühen in der Tschechischen Republik oder im flachen Norddeutschland produzieren deutlich billiger.

Klasse statt Masse

Daher werden seit Jahren Qualitätsprodukte hergestellt. Deutschland und Italien sind die größten Abnehmern. "Wir haben keine Angst vor der Billig-Konkurrenz", ist der Präsident der Landwirtschaftkammer, Hermann Schultes, von der Qualitätsstrategie überzeugt. Die Milchwirtschaft setzt auf Produkte wie Heumilch (Tierfütterung mit Heu) , Käse aus Heumilch sowie konsequent gentechnikfreie Erzeugung. Exportiert werden neben Trinkmilch verarbeitete Produkte wie Käse oder Joghurt.

Immerhin steigt weltweit die Nachfrage nach Milchprodukten. Vor allem kinderreiche Staaten und China importieren gerne Qualitätsware aus Europa. Wegen der großen Distanz geht es dabei vor allem um Milchpulver.

Es wird aber – so die Prognosen– künftig auch weltweit mehr Milch erzeugt. Bis 2021 wird eine Produktionssteigerung von über 20 Prozent vorhergesagt. In etwa fünf Jahren soll Indien die EU bei der Milcherzeugung überholen.

In Österreich werden in Zukunft weniger Milchbauern mit mehr Kühen pro Hof mehr Milch erzeugen. Das ist keine neue Entwicklung, sondern lediglich eine Fortschreibung eines langjährigen Trends im Agrarbereich: Weniger, aber dafür größere Betriebe. Die Liberalisierung des EU-Milchmarktes wird diese Entwicklung beschleunigen.

Keine Nachfolger

Seit Jahren werden vor allem kleine bäuerliche Betriebe aufgelassen, weil kein Nachfolger gefunden wird. Die Einkommen sind zu niedrig. Die bisher für die Landwirtschaft genutzten Flächen werden verpachtet oder für den Verkehr sowie als Bauland verwendet.

Im Jahr 1970 gab es in Österreich noch knapp über 360.000 land- und forstwirtschaftliche Betriebe. 1999 waren es nur mehr rund 217.500. Vier Jahre später ergab die Zählung einen weiterer Rückgang auf 166.300 Die durchschnittliche Betriebsgröße ist in diesen vier Jahren von 35 auf 44 Hektar gestiegen. Der permanente Strukturwandel ist der Öffentlichkeit auch als "Bauernsterben" bekannt.

Exporte übersteigen eine Milliarde

Am meisten wird von den österreichischen Haushalten beim Einkauf von frischen Lebensmitteln für Fleisch und Geflügel sowie Wurst und Schinken ausgeben. Etwa die Hälfte der monatlichen Aufwendungen entfallen auf diese Produktgruppe. Der Anteil von Milch, Joghurt, Butter und Käse ist mit 32 Prozent in etwa so hoch wie die Ausgaben für Obst und Gemüse. Von den Milchprodukten wird am meisten für Käse bezahlt.

Im vergangene Jahr wurden Milchprodukte (ohne Käse) im Wert von 642 Millionen Euro exportiert. Über 90 Prozent wurde innerhalb der EU verkauft. Käse wurde für 483 Millionen Euro ins Ausland verkauft. Knapp über 80 Prozent blieben in der EU.

Deutliche Zuwächse bei der Exportstatistik gab es 2014 vor allem bei Milch-Lieferungen in die Niederlande und beim Verkauf von Käse nach Libyen. Die asiatischen Länder wie China gelten als Hoffnungsmärkte. Wegen der großen Distanzen wird vor allem Milchpulver ins Reich der Mitte verkauft. Die heimischen Molkereien hoffen, dass zusätzliche Exporte von deutschen Milchpulverproduzenten nach Asien den EU-Markt entlasten werden.

Besonders aufmerksam wird die wirtschaftliche Lage in Italien verfolgt. Ein deutlicher Einbruch der Kaufkraft beim südlichen Nachbarn hätte massive Auswirkungen auf die österreichische Milchwirtschaft. Etwa ein Drittel des Milchexports (ohne Käse) gehen nach Italien. Der Mittelmeerstaat liegt damit nur mehr knapp hinter Deutschland.

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