Wirtschaft
09.10.2017

"Ein Denkzettel für die Politik": Was Kleinunternehmer fordern

Vor der Wahl: Kleinunternehmer sind sauer auf die Politik und erheben zahlreiche Forderungen.

99,7 Prozent der heimischen Wirtschaft bestehen aus Klein- und Mittelbetrieben und Einpersonenunternehmen. Diese Unternehmer sind ein entscheidender Faktor für die Nationalratswahl am 15. Oktober, der bisher in den Debatten jedoch sträflich vernachlässigt wurde. Dabei wäre die Liste ihrer Wünsche an eine neue Regierung lang.

"Von einer Strafkultur zu einer Beratungskultur wechseln"

"Die Bürokratie verringern und von einer Strafkultur zu einer Beratungskultur wechseln", verlangt Brigitte Aigner, Eigentümerin des Blumengeschäfts Blumen Brigitte in der Westbahnstraße in Wien. Es reiche, dass einmal ein Preisschild nicht richtig angebracht oder die Arbeitszeit nicht ganz genau aufgezeichnet werde, und sofort würden drakonische Strafen fällig. Aigner meint, dass zumindest eine Ermahnung oder eine schriftliche Aufforderung vorher erfolgen sollte, doch das sei nicht der Fall: "Es wird gleich gestraft."

Sie würde auch gerne die Politikergehälter gekürzt sehen. "Sie sollten nicht mehr verdienen als in dem Beruf, den sie gelernt haben." Die Registrierkasse ist für Aigner eine völlig "unnötige" Einrichtung. "Wenn man schummeln will, geht das immer noch." Das Eintippen der Beträge sehe sie zwar noch ein, das Ausdrucken der Kassabons allerdings nicht. "Da werden Tonnen von Papier verschwendet."

Weniger Arbeitsplätze

Michael Franek, Trafikant in der Effingergasse im 16. Bezirk in Wien, fordert eine Senkung der Lohnnebenkosten und einen Abbau der Bürokratie. Für die Branche wünscht er sich, dass für die Trafikanten mehr Geld überbleibt. Derzeit kassiere der Staat 80 Prozent des Umsatzes als Tabaksteuer, die restlichen 20 Prozent müssten sich Trafikanten und Industrie teilen. "Aus diesem System müssen wir hinaus", sagt Franek, der die Trafik vor vier Jahren von der Rapid-Tormann-Legende Herbert Feurer übernommen hat.

"Aus diesem System müssen wir hinaus"

Der Umsatzanteil der Trafikanten sollte zumindest an die Inflation angepasst werden. Geschehe das nicht, müssten immer mehr Trafiken zusperren. "Die Stückumsätze gehen seit Jahren zurück, die Leute rauchen weniger", sagt Franek. Es müssten laufend Mitarbeiter gekündigt werden, weil sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar seien. Davon seien oft behinderte Menschen betroffen. Mit jedem Standort, der zusperre, verschwinde auch eine Ausbildungsstätte und Arbeitsplätze.

Eine Verschlankung der Bürokratie wünscht sich Johannes Scheiblauer, Betreiber von zwei Hotels im Mostviertel. "Für jeden neuen Paragrafen sollen zwei oder drei alte abgeschafft werden. KMU wollen sich mehr um ihre Gäste und Kunden kümmern als ihre wertvolle Arbeitszeit mit Vorschriften zu verschwenden." Auch sollte der Anteil der Steuereinnahmen, die der Staat für sich verwendet, von derzeit 43 auf mindestens 40 Prozent sinken. "So wären wir international wieder wettbewerbsfähiger."

"Es gibt eine Scheinrechtssicherheit bei Scheinselbständigkeiten, das ist für Unternehmer ein extremes Risiko", sagt Peter Lieber, Eigentümer von LieberLieber Software in Wien. Man könne sich zwar von der SVA ein Gutachten erstellen lassen, dass man Einzelunternehmer beschäftige, die man nicht anstellen müsse, die Gewerkschaft habe aber immer noch ein Durchgriffsrecht. Im schlimmsten Fall müsse der Auftraggeber Lohnabgaben für Arbeitgeber und Arbeitnehmer für sieben Jahre zurückzahlen.

Mehr Kompetenz

Ein zweiter Wunsch Liebers: "Die digitale Kompetenz in Österreich ist viel zu gering, es bräuchte mehr Grundverständnis, wie Computer funktionieren." Die Leute müssten nicht programmieren können, doch sollten sie mit der Materie mehr vertraut sein. Digitalisierung werde in Zukunft eine viel größere Rolle als heute spielen.

Bedenklich ist auch, dass sich viele Unternehmer nichts sagen trauen, weil sie Repressionen fürchten. So auch ein Unternehmer, der ein Schuhservice in Wien betreibt. "Wenn man etwas Negatives über die Behörden sagt, stehen am nächsten Tag die Beamten im Geschäft", so der Mann zum KURIER. Das sei eigentlich Machtmissbrauch.

Die Politiker würden bei dieser Wahl für die Registrierkassenpflicht einen Denkzettel verpasst bekommen. "Damit haben sie die Selbstständigen vergrämt, denn diese werden damit praktisch kriminalisiert", so der Unternehmer. Ein weiterer Wunsch an die Politik: "Sie sollten sich nicht so viele Jobs und Körberlgeld gegenseitig zuschieben." Gerade für Selbstständige, die nicht selten um ihre Existenz kämpfen müssten, sei das unerträglich.

Keine Sorgen

"Die Regierung sollte generell mehr Rücksicht auf kleine Unternehmer nehmen und nicht solche Sachen wie derart hohe Abgaben machen", sagt Leo Josimovic. Der 86-jährige ist der letzte, der alte Röhren- und Autoradios in Wien repariert. Seit 65 Jahren führt er sein Geschäft in der Zirkusgasse in der Wiener Leopoldstadt. "Ich habe schon einige Höhen und Tiefen erlebt, aber jetzt läuft das Geschäft besser denn je", sagt Josimovic. Anfang nächsten Jahres möchte er es an seinen Sohn Andreas übergeben. Bei der Firmenübergabe lege der Staat nicht viele Steine in den Weg, der Aufwand sei überschaubar.

"Die Regierung sollte generell mehr Rücksicht auf kleine Unternehmer nehmen"

Wenn man so lange wie er im Geschäft stehe, gewöhne man sich an vieles, andere würden da schon längst nicht mehr mitmachen. Für Josimovic sind bürokratische Hindernisse und andere Widrigkeiten zur Routine geworden und haben an Dramatik verloren. "Wer am Ende des Weges steht, sieht das anders als jemand, der in der Mitte des Weges steht."