Wirtschaft
22.06.2017

Ein Fünfer für Österreichs Bildung und für Deutschlands Investitionen

Das Wachstum zieht in beiden Ländern an. Dennoch bleiben Probleme. Die sind aber höchst unterschiedlich, sagt der Ökonom Michael Heise.

Der deutsche Wirtschaftsforscher Michael Heise hatte heuer gute Nachrichten im Gepäck. Bei seinem diesjährigen Wien-Besuch sagte der Chef-Volkswirt des Versicherungskonzerns Allianz der heimischen Wirtschaft heuer einen kräftigen Wachstumssprung voraus: Von 1,5 Prozent 2016 auf zwei Prozent sollte das Wirtschaftswachstum anziehen. Treiber sind der Export und die gute Konjunktur in den Ostländern. Auch Deutschland ist mit 1,9 Prozent Wachstum heuer gut in Fahrt. Dort ist vor allem der private Konsum eine Stütze. Heise identifiziert dennoch Probleme – höchst unterschiedliche allerdings und er erklärt, was Österreich von Deutschland lernen könnte und umgekehrt:

Bildung

Was der Ökonom in Österreich für besonders kritisch hält, ist das Ausbildungssystem. Die Qualifikation sei nicht nur schlecht, sondern gehe auch am Arbeitsmarkt vorbei. Und das nicht nur im Pflichtschulbereich, sondern auch an den Universitäten. Dort gelinge es Deutschland viel besser, Hochqualifizierte auszubilden. "Darauf sollte die kommende Regierung einen Schwerpunkt legen", regt Heise an.

Produktivität

Die mangelhafte Ausbildung findet ihren Niederschlag unter anderem in einer vergleichsweise schwachen Produktivität. Deutschland konnte seine Produktivität im Vorjahr um knapp ein Prozent steigern. Österreich hinkt hier hinterher.

Kredit-Verfügbarkeit

Gebremst hat Österreichs Wirtschaft zuletzt die im Vergleich zu Deutschland offenbar schärfere und schlechter gemanagte Bankenkrise. Der Zugang von Betrieben zu Kreditfinanzierungen ist in Österreich weitaus schwieriger gewesen, verweist Heise auf eine Weltbank-Studie, in der Österreich auf Rang 62 liegt. Deutschland befindet sich viel weiter vorne auf Platz 32.

Investitionen

Gut gesetzt hat die heimische Wirtschaftspolitik laut Heise die Investitions-Anreize für Unternehmen. Um rund sechs Prozent dürften die Investitionen im Vorjahr zugelegt haben. In Deutschland hingegen investieren Betriebe kaum. "Hier herrscht Sorge vor. Unsicherheiten über die Politik der EU, den Brexit und die deutsche Wirtschaftspolitik dominieren", erklärt der Ökonom. Staatliche Investitionen hätten lange gefehlt.

Migration

Die Aufnahme von Ausländern in den Jobmarkt hat Deutschland wiederum besser geschafft. Vor allem Südländer seien gut integriert. Allein aus Italien sind seit 2007 mehr als eine halbe Million Menschen ausgewandert, ein Großteil nach Deutschland. Nach Österreich seien dagegen eher schlecht gebildete Ost- und Südosteuropäer gekommen, stellt Heise fest.